Interview mit Wolfie Christl

Data Dealer – Legal, Illegal, Scheißegal

15.08.2013
Data Dealer ist ein Online-Spiel über Datenschutz und Überwachung. Wolfie Christl, einer der leitenden Köpfe hinter dem ambitionierten Projekt, spricht im spielbar-Interview über die Hintergründe, die Entstehungs-geschichte und die Bedeutung des Spiels für die politische Bildung.

Sobald man online unterwegs ist, hinterlässt man digitale Spuren: Emailadressen in Foren, Namen und Beziehungsstatus in sozialen Netzwerken, die Kreditkartennummer in Online-Shops. Neben diesen offensichtlichen Beispielen werden auf den Servern der Welt zahlreiche weitere Informationen gespeichert, mit denen sich viel Geld verdienen lässt. In Data Dealer verlässt man die Perspektive des normalen Nutzers und schlüpft in die Rolle eines Datenhändlers.

Das seit 2011 in Wien entwickelte Online-Spiel wurde erst vor kurzem mit dem Games for Change – Award und dem pädagogischen Interaktiv-Preis Pädi ausgezeichnet. Wolfie Christl ist einer der Ideengeber und kreativen Köpfe hinter dem Projekt. In einem Interview erzählt er über die Hintergründe, die Vergangenheit und die Zukunft des Online-Games.


Bild: Das Kernteam von Data Dealer (v.l.): Ivan Averintsev, Ralf Traunsteiner, Pascale Osterwalder, Wolfie Christl (© datadealer.net CC-BY-SA 3.0)


spielbar: Hallo Wolfie! Wer steckt außer dir noch alles hinter Data Dealer?

Wolfie Christl: Am Beginn waren wir zu viert und haben das Projekt ohne Geld und neben unseren Jobs gestartet. Inzwischen ist unser Team auf 15 Köpfe angewachsen, darunter drei Leute aus den USA. Was sich dabei nicht geändert hat, ist, dass wir ziemlich multidisziplinär unterwegs sind: Von inhaltlicher Recherche, Spiel-Design über die technische Entwicklung und Text, Illustration, Multimedia bis zu Organisationsentwicklung, Finanzen und Öffentlichkeitsarbeit deckt kaum jemand nur einen einzelnen Bereich ab. Ein Teil unseres Teams ist der renommierten Wiener Netzkulturinitiative „Public Netbase“ entwachsen und beschäftigt sich schon lange mit den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen von Informationstechnologie. Gleichzeitig haben wir viele Jahre Erfahrung mit Open Source Web Technologie.

spielbar: Warum habt ihr euch dazu entschlossen, mit einem (Serious) Game auf das Thema Datenmissbrauch und Privatsphäre aufmerksam zu machen?

Wolfie Christl: Egal ob Internet oder Smartphone – inzwischen wird fast unser gesamter Alltag überwacht, jeder Klick akribisch digital dokumentiert und dann auf irgendwelchen Serverfarmen am anderen Ende der Welt gespeichert. Viele Menschen haben recht wenig Ahnung, wie das Geschäft mit ihren Daten funktioniert und wissen auch nicht so genau, was die eigentlich wert sind. Wir beschäftigen uns schon länger damit und wissen ein wenig darüber Bescheid, was für fette Potenziale in diesen gigantischen Datenmengen stecken, die heute an allen Ecken gespeichert werden. Gleichzeitig sorgt die Zeigefinger-Schiene à la "sei mal ein wenig vorsichtig was du postest" meistens nur für ein müdes Gähnen – genauso Berichte über Datenschutz, Sicherheitslücken & Co. Die logische Konsequenz für uns: Drehen wir die Situation halt mal um und machen ein Spiel, wo die Leute selber Daten sammeln und verwerten sollen. Vielleicht lässt sich dadurch ein wenig mehr Verständnis erreichen.

spielbar: An wen richtet sich Data Dealer?

Wolfie Christl: Generell sind wir zweigleisig unterwegs: Einerseits im deutschen Sprachraum, andererseits mit der englischen Version auch auf internationaler Ebene. Unser Spiel richtet sich an eine breite Netz-Öffentlichkeit. Darum ist und bleibt „Data Dealer“ auch kostenlos und ohne jede Installation mit dem Web Browser spielbar. Zur Zielgruppe gehören dabei sowohl Kinder und Jugendliche ab etwa 12 Jahren wie auch Erwachsene. Damit das funktioniert, versuchen wir, manche Inhalte doppelt zu kodieren – ähnlich wie zum Beispiel in den Simpsons. Einige Pointen sind vielleicht nicht für jeden 12jährigen verständlich, das macht aber nichts. Auch von speziellen Zielgruppen wie LehrerInnen oder etwa aus dem IT-Sicherheitsbereich haben wir viele positive Rückmeldungen bekommen. Mittelfristig würden wir außerdem gern eine eigenständige Schulversion von „Data Dealer“ samt didaktischem Toolkit entwickeln.

Bild: Alte Personalakten sind nur eine von vielen Informationsquellen, die man in seiner Datenbank haben kann. Interessant sind die vor allem für zukünftige Arbeitgeber.
(© datadealer.net CC-BY-SA 3.0)


spielbar: Welchen Beitrag kann Data Dealer eurer Meinung nach zum Thema Privatsphäre im digitalen Zeitalter für die Nutzerinnen und Nutzer leisten?

Wolfie Christl: Es gibt viele Materialien und Ressourcen im Netz, die sich mit sicherer Internet-Nutzung und einem verantwortlichen Umgang mit den eigenen persönlichen Daten im Netz beschäftigen. Aber die werden viel zu wenig genutzt. Ich denke, dass unser Spiel Leute erreichen kann, die durch klassisch aufklärerische Strategien schwer bis gar nicht zu erreichen sind. Und dabei Antworten geben kann auf Fragen wie: Welche persönlichen Daten gibt's überhaupt? Wer sammelt die und warum? Und was lässt sich mit den gesammelten Daten alles anstellen? Wenn wir auch nur einen Teil davon vermitteln können, ist schon viel erreicht. Wir wollen eine Brücke schlagen und die SpielerInnen dazu anregen, sich mit dem Thema zu beschäftigen - sie dazu motivieren, die vielen vorhandenen Infos zu Datenschutz und Privatsphäre zu nutzen. Aber gleichzeitig soll unser Spiel vor allem eines machen: Spaß!

spielbar: Das Data Dealer-Team hat bisher viele Tausend Arbeitsstunden in das Projekt investiert. Was motiviert euch dazu, dranzubleiben und weiter zu machen?

Wolfie Christl: Die vergangenen zwei Jahre waren wild und auch finanziell nicht immer einfach. Das wird sich auch nach unserem Crowdfunding-Erfolg nicht ändern. Wir haben viel recherchiert, eine eigene Game-Engine entwickelt und außerdem basiert unser Spiel auf der Zukunftstechnologie HTML5 anstatt dem althergebrachten Flash. Unser Projekt ist ambitioniert, das war uns immer klar. Was uns hauptsächlich motiviert, ist das viele enthusiastische Feedback. Allein die rudimentäre Demo -Version ist bisher von über 80.000 Menschen gespielt worden, wir haben hunderte ausführliche Rückmeldungen mit langen Listen von Anmerkungen und Ideen bekommen. Abgesehen vom phänomenalen Medienecho von Europa über die USA bis Südamerika, Australien, Asien und darüber hinaus freuen wir uns auch besonders über das internationale Feedback aus den Bereichen Datenschutz und „Digital Rights“ sowie Bildung und Medienpädagogik. Trotzdem wärs toll, wenn wirs in nächster Zeit mal aus der permanenten prekären Situation der letzten 2 Jahre raus schaffen würden und unsere vielen weiteren Ideen umsetzen könnten. Mal sehen!

spielbar: Vielen Dank für diesen Einblick!

Anmerkung der Redaktion: Auf der offiziellen Website finden sich neben einem Trailer und weiterem Bildmaterial, detaillierte Informationen über den Spielaufbau und eine ausführliche Einführung in den Spielhintergrund. Außerdem kann man sich hier in einer Demo-Version einen Eindruck vom fertigen Spiel machen.

Weiterführender Link

Games for Change – Award

Weblinks

Offizielle Seite von Data Dealer

Data Dealer auf Facebook
Christian Knop
Dieser Artikel wurde verfasst von:

1 Kommentar

Games & Gesellschaft – Grimme Lab schreibt:

[…] „Data Dealer“ dreht sich als Online-Spiel um Datenschutz und Überwachung: „Ziel des Spiel ist es, das Bewusstsein der Nutzer für Datenschutz in sozialen Netzwerken zu schärfen und das Ausmaß von Datenhandel zu zeigen – online wie offline.“ (Tagesspiegel) […]

31.08.2016 um 10:52


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