Spielebeurteilung

Through the Darkest of Times

26.02.2020
Den Widerstand gegen den Nationalsozialismus spielerisch erlebbar machen: Das gelingt diesem Strategiespiel. Um lange Texte kommt man dabei leider nicht herum.
In „Through the Darkest of Times“ sind wir Teil des Widerstands gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Das Spiel wechselt zwischen Strategiespiel und ausgiebigen Dialogsequenzen. Dabei klickt man sich durch viel Text. Immer wieder stehen auch Entscheidungen an. Es sind vor allem moralische Dilemmata: Wie gehen wir damit um, wenn wir ein Mitglied unserer Gruppe verdächtigen, ein Spitzel zu sein? Helfen wir Menschen auf der Straße und gehen dabei das Risiko ein, entdeckt zu werden? Wie schaffen wir es, dass unsere Widerstandsgruppe motiviert bleibt?

Neben dem Aussehen und dem Beruf können wir diverse politische Lager von der Kommunistin bis zum National-Konservativen wählen.


Es gibt zwei Schwierigkeitsstufen zur Auswahl. Wählen wir den schwierigen „Widerstand“, zerbricht unsere Widerstandsgruppe leichter. Wir müssen auf die Moral der Gruppe achten und nach außen hin unerkannt bleiben, sonst landen Mitglieder im Knast. Mit dem einfachen Schwierigkeitsgrad „Erzählung“ kann man fast nicht verlieren. So können auch Spielerinnen und Spieler mit weniger Ambitionen an das rundenstrategische Spielen die Geschichte bis zum Ende erleben. Zu Beginn werden mögliche Aktionen durch Tutorials erläutert.

Flugblätter drucken, Gewerkschafter treffen, Spenden sammeln


Die Widerstandsgruppe hat die Aufgabe, durch verschiedene Aktionen mehr und mehr Unterstützung in der Bevölkerung zu gewinnen. Wir müssen unser Widerstands-Team managen, also mit der Moral der Gruppe und dem Geld haushalten. Eine oder mehrere Mitglieder werden auf Missionen geschickt. Für den Erfolg einer Aktion sind verschiedene Fähigkeiten der Charaktere entscheidend: unter anderem Geheimhaltung, Empathie und Propaganda. Die Charaktere verbessern einzelne Fähigkeiten im Laufe der Zeit. Gegenstände aus dem Inventar können das Risiko an einer Aktion mindern oder den Effekt der Aktion vergrößern. Zum Beispiel hilft uns ein Fahrrad, wenn wir vor der Polizei fliehen müssen. Flugblätter helfen uns beim Sammeln von Spenden.

Unsere Gruppe zählt nur vier Mitglieder und wir können eine fünfte Person rekrutieren. Sie sollte möglichst vertrauenswürdig sein.


Machtergreifung, Olympische Spiele, Krieg und Zusammenbruch


Das Spiel führt uns durch vier verschiedene Phasen des Nationalsozialismus. Diese schlagen sich zwar auch im Gameplay der Strategie-Runden nieder, vor allem sind diese jedoch in den Dialogsequenzen ausführlich aufbereitet. So klicken wir uns durch ausführliche Texte mit eindrucksvoller Bebilderung. Wir erleben den Reichstagsbrand, treffen Erich Kästner bei der Bücherverbrennung, sitzen im Luftschutzbunker und beobachten Deportationen. Auch die Verbrechen der Wehrmacht, Deportationen und Auschwitz werden nicht ausgespart. In diesen Sequenzen ähnelt das Spiel einem finsteren Adventure.

Die düsteren Zwischensequenzen zeigen die Verbrechen der Nazis und stellen uns vor schwierige Entscheidungen.


Wer die Texte liest und sich vollends auf das Spielerlebnis einlässt, wird mindestens zehn Stunden Zeit brauchen. Spielspaß entwickelt sich während der Strategie-Phasen, die Zwischensequenzen dagegen drücken erheblich die Stimmung. „Through the Darkest of Times“ ist so belastend, wie es ein Spiel über den Nationalsozialismus vielleicht auch sein muss.
Matthias Köberlein (bpb)
Dieses Spiel wurde getestet von:

Pädagogische Beurteilung:

„Through the Darkest of Times“ ist in erster Linie ein historisches Lernspiel. Spielspaß kommt nur während der Strategiephasen auf, die einen gewissen Ehrgeiz wecken: Man möchte durchhalten, überleben und letztlich bekommt man dann auch die historischen Ereignisse im Verlauf mit. Dabei identifiziert man sich mehr und mehr mit dem eigenen Avatar, der gesamten Widerstandsgruppe und einigen Opfern. Insofern leistet das Spiel einen wertvollen Beitrag zur Erinnerungskultur. Dabei kann das Spiel sicher nur als eine Facette der pädagogischen Arbeit zum Nationalsozialismus betrachtet werden. Es sind erhebliche Vorkenntnisse oder Nachbereitung notwendig.

Der pädagogische Einsatz ist eine Herausforderung


Für den Einsatz im Schulunterricht ist das Spiel als Ganzes zu langwierig. In der Sekundarstufe II und mit Abstrichen auch der Sekundarstufe I können aber sicher einzelne Passagen des Spiels genutzt werden. Pädagogische Begleitmaterialien zum Spiel wären wünschenswert. Für die offene Jugendarbeit eignet sich das Spiel wohl nur unter bestimmten Voraussetzungen, die leider selten vorhanden sein dürften. Es bräuchte einen gute Betreuungsschlüssel, viel Zeit und Ressourcen auf Seiten der Betreuenden sowie große Lernbereitschaft auf Seiten der Adressierten.

Die Identifikation mit dem Widerstand und den anderen Opfern des Nationalsozialismus ist ein zentrales Ziel der Erinnerungsarbeit. Dieses Ziel dürfte das Spiel vielfach erreichen. Über diese empathische Qualität hinaus schafft es das Spiel in der Strategiephase auch Ansätze zum Lernen im Bereich der Organisation einer politischen Gruppe zu liefern. Die Abwägungen zwischen Moral, Geld und Einfluss, die Spielende hier treffen müssen, sind in der täglichen Arbeit von politischen Gruppen heutzutage in Teilen übertragbar. Historische Fakten vermittelt das Spiel vor allem in den Zwischensequenzen. Das spielt zeigt Schlüsselszenen des Nationalsozialismus: die Machtergreifung, die Propaganda-Show Olympische Spiele 1936, Krieg und Kriegsende. Dabei changiert „Through the Darkest of Times“ elegant zwischen Perspektiven und Orten. Es hält sich dabei jedoch konsequent an Menschen aus dem täglichen Leben, seien es Opfer oder Täter. Die Begegnung mit Erich Kästner bleibt hier die Ausnahme.

In der Schule beginnt die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit mit Eintritt in die Sekundarstufe I. Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren werden bei „Through the Darkest of Times“ sehr viel pädagogische Begleitung benötigen. Eine Gefährdung ist in diesem Alter jedoch, mit der USK übereinstimmend, nicht zu sehen. Die emotionale Einbindung in das drastische Geschehen kann sehr heftig sein. Dabei sind insbesondere die Szenen zu beachten, bei denen die Hauptfigur gefangen, verhört und gefoltert wird. Dennoch ist die Darstellung äußerst reduziert, die Gewalt wird im Text explizit, grafisch ist sie durch stilisiertes Blut nur angedeutet. Zudem gibt es an keiner Stelle Zeitdruck.

Fazit:

Ein digitales Spiel über Widerstand im Nationalsozialismus zu machen, das ist eine große Herausforderung. Denn es gilt, zahllose Fettnäpfchen und Fallen zu umschiffen. „Through the Darkest of Times“ gelingt es, das Thema adäquat umzusetzen. Mit entsprechender Begleitung ist das Spiel durchaus für den pädagogischen Einsatz geeignet. Das Spiel könnte dazu beitragen, digitale Spiele als neuen Zugang der Erinnerungspädagogik zu etablieren.

Bildnachweise

[1]Through the Darkest of Times / HandyGames / Screenshot by spielbar.de[2]Through the Darkest of Times / HandyGames / Screenshot by spielbar.de[3]Through the Darkest of Times / HandyGames / Screenshot by spielbar.de[4]Through the Darkest of Times / HandyGames / Screenshot by spielbar.de[5]Bundeszentrale für politische Bildung[6]Bundeszentrale für politische Bildung[7]Bundeszentrale für politische Bildung[8]Bundeszentrale für politische Bildung[9]Bundeszentrale für politische Bildung[10]Bundeszentrale für politische Bildung