Spielebeurteilung

Kingdom Come: Deliverance

11.06.2019
Das Rollenspiel erzählt die Heldenreise eines Schmiedesohns im mittelalterlichen Böhmen. In einer offenen Spielwelt warten Ritter-und-Burgen-Romantik, epische Questen und Duelle auf Leben und Tod.
Wir befinden uns im Jahr 1403 in Böhmen. Kaiser Karl IV., König von Böhmen und deutsch-römischer Kaiser, ist gestorben und vererbt den Thron an seinen ältesten Sohn Wenzel. Mit dessen Regierung sind allerdings viele Adelige und auch Mitglieder seiner eigenen Familie nicht zufrieden, sodass es schließlich zur Verhaftung Wenzels durch seinen Halbbruder Sigismund, König von Ungarn, in Prag kommt. Sigismund nutzt die Unruhen und zieht brandschatzend durchs Land.

Die nomadischen Kumanen überfallen gleich zu Beginn das schutzlose Heimatdorf des Protagonisten.


Mitten in diesem Chaos übernimmt man die Rolle von Heinrich. Heinrich ist ein junger Mann, Sohn des Schmieds im Dorf Skalitz. Doch auch in Heinrichs Leben haben die politischen Wirren eine Auswirkung: Sigismunds Truppen mit Unterstützung der Kumanen fallen in Skalitz ein, brennen die Siedlung nieder, ermorden Heinrichs Eltern und stehlen das letzte Werk des Vaters: ein hochwertig geschmiedetes Schwert für seinen Lehnsherrn Radzig Kobyla. Geradeso gelingt Heinrich die Flucht. Nach einer weiteren Begegnung mit Sigismunds Truppen lebt er bis auf weiteres in Rattay, wo er sich in die Dienste von Lehnsherr Radzig stellt. Es folgt die klassische Geschichte vom einfachen Jungen, der nach und nach in der Gesellschaft aufsteigt und ein Ritterabenteuer erlebt.

Der Spieler lernt als Heinrich den Schwertkampf zu meistern, das Bogenschießen und Reiten. Der Schwertkampf folgt einem ausgeklügelten System zwischen Angriff und Verteidigung und ist für Anfänger sicherlich nicht so schnell zu erlernen. Schnell merkt man auch, dass kleine Dinge wie Entscheidungen in Dialogen eine Auswirkung auf die Charakterentwicklung haben. So kann Heinrich, um jemanden zu überzeugen, entweder auf seine körperliche Stärke verweisen, mit seinem gesellschaftlichen Stand Druck ausüben oder seine charmanten Redekünste spielen lassen.

Während der fordernden Kämpfe sind schnelle Reaktion und Fingerfertigkeit gefragt. Über den eingeblendeten Zielstern können fünf verschiedene Schlagrichtungen und Stöße ausgeführt werden.


In klassischer Rollenspiel-Manier sind verschiedene kleine und große Quests zu erledigen. Hier reicht die Bandbreite von einfachen Aufgaben, wie dem örtlichen Gerber Wildschweinhäute zu liefern, das Müllermädchen zu umwerben oder am städtischen Boxkampf teilzunehmen, bis hin zu langwierigeren Aufträgen. So hilft er beispielsweise seiner Bekannten Johanka, Kranke im Kloster zu versorgen oder untersucht im Auftrag seines Lehnsherren Überfälle in der Gegend um Rattay. Das Hauptmotiv für Heinrich bleibt aber die Rache für seine Eltern und damit einhergehend die Wiederbeschaffung des Schwerts für den Lehnsherren.

Neben den vielen Haupt- und Nebenquests ist man vor allem damit beschäftigt, die große, offene Spielwelt zu erkunden. Auf 16 km2 finden sich dichte Wälder, Flüsse, kleine Dörfer und mittelgroße Städte, mal intakt, mal von den marodierenden Kumanen niedergebrannt.

In der Welt kann man viele Stunden mit Nebenaufgaben, Erkundung oder der Jagd verbringen.

Ann-Kristin Gaumann
Dieses Spiel wurde getestet von:

Pädagogische Beurteilung:

Explizite Darstellungen
Die kämpferischen Auseinandersetzungen häufen sich nicht so sehr wie in anderen Rollenspielen. Heinrich kämpft mit dem Schwert, Pfeil und Bogen oder mit seinen Fäusten. Die gegnerischen Kumanen bleiben dabei namenlos und häufig auch durch ihre Kopfbedeckung gesichtslos. Das Spiel scheut sich nicht – vor allem in Schnittszenen – Bilder von Leichen und blutigen Kampfszenen zu zeigen. Das Ganze wird aus unmittelbarer Nähe durch die First-Person-Perspektive gezeigt. Heinrichs einziger Antrieb bleibt die Rache seiner Eltern.

Auch sexuelle Handlungen werden im Spiel zumindest angedeutet. Abgesehen von ein wenig nackter Haut bei den weiblichen Charakteren kann Heinrich in ein Badehaus gehen und dort „ein Mädchen und alles, was dazugehört“ verlangen. Dies wird zwar nicht explizit gezeigt, aber die visuellen Andeutungen und das Stöhnen im Hintergrund, lassen eindeutige Rückschlüsse zu.
Am Anfang des Spiels, als die gegnerischen Truppen Heinrichs Dorf überfallen, kann es sogar – abhängig von der Entscheidung des Spielers – zu einer angedeuteten Vergewaltigungsszene kommen.

Spielzeit
Die Spielwelt ist so riesig, dass man Stunden damit verbringen kann, in den böhmischen Wäldern auf die Jagd zu gehen oder Räuberlager auszuräumen. Deshalb variiert auch die Spielzeit zwischen 50 und 100 Stunden, je nachdem ob man die ständig auftauchenden Nebenaufgaben erledigen möchte. Die Geschichte entwickelt sich dann nur langsam fort. Die Kämpfe sind dabei fordernd. Es kann schon einmal passieren, dass man mehrmals hintereinander dasselbe Räuberlager angreifen muss, um siegreich aus dem Konflikt hervorzugehen.

Historisches Setting
Das Mittelalter-Rollenspiel wirbt mit historischer Authentizität und sorgte bereits vor der Veröffentlichung für Diskussion. Denn auf den zweiten Blick kann Kingdom Come: Deliverance nicht mit Authentizität überzeugen. Das Mittelalter wird an vielen Stellen romantisiert und historische Konflikte werden vereinfacht.

Schon vor der Veröffentlichung des Spiels wurden die Entwickler mit Rassismus- und Sexismusvorwürfen konfrontiert. Das Magazin Gamestar gibt einen guten Überblick, Jan Heinemann erklärt im Blog „Let’s Play History“ die Kritikpunkte genauer: Erstens gebe es in dem Spiel keine Figuren mit anderem ethnischen Hintergrund oder anderer Hautfarbe. Alle Figuren sind weiß und mitteleuropäisch dargestellt. Nun kann man argumentieren, dass die Wahrscheinlichkeit, im 15. Jahrhundert in einem ländlichen Dorf in Böhmen einen farbigen Menschen anzutreffen, sehr gering ist. Allerdings ist auch die Darstellung der asiatisch-stämmigen Kumanen mitteleuropäisch.

Zweitens drehe sich das Spiel nur um den männlichen Protagonisten, der größtenteils auch nur mit Männern interagiert. Für die Frauen sind lediglich Rollen wie die der Mutter, der Hausfrau oder der Gelegenheitsaffäre vorgesehen. Hier verpasst das Spiel tatsächlich eine große Chance, mit dem Frauenbild im Mittelalter aufzuräumen. Insbesondere die Diskrepanz zwischen gesetzlicher Vorstellung und gelebter Wirklichkeit ist hoch: So hatten Frauen zwar per Gesetz tatsächlich weniger Rechte, sie nahmen aber trotzdem eine wichtige gesellschaftliche Stellung ein. Sie übten Berufe aus und besetzten Machtpositionen, zum Beispiel als Äbtissin.

Drittens gibt es eine allgemeinere Kritik an der historischen Darstellung. Hier stößt das Spiel, wie auch andere Spiele mit historischem Setting, auf das Problem, dass sich Geschichte nicht hundertprozentig korrekt abbilden lässt. Gerade das Mittelalter ist im kollektiven Gedächtnis romantisiert und unterscheidet sich in diesem Bild von den Erkenntnissen der geschichtswissenschaftlichen Forschung.

Fazit:

Das Spiel präsentiert eine rein männliche Erzählung; Frauen treten nur in Nebenrollen, und da auch meistens als Lustobjekt, auf. Der Protagonist flucht, trinkt und benimmt sich oft daneben. Das Spiel zeigt dabei deutliche Gewalthandlungen. Ältere Jugendliche können sich jedoch ausreichend von dem Geschehen distanzieren, vor allem wegen des geschichtlichen Settings. Kritisch zu sehen bleiben die historischen Ungenauigkeiten, in erster Linie, weil der Hersteller eben mit dieser Genauigkeit wirbt.
Ann-Kristin Gaumann
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Bildnachweise

[1]Kingdom Come: Deliverance / Warhorse Studios, Deep Silver / steampowered.com[2]Kingdom Come: Deliverance / Warhorse Studios, Deep Silver / steampowered.com[3]Kingdom Come: Deliverance / Warhorse Studios, Deep Silver / Screenshot by spielbar.de[4]Kingdom Come: Deliverance / Warhorse Studios, Deep Silver / steampowered.com[5]Bandai Namco[6]The Elder Scrolls V: Skyrim / Bethesda Softworks[7]Risen / Koch Media / store.steampowered.com