Spielbeurteilung

Democracy 4

21.03.2022
In dieser Politiksimulation müssen wir unsere Wiederwahl sichern. Dabei geht es trotz hoher Komplexität meist einfacher zu als in der realen Politik. Als Lehrstück in Sachen Demokratie ist das Spiel dennoch geeignet.
  • Genre:
  • Herausgeber:
    Positech Games
  • Plattform:
  • Erscheinungsdatum:
    Januar 2022
  • USK:
    nicht geprüft
  • spielbar:
"In der Politik passiert nichts zufällig. Wenn es doch passiert, war es so geplant", lautet ein Zitat, das oft fälschlicherweise dem früheren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zugeschrieben wird. Von wem das Zitat wirklich stammt, ist nicht bekannt, doch könnte es auch problemlos Teil der Spielbeschreibung von "Democracy 4" sein. Die Spielenden übernehmen in der Politik-Simulation die Rolle eines Regierungschefs oder einer Regierungschefin und nehmen mit ihren Entscheidungen Einfluss darauf, wie sich verschiedene Bereiche innerhalb ihres virtuellen Landes entwickeln. Ein guter Plan sollte dabei auf jeden Fall geschmiedet werden, da schon die kleinsten Änderungen am Status Quo große Auswirkungen auf das Land sowie die Wählerinnen und Wähler haben können.

Die zahlreichen Piktogramme repräsentieren politische Einzelfragen. Jede einzelne Stellschraube hat Auswirkungen auf die Beliebtheit bei den verschiedenen Wählergruppen.

Um erfolgreich zu sein – was im Spiel bedeutet, wiedergewählt zu werden und keinem Attentat zum Opfer zu fallen – müssen die Spielenden die komplexen Zusammenhänge zwischen den simulierten politischen Themenfeldern sowie deren Beziehung zur jeweiligen Wählerschaft verstehen. Die Dauer einer Spielsession hängt dabei vom Erfolg der Spielenden ab und wird nur durch das Scheitern der Regierung bei Wahlen begrenzt. Verschiedene Entwicklungen im Land, auf die kein direkter Einfluss genommen werden kann, hängen dennoch mit politischen Themen zusammen, die von den Spielenden beeinflusst werden können. Nicht selten hat ein politisches Thema dabei Auswirkungen auf mehrere Entwicklungen im Land. Auch auf die unterschiedlichen Gruppen von Wählerinnen und Wählern wirken sich die Handlungen der Spielenden aus. Ein Beispiel: Die Erhöhung der Kraftstoffsteuer sorgt dafür, dass die Nutzung von diesel- und benzingetriebenen Autos sinkt und mehr Menschen auf Alternativen umsteigen. Umweltschützerinnen und Umweltschützer werden den Spielenden eine Steuererhöhung daher danken. Gleichzeitig wirkt sich eine Erhöhung der Kraftstoffsteuer jedoch negativ auf das Bruttoinlandsprodukt aus und autofahrende und landwirtschaftlich tätige Bürgerinnen und Bürger zeigen weniger Unterstützung für die Regierung.

Eine Erhöhung der Kraftstoffsteuer freut die Umweltschützer, verärgert jedoch die Autofahrer: Ein schwer aufzulösendes Dilemma.

Um die Politik des Landes in die gewünschte Richtung zu lenken und dabei möglichst wenige Wählerinnen und Wähler zu verprellen, müssen die Spielenden also genau planen, mit welchen Entscheidungen sie die gewollten Veränderungen erreichen können und welche Nebeneffekte dabei möglicherweise zu beachten sind. Optisch ist das Spiel sehr nüchtern gehalten. Alle politischen Themenfelder und Entwicklungen im Land werden auf einer großen Übersicht dargestellt. Fährt man mit der Maus über eines der zahlreichen Symbole, wird durch Pfeile angezeigt, welche weiteren Bereiche beeinflusst werden. Ein Klick auf eines der Symbole öffnet ein Menü, in dem weitere Hintergründe und Informationen angezeigt werden. Ähnlich verhält es sich für Wählergruppen, wobei die virtuellen Bürgerinnen und Bürger auch mehreren Gruppen gleichzeitig angehören können. So kann eine Umweltschützerin auch gleichzeitig zu den Kapitalistinnen gehören oder eben ein Landwirt zu den Sozialisten. Weitere Menüs verraten mehr über das Budget, Zustimmungsraten oder die Entwicklung der eigenen Partei. All dies ist in übersichtlichen Graphen dargestellt.

Das Spiel ordnet das Für und Wider politischer Entscheidungen in knappen Worten argumentativ ein.

Über das entsprechende Menü können Spielende mit wenigen Klicks neue Gesetze erlassen oder bestehende verändern. Mit einem einfachen Schieberegler werden Gesetze verschärft oder gelockert. Die Auswirkungen auf das Budget, andere Politikfelder und die Wählerinnen und Wähler werden gleichzeitig angezeigt. "Bezahlt" werden solche Änderungen mit politischem Kapital, das in jeder Runde, basierend auf den Werten der Ministerinnen und Minister, wieder aufgefüllt wird. Je krasser die Gesetzesänderung, desto mehr Kapital ist nötig. Ministerinnen und Minister können natürlich auch entlassen und ersetzt werden, wobei ein solcher Schritt gut überlegt sein will, da die Kabinettsmitglieder im Laufe der Zeit an Erfahrung gewinnen und mehr Kapital generieren. Ein Personalwechsel kann allerdings nötig werden, wenn eine Ministerin oder Minister an Loyalität verliert, weil die mit ihr oder ihm verbundene Wählergruppe mit der Regierung nicht zufrieden ist. In extremen Fällen tritt ein Kabinettsmitglied auch von selbst zurück, was der Popularität der Regierung schadet.

Spontane Ereignisse erfordern unmittelbare Entscheidungen und wirken sich auf die Beliebtheit der Regierung aus.

Sollte das virtuelle Volk kurz vor der nächsten Wahl nicht von den Leistungen der Regierung überzeugt sein, gibt es die Möglichkeit, mit Reden für bestimmte Wählergruppen oder Wahlversprechen doch noch die nötigen Prozente zu erlangen. Werden die Spielenden nicht wiedergewählt, endet das Spiel und ein neuer Versuch in einem der zehn verfügbaren Länder wie den USA, Deutschland oder Japan kann unternommen werden – nächstes Mal vielleicht mit einem besseren Plan.
Dominik Rehermann
Dieses Spiel wurde getestet von:

Pädagogische Beurteilung:

"Democracy 4" ist eine komplexe Simulation, welche die Zusammenhänge zwischen politischen Entscheidungen und deren Auswirkungen insgesamt sehr realitätsnah und anschaulich darstellt. Natürlich ist es kaum möglich, die gesamte Realität einer Gesellschaft mit all ihren Facetten und Verknüpfungen vollumfänglich in einem Spiel abzubilden, doch der Politik-Simulation gelingt es, den Spielenden zumindest eine Ahnung darüber zu geben, wie Politik und Gesellschaft zusammenhängen. Umso bedauerlicher ist es, dass "Democracy 4" genau da aufhört, wo es eigentlich spannend werden würde und damit seinem Namen in keinster Weise gerecht wird. Von Demokratie ist in dem Spiel nämlich nicht viel zu sehen – jedenfalls wenn man Demokratie weiter fassen möchte als die regelmäßige Auswahl von politischem Spitzenpersonal. Die Spielenden erfahren als Regierungschefin oder Regierungschef kaum Beschränkungen. Lediglich die Wählerinnen und Wähler, das Kabinett sowie die Geldgeberinnen und Geldgeber der eigenen Partei müssen zufriedengestellt werden. Um das zu erreichen, bedarf es meist nur einiger Gesetze, die relevante Gruppen glücklich machen und schon kann man nach Herzenslust regieren. Beschränkt wird man höchstens noch durch das politische Kapital, das man aber auch über ein paar Runden sparen kann, um genug Punkte für einen Großteil der verfügbaren Gesetzesänderungen zu haben.

Zumindest in westlichen demokratischen Systemen und den entsprechenden wissenschaftlichen Demokratietheorien wird Demokratie in der Regel aber deutlich weiter gefasst als im Spiel dargestellt. Demokratie ist kein technisches System, bei dem ein bestimmter Input einen bestimmten Output erzeugt. Demokratie dreht sich in erster Linie um die Menschen, die in ihr leben. Und auch deren Wünsche und Sorgen sind breiter gefasst als bloße Zustimmung oder Ablehnung zu bestimmten Gesetzen. Ein Spiel kann das nicht in vollem Umfang abbilden. Aber einige zentrale Elemente moderner demokratischer Systeme sollten in einem Spiel mit dem Namen "Democracy" dennoch vorkommen: So fehlt das Parlament als Ort der Debatte und Kontrolle des Regierungshandelns im Spiel komplett. Es gibt keine innerparteilichen Debatten, keine Verbände und Interessengruppen, nicht einmal eine öffentliche Debatte wird als Einflussfaktor simuliert. Auch eine Gerichtsbarkeit kennt das Spiel ebensowenig wie eine aktive Zivilgesellschaft. So gehen all die wichtigen und spannenden Aushandlungsprozesse und Kompromisse, die eine Demokratie prägen, verloren. Schlimmer noch: Das Spiel erzeugt ein Bild von Demokratie, das ohne Werte und die dazugehörigen Dilemmata auskommt. Dass in den Menüs zudem Zitate von zweifelhaften Demokraten wie Vladimir Putin oder Recep Erdogan auftauchen, wirkt zusätzlich befremdlich. So wäre es beispielsweise in Deutschland undenkbar, das Recht auf Asyl vollständig abzuschaffen, ohne dass es eine intensive gesellschaftliche und mediale Reaktion geben würde. Der Bundestag würde eine ausführliche Debatte führen und auch innerhalb der Regierungsfraktionen würden wahrscheinlich einige Abgeordnete bei der Abstimmung über einen solchen Vorschlag abweichen. Schließlich würde sich höchstwahrscheinlich das Bundesverfassungsgericht mit einem solchen Gesetz befassen, sollte nicht schon vorher der Bundespräsident seine Unterschrift aufgrund verfassungsrechtlicher Bedenken verweigert haben. Im Spiel findet dieser Prozess nicht statt. Hier genügt es, genügend politisches Kapital zu sammeln und den entsprechenden Regler ganz nach links zu schieben. Das kostet dann wahrscheinlich Unterstützung bei den Liberalen, während die Patrioten sich freuen. Richtig genutzt bringt das dann wahrscheinlich den Sieg bei der nächsten Wahl in dieser "Democracy", die ihren Namen nicht verdient.

Handlungsempfehlung zum Einsatz in der politischen Bildung


Trotz der Kritik kann "Democracy 4" gut in der politischen Bildung eingesetzt werden. Dabei ist zu beachten, dass die Zielgruppe bei Jugendlichen ab 14 Jahren liegt. Die Gründe hierfür sind die hohe Komplexität der Simulation und das nötige Hintergrundwissen. Jüngere Personen sind sehr wahrscheinlich mit dem Spiel überfordert und werden schnell die Motivation verlieren. Unter Jugendschutzgesichtspunkten kritische Inhalte hat das Spiel jedoch nicht, sodass ein altersunabhängiger Einsatz unter Berücksichtigung der Anforderungen des Spiels möglich ist.

Sowohl in der schulischen als auch außerschulischen Bildung bietet sich die Verwendung des Spiels als Basis für ein Planspiel an, das genau an den Stellen ansetzt, die in "Democracy 4" fehlen. So könnten die Teilnehmenden weitere Rollen im Rahmen des politischen Systems übernehmen und neben der Regierung Parlamentsmitglieder, Richterinnen und Richter oder Teile der Zivilgesellschaft darstellen. Änderungen in der simulierten Spielwelt werden dabei außerhalb des Spiels gemäß den Regeln des politischen Systems diskutiert und abgestimmt. Erst mit einem entsprechenden Mandat darf die Regierung handeln und das politische Kapital für Veränderungen nutzen. So eingesetzt bietet "Democracy 4" dann eine gute Basis, um darüber zu sprechen, wie verschiedene politische Entscheidungen und Entwicklungen zusammenhängen. Ein Wahlsieg im Spiel wird unter diesen Bedingungen natürlich umso schwieriger – aber eben auch demokratischer.

Fazit:

"Democracy 4" stellt die komplexen Zusammenhänge der Politik anschaulich dar. Leider ist das Bild von Demokratie dabei viel zu stark reduziert. Für die politische Bildung ist das Spiel mit ein paar Ergänzungen dennoch geeignet.
Dominik Rehermann
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Bildnachweise

[1]Positech Games[2]Screenshot[3]Screenshot[4]Screenshot[5]Screenshot[6]Democracy 3 / Positech Games / Screenshot by spielbar.de[7]Suzerain / Torpor Games & Fellow Traveller / steampowered.com[8]Evil Democracy 1932 / Hamsters Gaming / Screenshot by spielbar.de

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