Spielebeurteilung

My Child: Lebensborn

14.01.2020
In „My Child: Lebensborn“ zieht man ein Adoptivkind groß, das in einem Lebensborn-Heim der Nazis aufgewachsen ist. Auf die Spielenden warten schwierige moralische Entscheidungen.
Unser Adoptivkind leidet unter Ausgrenzung und Mobbing.

Story


„My Child: Lebensborn“ ist eine Lebenssimulation. Man schlüpft in die Rolle eines Elternteils, das ein Adoptivkind im Norwegen der Nachkriegszeit großzieht. Die Story entwickelt sich mit zunehmend fataleren Negativereignissen. Die anderen Kinder und die Lehrkräfte grenzen das Kind wegen seiner Herkunft aus.

Zu Beginn des Spiels kann ein Charakter für unseren Schützling ausgewählt werden: der Junge Klaus oder das Mädchen Karin. Diese Wahl ist für den Spielverlauf unerheblich. Beide Kinder erleben die gleichen Ereignisse. Die Dialoge verändern sich nicht.
Karin braucht Hilfe und Trost, um mit Attacken in der Schule umzugehen.

Zu Beginn des Spiels finden sich Adoptiveltern und Kind im Jahr 1951 in einem schlichten Haus in Norwegen. Karin freut sich auf den Schulanfang. Positive Erwartungen prägen die Atmosphäre, doch mit Beginn der Schulzeit ändert sich dies schlagartig. Vom ersten Tag an wird das Adoptivkind in der Schule gehänselt und benachteiligt. Die Hänseleien nehmen im Verlauf des Spiels zu und gipfeln in körperlichen Attacken

Spielerinnen und Spieler müssen in der Fabrik arbeiten, Essen zubereiten, das Ziehkind baden, waschen und eine Gutenachtgeschichte vorlesen. Zum Alltag gehört auch das Lesen von Zeitungen und das Schreiben eines Tagebuchs. Dabei werden die Spielenden über historische Ereignisse der damaligen Zeit informiert. Sowohl die Nachkriegszeit als auch die Besetzung Norwegens durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg werden thematisiert.

Spielerinnen und Spieler erfahren durch den Briefverkehr mit Karins Mutter und ihrer Tante etwas über die Herkunft des Kindes. Die Mutter des Schützlings, eine norwegische Frau, wurde während des Krieges von einem deutschen Soldaten schwanger. Da diese Verbindung und das daraus resultierende Kind von den Nationalsozialisten als „arisch“ angesehen wurden, wurde das Kind nach der Geburt in ein Lebensborn-Heim verschleppt und dort bis zum Ende des Krieges großgezogen. Nach dem Krieg wuchs es zunächst bei den Großeltern väterlicherseits auf, wurde aber später wieder zu seiner Mutter nach Norwegen zurückgebracht, die das Kind dann aber zur Adoption freigab. Hier beginnt unsere Geschichte.



Das Spiel überrascht mit einigen Wendungen. Die Anstellung des neuen Klassenlehrers Herrn Berg ist positiv, denn dieser ist dem norwegisch-deutschen Kind gegenüber sehr aufgeschlossen. Er kümmert sich um Karin, verhindert Mobbingattacken und ermöglicht unserem Ziehkind sogar, bei einem Festumzug mitzumachen. Leider hält diese Freude nicht lang. Herr Berg verlässt die Schule und Karin findet sich im Schulalltag wieder von Benachteiligung und Ausgrenzung umgeben.

Den tragischen Höhepunkt des Spiels bildet ein Tag, an dem der Schützling nicht von der Schule nach Hause zurückkommt. Das Kind wird im Wald gefunden – an einen Baum gefesselt. Die Dialoge transportieren die Lebensgefahr der Situation. Es bleibt nur, mit dem Adoptivkind die Stadt zu verlassen und sich irgendwo ein neues Leben aufzubauen.
Zum Ende hin wird der Schützling an einen Baum gefesselt aufgefunden.

Spielmechanik


Das Spiel bedient sich eines relativ einfachen Bedürfnissystems, das Spielerinnen und Spieler steuern. Karin benötigt Nahrung, Hygiene und Spaß. Dabei ist es nicht erforderlich, die Werte im grünen Bereich zu halten. Wichtig ist, dass die Bedürfnisse nicht komplett unerfüllt bleiben. Karin hält sogar komplett ohne die Erfüllung der Bedürfnisse ein bis zwei Tage aus, bevor sie Reißaus nimmt und das Spiel damit in einem Game Over endet.
Hunger, Hygiene und Spaß sollten zumindest im gelben Bereich bleiben. Sonst könnte unser Schützling weglaufen und das Spiel wäre vorzeitig beendet.

Schwierig gestalten sich vor allem der Tagesablauf und das Unterbringen aller Aktivitäten. Innerhalb der Tagesabschnitte Vormittag, Nachmittag und Abend stehen jeweils zwei Zeit-Punkte zur Verfügung. Für die Nacht kommt noch ein weiterer Punkt hinzu. Wenn das Kind isst, badet oder eine Mahlzeit zubereitet wird, wird ein Zeitpunkt verbraucht. Genauso beim Vorlesen einer Geschichte oder beim Spielen mit dem Ball. Gerade zu Beginn des Spiels ist das Zeitmanagement sehr schwierig. Warum das Spielen mit dem Ball einen Zeit-Punkt verbraucht, das Einkaufen im örtlichen Supermarkt allerdings nicht, erschließt sich nicht. Mit einer gewissen Routine ist das Punktesystem allerdings schnell durchschaubar. Man findet eine gute Balance aus Arbeit und der Beschäftigung mit Karin. Das Adoptivkind kommt auch mal einen Tag ohne Essen aus. Das klingt zwar unmenschlich, ist aber für die Nachkriegszeit gar nicht so unrealistisch.


Spielatmosphäre


„My Child: Lebensborn“ schafft es, Spielende im Verlauf in seinen Bann zu ziehen. Geschichte wird hier schlicht und greifbar aufgearbeitet. Der Spielende wird auf einer emotionalen Ebene angesprochen. Man baut eine Bindung zu seinem Adoptivkind auf und spürt das Leid des Lebensbornkindes. Schnell verliert man das technische Ziel des Spiels aus den Augen. Man will das Spiel nicht einfach durchspielen, sondern wünscht sich für sein Ziehkind ein Happy End.
Die Hintergrundmusik ist zwar sehr stimmig für die damalige Zeit, aber eintönig. Sie bleibt in bedrohlichen und fröhlichen Situationen immer gleich. Mehr Abwechslung hätte die Spielatmosphäre unterstützt.
Charaktere, die unserem Adoptivkind positiv gegenüberstehen, wie Herr Berg, werden als normale Spielfiguren dargestellt. Charaktere, die Karin mit Abneigung begegnen, werden geschwärzt dargestellt. Dieses gestalterische Mittel untermalt die Bedrohung durch die Täterinnen und Täter. Personen werden klar in Gut und Böse unterschieden.
Personen, die Karin negativ gesonnen sind, werden nur schattenhaft dargestellt.

Spielzeit


„My Child: Lebensborn“ ist in sechs Kapitel unterteilt. Jedes umfasst eine gewisse Anzahl von Tagen. Am Ende jedes Kapitels erhält man eine Zusammenfassung, die Aufschluss darüber gibt, wie man mit seinem Schützling umgegangen ist und welche Entscheidungen die restliche Community von „My Child: Lebensborn“ getroffen hat.
Insgesamt umfasst die Spielzeit von der Auswahl des Adoptivkindes bis zum Auszug aus der Stadt, mit dem das Spiel endet, etwa vier Stunden.
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Pädagogische Beurteilung:

In „My Child: Lebensborn“ sind historische Zusammenhänge gut und einfach aufgearbeitet. In Zeitungen und Tagebucheinträgen wird Geschichte anschaulich erklärt. Das Vokabular und der Inhalt sind häufig schonungslos, entsprechen aber der historischen Realität. Die Ausgrenzung des Adoptivkindes wird für Spielende direkt erfahrbar. Man fühlt mit Karin und hofft auf ein positives Ende. Die Spielmechanik sehr leicht verständlich.

In Tagebucheinträgen erfahren Spielende etwas über die Schrecken des Nationalsozialismus.

Die Erfahrungen unseres Schützlings – Ausgrenzung, Benachteiligung und Mobbing – können junge Spielende verunsichern oder verstören. Sie könnten zu Schulangst führen, denn fast alle von Karins Negativerfahrungen beziehen sich auf die Schule.
Im Spiel werden Hakenkreuze und andere verfassungsfeindliche Zeichen gezeigt. Spielende müssen diese Zeichen erkennen. Sie müssen in der Lage sein, zwischen der Verwendung solcher Zeichen zur historischen Aufarbeitung und einer verfassungsfeindlichen Verwendung differenzieren. Entsprechendes Vorwissen oder pädagogische Begleitung sind also vorauszusetzen.

Verfassungsfeindliche Symbolik wird im Spiel zur Aufbereitung des historischen Kontextes genutzt.

Altersempfehlung


„My Child: Lebensborn“ wird von der USK ab zwölf Jahren empfohlen. Die Spielmechanik ist wenig anspruchsvoll und wird auch von jüngeren Spielerinnen und Spielern leicht verstanden. Allerdings betreibt das Spiel eine sehr realistische Auseinandersetzung mit der Geschichte, geschichtlichen Symbolen und der Problematik von Mobbing und Ausgrenzung in der Schule. Von Spielenden wird eine hohe Differenzierungskompetenz verlangt: Sie müssen zwischen Spielinhalten und realen Erfahrungen sowie historischen und gegenwärtigen Gegebenheiten unterscheiden.
Historische Vorerfahrungen zum Thema Nationalsozialismus sammeln Kinder in der Schule bis zum zwölften Lebensjahr zwar kaum. Durch Mediennutzung und Gespräche im häuslichen Umfeld wird in der Regel ab dem zwölften Lebensjahr ein Vorwissen erreicht, das einen sinnvollen Umgang mit dem Spiel ermöglichen sollte. Pädagogische Begleitung ist zu empfehlen.

Fazit:

„My Child: Lebensborn“ ist ebenso schlicht wie vielschichtig. Die Spielzeit ist kurz und das Spielprinzip simpel, doch der Inhalt greift tief. Neben der historischen Situation werden Alltagsprobleme zum Thema, die Kinder auch heute inner- und außerschulisch kennen. Ab zwölf Jahren sollten Kinder in der Lage sein, den emotionalen Ballast zu verarbeiten, den das Spiel durch das Schicksal von Karin transportiert. Dann bietet „My Child: Lebensborn“ eine knackige Auseinandersetzung mit der Nachkriegszeit und dem Nationalsozialismus.
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