Spielebeurteilung

Democracy 3

28.11.2019
Einmal alle Facetten der Politik steuern – Management-Fans ab 12 Jahren kommen bei dieser Simulation aus dem Tüfteln nicht mehr raus. Democracy 3 ist kein perfektes Abbild von Politik, aber ein Anstoß zum Nachdenken.
Unser Ziel ist es, als Regierungsoberhaupt wiedergewählt zu werden. Wir investieren von Spielrunde zu Spielrunde politisches Kapital, um politische Maßnahmen durchzusetzen, damit andere Faktoren zu beeinflussen und letztlich die verschiedenen sozialen Gruppen in unserer Demokratie von uns zu überzeugen.

Zu Beginn des Spiels wählen wir ein Länderszenario. Wir können zum Beispiel Großbritannien, Frankreich oder Deutschland regieren. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich zu Beginn genauso regulieren wie bestimmte Neigungen des politischen Gemeinwesens wie die Politikverdrossenheit der Bevölkerung.

Am Anfang unserer Amtszeit werden uns Eckdaten zu unserem Staat gezeigt: Bruttoinlandsprodukt, der durchschnittliche Gesundheitszustand der Bevölkerung, die Kriminalitätsrate und andere Faktoren werden uns für den Rest des Spiels begleiten. Das geschickte Ausbalancieren der verschiedenen Indikatoren ist die Erfolgsstrategie bei Democracy 3.

Geschafft! Unsere Kreditwürdigkeit ist gestiegen, weil wir gut gewirtschaftet haben.

Die Spiel-Oberfläche zeigt in der Mitte unsere Beliebtheit bei verschiedenen Fokusgruppen wie Sozialisten, Pendler, Landwirte. Am oberen Rand finden wir Informationen über unser politisches Kapital und unsere Haushaltsbilanz, einen Fortschrittsbalken für die laufende Legislaturperiode sowie Schaltflächen, die uns zu verschiedenen Statistiken führen. Der Großteil der Spielfläche ist bedeckt mit verschiedenfarbigen Symbolen, die entweder für politische Maßnahmen (weiß), für Eckdaten wie Verkehrsnutzung oder Bildungsstand (blau) oder für Krisenzustände (rot) stehen. Durch den grauen Hintergrund und die ikonografischen Symbole erscheint das Spiel sehr trocken.


Das komplexe Netzwerk aus politischen Maßnahmen und Eckdaten verstehen


Zustände, politische Programme, der Haushalt und die eigene Beliebtheit beeinflussen sich wechselseitig. Im Unterschied zu vielen anderen Simulationen macht Democracy 3 aus diesen Beziehungen kein Geheimnis, sondern legt sie offen – zumindest, sobald eine Policy erst einmal entschieden ist. Vor dem Erlassen einer Maßnahme müssen wir gut überlegen, welche Konsequenzen diese haben könnte.

In der Darstellung gelingt es Democracy 3, die Komplexität auf das Wesentliche zu reduzieren. Einblendungen informieren über Symbole und deren Beziehungen zueinander. Dabei symbolisieren rote Linien negative Einflüsse und grüne Linien positive. Die Intensität wird durch die Anzahl und Geschwindigkeit von Pfeilen dargestellt. Insgesamt ergibt sich ein Netzwerk von Zusammenhängen.

Ruht der Mauszeiger auf einem Punkt zeigen sich seine Auswirkungen. Hier wird sichtbar, dass die Einkommenssteuer die Einkommen senkt, aber die Gleichheit steigert.

Die ersten Spielrunden verbringen Anfängerinnen und Anfänger sich erst einmal damit, die verschiedenen Zusammenhänge auszuprobieren. Ein Tutorial gibt es nicht. Achtet man auf bestimmte Stolpersteine, die zum Verlieren führen, kann man schnell einige Legislaturperioden durchhalten. Beispielsweise sollte die Staatsverschuldung nicht zu hoch werden, die durch rote Punkte symbolisierten Krisenzustände sollten möglichst bewältigt werden und man sollte es sich mit keiner Fokusgruppe vollständig verscherzen. Im letzten Fall kommt es schnell zu Attentaten auf uns als Regierungschef oder –chefin.

Sollen wir Bio-Kraftstoff fördern? Democracy 3 hält zahlreiche politische Maßnahmen bereit, die wir aus aktuellen Debatten kennen.

Sind politische Fragen besonders umstritten in der Bevölkerung, reicht das politische Kapital zu Beginn des Spiels häufig gar nicht erst aus, um diese zu ändern. Will man zum Beispiel die Abtreibungsgesetze ändern, braucht man eine ganze Menge Punkte. Politisches Kapital erlangt man durch das Einsetzen von kompetenten und beliebten Ministern. Jede Person im Kabinett hat bestimmte Fokusgruppen, die unterstützen. Auch die Zusammensetzung der Bevölkerung wandelt sich im Laufe der Spielrunden durch die eigenen Maßnahmen. Wer Landwirte subventioniert, der oder die trägt auch dazu bei, dass es mehr davon gibt.

Wählerinnen und Wähler können bis auf eine individuelle Ebene beobachtet werden. Sie gehören mehreren Fokusgruppen an, nach denen sich ihre Haltung zur Regierung richtet.

Zu Beginn der Spielrunden wird uns häufig eine politische Entscheidung vorgelegt und wir müssen spontan entscheiden. Ob wir zum Beispiel einen Hardliner oder eine Liberale zum obersten Richter ernennen, hat eine Auswirkung auf unsere Beliebtheit bei den jeweiligen Fokusgruppen.


Democracy 3 DLCs


Zu Democracy 3 wurden vier DLCs herausgegeben, die das Spiel noch wesentlich umfangreicher machten. Zusätzlich gibt es für Democracy 3 zahlreiche kostenlose Mods , die von Nutzerinnen und Nutzern erstellt wurden. 2016 wurde die eigenständige Erweiterung Democracy 3: Africa veröffentlicht.
  • Democracy 3: Clones and Drones erweitert das Spiel um soziale Phänomene rund um das Klonen und Drohnen. Dazu kommen entsprechende politische Handlungsoptionen. Spielerinnen und Spieler müssen zwischen Automation in der Industrie und Arbeitslosigkeit abwägen. Hochaktuell sind auch Fragen des Klimawandels und der Ressourcenknappheit.

In den DLCs wird das Hauptspiel um neue Politikfelder ergänzt. „Democracy 3: Drones and Clones“ stellt soziale und wirtschaftliche Konsequenzen des Klonens zur Debatte.

  • In Democracy 3: Social Engineering geht es um soziale Netzwerke und Manipulation. Mit dem DLC kommen neue Dilemmata und politische Möglichkeiten, etwa TV-Werbekampagnen für gesünderes Essen, kostenlose Erziehungskurse und Stadtbauernhöfe. Im Mittelpunkt stehen hier also Maßnahmen des sogenannten Nudgings, also eine Beeinflussung des Verhaltens der Bevölkerung ohne Zwänge und Verbote.

  • Democracy 3: Extremism erweitert das Basisspiel um 33 neue Situationen und politische Programmpunkte rund um das Thema Extremismus. Soll am Anfang von jeder Übertragung die Nationalhymne gesungen werden? Soll Scheidung verboten werden? Oder gleichgeschlechtliche Ehe?

  • Der DLC Democracy 3: Electioneering versucht, das Wahlverhalten von Wähler/innen etwas authentischer zu gestalten. Die Verknüpfung von eigener Betroffenheit von politischen Entscheidungen der Regierung und Wahlverhalten wird abgeschwächt. Demnach entscheiden Wählerinnen und Wähler eher emotional, wem sie ihre Stimme geben. Die Künste der Wahlversprechen und des Eintreibens von Wahlspenden werden in dieser Erweiterung in das Hauptspiel integriert.


User Generated Content für individuelle Politikideen


Auf der Website des britischen Publishers Positech lassen sich zahlreiche Mods herunterladen, mit denen sich das Spiel durch neue politische Maßnahmen und Einflüsse oder sogar komplett neue Länderszenarien ergänzen lässt. Der Mod Foreign Affairs – Germany zum Beispiel setzt uns politische Dilemmata in der deutschen Außenpolitik vor. Wie sollen wir uns zu der menschenrechtlichen Situation in China verhalten? Sollen wir die USA in Afghanistan unterstützen? Wie konsequent setzen wir die Klimaziele um?

Das Modding für Democracy 3 ist sehr einfach möglich. Das Entwicklungsteam von Democracy 3 hat die Werte, die die Spielmechanik festlegen, in normalen Excel-Tabellen abgelegt. Hier können politische Maßnahmen, Ereignisse und Effekte neu erstellt werden und vorhandene verändert werden. Auf der Homepage von Positech findet sich eine Anleitung für das Modding.


Die Politik afrikanischer Staaten erleben mit Democracy 3 Africa


Im April 2016 hat Positech eine eigenständige Erweiterung zum Hauptspiel veröffentlicht. Es sind zehn afrikanische Länder spielbar, zum Beispiel Ägypten, Botswana und Ghana. Die DLCs und Mods lassen sich ebenfalls integrieren. Neue Eckdaten wie der Human Development Index oder die HIV-Rate greifen wichtige afrikanische Themen auf, wodurch das Spiel einen deutlichen Unterschied zwischen den bisher spielbaren Staaten macht.

Die Erweiterung Democracy 3: Africa führt zehn spielbare afrikanische Staaten mit neuen Herausforderungen ein.

Matthias Köberlein (bpb)
Dieses Spiel wurde getestet von:

Pädagogische Beurteilung:

Managerinnen und Perfektionisten


Democracy 3 spricht Spielerinnen und Spieler an, die sich für Politik und Gesellschaft interessieren und sich für komplexe Zusammenhänge begeistern können. Persönlichkeiten, die gerne managen und sich dabei mit Vorliebe in Details verlieren, kommen hier voll auf ihre Kosten. Die Spielzeit pro Runde hängt vom Erfolg im Amt und der eigenen Geschwindigkeit bei Entscheidungen ab. In einer Stunde kann man in aller Regel schon einige Legislaturperioden durchspielen.


Altersempfehlung ab zwölf Jahren


Die Komplexität des Spiels macht es für Kinder unter zwölf in der Regel unattraktiv. Gefahren gibt es für Kinder allerdings nicht, es gibt keine direkt erkennbaren Darstellungen von Gewalt oder ähnlichem. Wenn Gewalt in bestimmten Spielsituationen eine Rolle spielt, wird diese abstrakt durch Texte und Symbole dargestellt. Wer diese Inhalte durchdringt wird in der Regel auch mit diesen umgehen können. Es handelt sich um ein klassisches Vollpreis-Spiel. Lediglich die DLCs kosten zusätzlich Geld.


Zusammenhänge sichtbar machen


Sicher stellt Democracy den Beruf des Politikers oder der Politikerin nicht authentisch dar. Das sollte auch nicht das Kriterium für ein Computerspiel sein. Dennoch zeigt es eine Vielfalt von Möglichkeiten, die politische Realität zu beeinflussen. Insbesondere die Tatsache, dass sich politisches Handeln komplex auswirkt, vermittelt das Spiel wie kein anderes bisher.

Durch das Bekenntnis zur Komplexität von Politik erzeugt das Spiel Verständnis für die langen politischen Prozesse. Demnach ist ein pädagogischer Einsatz im Rahmen der politischen Bildung durchaus denkbar. Das Spiel könnte genutzt werden als Werkzeug gegen Politikverdrossenheit. Auch ermöglicht es einen Rollenwechsel: einmal Politik in allen Facetten alleine gestalten!

Insbesondere mit den DLCs behandelt das Spiel zentrale politische Diskurse: den Klimawandel, Datenschutz, Überwachung, Migration, Rechtsextremismus und vieles mehr. Für die politische Bildung oder den schulischen Politikunterricht ist das Spiel womöglich gut einsetzbar.


Ideologievermittlung durch die Spielmechanik


Kein Spiel ist frei von Ideologie. In diesem Fall wird ein bestimmtes Verständnis von Politik, nämlich ein sehr mathematisches, vermittelt. Auch die Wirkung von politischen Maßnahmen kann sicher Gegenstand von Kontroversen sein. Führt starke Einwanderung tatsächlich immer zu rassistischen Unruhen? Sind Reiche wirklich immer gegen eine Besserstellung von Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmern? Wäre nicht auch ein Ausbruch aus den Grenzen dieser Simulation denkbar – zum Beispiel durch die Überwindung nationaler Grenzen? Sicher sollte Democracy 3 nicht als ein perfektes Abbild tatsächlicher Politik betrachtet werden, sondern eher als Anstoß zum Nachdenken. Wem die Zusammenhänge dann nicht gefallen, der kann sich schließlich ans Modding begeben und somit sogar die eigenen Prämissen über Zusammenhänge anpassen.

Fazit:

Democracy ist ein Management-Spiel, das entsprechende Spielerpersönlichkeiten anspricht. Das Genre Politik ist in diesem Zusammenhang in keinem anderen Spiel so komplex umgesetzt worden. Die Komplexität des Spiels entfaltet sich in der Regel erst ab einem Alter von 12 Jahren.

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Bildnachweise

[1]Democracy 3 / Positech Games / Screenshot by spielbar.de[2]Democracy 3 / Positech Games / Screenshot by spielbar.de[3]Democracy 3 / Positech Games / Screenshot by spielbar.de[4]Democracy 3 / Positech Games / Screenshot by spielbar.de[5]Democracy 3 / Positech Games / Screenshot by spielbar.de[6]Trailer zum DLC „Drones and Clones“ auf Steam / Positech Games / Screenshot by spielbar.de[7]Democracy 3: Africa / Positech Games / Pressematerial[8]Tropico 6 / Kalypso Media / Screenshot by spielbar.de[9]https://pixabay.com/de/fake-fake-news-medien-laptop-1903823/[10]Attentat 1942 / Karls-Universität Prag, Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik / Screenshot by spielbar.de[11]CC, wobogre[12]Against All Odds by UNHCR