Spielebeurteilung

Red Dead Redemption 2

19.03.2019
Die Welt des Wilden Westens wird in „Red Dead Redemption 2“ durch den Fortschritt bedroht. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich eine packende Handlung, die die großen Fragen der damaligen wie heutigen Zeiten berührt.
Wäre „Red Dead Redemption 2“ ein Film, wäre das Spiel des Entwicklungsstudios Rockstar sicherlich für zahlreiche Oscars nominiert worden: Virtuelle Darsteller, Story, Technik, Sound und Inszenierung stehen ihren Pendants in Hollywood in nichts nach und übertreffen diese sogar in der Hinsicht, dass das Medium Computerspiel das interaktive Eintauchen in die Welt des Wilden Westens in einem Umfang ermöglicht, den Filme nicht erreichen können. „Red Dead Redemption 2“ bietet die Gelegenheit, die historische Welt von Outlaws, Cowboys und Siedlern auf Planwagen nach eigenem Belieben zu erkunden und zu verändern. Das Spiel belegt so, dass Spiele ein ebenso großes Kulturgut wie Filme sein können.

Moralisch fragwürdig? Sich mit vorgehaltener Waffe nehmen was man will, das ist Teil der Lebenswelt des Hauptcharakters.

Eine lebendige Welt im Wandel


Die riesige, frei erkundbare Karte bietet eine große Umgebungsvielfalt von verschneiten Berggipfeln über dicht bewachsene Sumpfgebiete bis hin zu einer ausgewachsenen Stadt. Eine Weite, die im Online-Modus auch gemeinsam mit Freunden erkundet werden kann. Unterwegs auf dem Rücken eines der zahlreichen unterschiedlichen Pferde, zu Fuß, per Kutsche oder Eisenbahn können Spielerinnen und Spieler nicht nur die im Jahr 1899 spielende Welt erkunden, sondern auch unzählige Personen, Tiere und Ereignisse entdecken. Die Umgebung wirkt dabei unglaublich lebendig: Rehe flüchten vor der nahenden Spielfigur mit großen Sprüngen ins Unterholz, Banditen überfallen eine Postkutsche und Farmer gehen ihrer täglichen Arbeit nach. Nicht selten fragen Personen spontan um Hilfe oder versuchen die Spielfigur um ihr Geld zu erleichtern – wie man darauf reagiert, bleibt den Spielerinnen und Spielern selbst überlassen. Abhängig von den Reaktionen verändert sich das Ehre-Level , das einen großen Einfluss darauf hat, ob Menschen dem Charakter freundlich oder feindlich gesinnt begegnen. Das Spielerlebnis hängt somit auch von den eigenen Entscheidungen ab.

Gewalt kommt im Spiel häufig vor und wird teils umfangreich dargestellt.

Auch bei den zahlreichen möglichen Tätigkeiten haben Spielerinnen und Spieler freie Hand. Ganz nach Lust und Laune besteht die Möglichkeit, sich für die Jagd auf seltene Tiere, Zugüberfälle oder ein Pokerspiel zu entscheiden. Auch die Garderobe sowie die Haar- und Barttracht und die Ausstattung des eigenen Lagers lassen sich den eigenen Wünschen anpassen. Abgerundet wird das Ganze durch ein übersichtliches, aber umfangreiches System zum Kochen und Herstellen von Gegenständen wie verbesserten Taschen. Nicht nur der Look der Welt, sondern auch die perfekt zum Setting passenden Dialoge und das Verhalten der virtuellen Bewohner des Wilden Westens fangen dabei die historischen Gegebenheiten der Zeit gut ein – auch wenn die Entwickler sich an der ein oder anderen Stelle etwas künstlerische Freiheit nehmen und auch mal einen Geist im Sumpf auftauchen lassen. Ob die Darstellung abseits hiervon als realistisch gelten kann, können sicher nur Historiker beantworten. Sicher ist aber, dass sich der amerikanische Westen in „Red Dead Redemption 2“ insbesondere vor dem Eindruck von modernen Western-Filmen authentisch anfühlt.

Preis des Fortschritts? Der Wandel der Spielwelt wird an zahlreichen Stellen deutlich.

Vielschichtige Charaktere in einer mitreißenden Geschichte


Alleine mit der Erkundung dieser Welt können Spielerinnen und Spieler Stunde um Stunde verbringen, ohne die rund 60 Stunden lange Hauptstory überhaupt anzufangen. Wer sich von seiner Entdeckerrolle lösen kann, wird aber mit einer packenden Geschichte rund um Charaktere belohnt, die überzeugend dargestellt werden und so vielschichtig sind, wie die Spielwelt in der sie leben. Mit der Geschichte rund um die Bande von Dutch van der Linde (Spielerinnen und Spieler des ersten Teils erkennen hier sowohl die Bande als auch viele Charaktere wieder) setzt sich das Spiel mit dem Ende einer Ära auseinander, als der Wilde Westen durch Fortschritt und Technik „zivilisiert“ wurde – ein Thema, das angesichts der technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit aktueller nicht sein könnte.

Das Tagebuch gibt Einblicke in die Gedankenwelt der Hauptfigur und lässt Raum zur Reflexion.

Die Bande, der auch die Spielfigur Arthur Morgan angehört, fühlt sich zwischen der modernen Welt und ihrem Verständnis von Freiheit gefangen. Ein Konflikt, den auch Spielerinnen und Spieler mit sich ausmachen müssen: Wie gerecht ist das Recht, wenn eine Regierung oder ein Unternehmen amerikanische Ureinwohner gewaltsam von ihrem Land vertreiben darf? Und ist es gerecht diejenigen zu bestrafen, die unter dem Deckmantel der Legalität Unrecht begehen? Fragen, mit denen sich nicht nur die Spielerinnen und Spieler, sondern auch die Charaktere immer wieder auseinandersetzen müssen. Dabei gibt es glaubwürdige Charakterentwicklungen und viele unerwartete Twists und Überraschungen. Auch hier steht „Red Dead Redemption 2“ den Vorbildern aus Hollywood in nichts nach.
Dominik Brück
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Bildnachweise

[1]Read Dead Redemption 2 / Rockstar Studios / Screenshot by spielbar.de[2]Read Dead Redemption 2 / Rockstar Studios / Screenshot by spielbar.de[3]Read Dead Redemption 2 / Rockstar Studios / Screenshot by spielbar.de[4]Read Dead Redemption 2 / Rockstar Studios / Screenshot by spielbar.de[5]Read Dead Redemption 2 / Rockstar Studios / Screenshot by spielbar.de

Pädagogische Beurteilung:

Die USK-Altersfreigabe von 18 Jahren für „Red Dead Redemption 2“ stellt sich schon bei einer oberflächlichen Betrachtung des Spiels als absolut richtig heraus. Gewalt und deren teils ausführliche Darstellung gehören zum Alltag der Spielwelt. Auch die Sprache der Spielfiguren ist gespickt mit üblen Schimpfworten. Darüber hinaus gehören viele Themen, die im Spiel angesprochen und gezeigt werden, nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen. Die Welt des Wilden Westens ist in der Darstellung von „Red Dead Redemption 2“ voller Brutalität, Krankheit und moralisch fragwürdigen Bewohnerinnen und Bewohnern. Auch wenn diese Themen und Darstellungen von den Charakteren – insbesondere dem Hauptcharakter Arthur Morgan – äußerst kritisch reflektiert werden und gerade im Angesicht dieser Welt Güte und Mitgefühl einiger Figuren besonders hervorstechen, benötigt der Umgang mit diesen Themen die geistige Reife, die in der Regel nur Erwachsene besitzen.

Setzt man eine erwachsene Spielerschaft voraus, bietet das Spiel vielschichtige und vielfältige Möglichkeiten, sich mit gesellschaftlichem Wandel durch technischen Fortschritt auseinander zu setzen. Der Grundkonflikt des Spiels wird dabei eindrücklich durch eine Szene beschrieben, in der die Spielfigur zusammen mit seinen Gefährten gerade aus einer dicht bewachsenen und unberührten Natur herausreitet und sich am Rande einer Stadt wiederfindet. „Das ist also der Fortschritt“, kommentiert ein Begleiter trocken, woraufhin die Kamera auf ein ausgedehntes Industriegebiet mit rauchenden Schornsteinen, umherliegenden Abfällen und asphaltierten Straßen schwenkt.

Zusammenhängend mit der Frage, ob Fortschritt immer auch fortschrittlich ist, gibt es im weiteren Verlauf des Spiels viele weitere Themen, die insbesondere die Entwicklung des Hauptcharakters prägen. Für den Großteil der Menschen in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so wie ihn das Spiel darstellt, ist die Bande der Spielfigur ein Relikt der Vergangenheit. Recht und Ordnung sollen das Land regieren, moderne Technik das Leben besser machen und ehrliche Arbeit Wohlstand bringen. Eine Gesellschaftsvorstellung, die sicherlich die meisten Spielerinnen und Spieler teilen dürften. Im Gegensatz dazu steht die Bande von Outlaws, die unter Freiheit versteht, sich im Zweifel einfach nehmen zu dürfen was sie will und auch vor Gewalt und Mord nicht zurückschreckt.

Im Laufe des Spiels werden diese Bilder allerdings immer wieder aufgebrochen und reflektiert. Es fällt sehr schwer, Gut und Böse klar einzuteilen. Darf Fortschritt mit allen Mitteln durchgesetzt werden? Wie geht man mit denen um, die diesen ablehnen? Und wie weit darf Freiheit eigentlich gehen? Dies sind nur einige der Fragen, die sich die Spielerinnen und Spieler zusammen mit den Charakteren stellen müssen. Dafür wird zwischen zahlreichen Actionsequenzen insbesondere durch die kritischen Fragen des Hauptcharakters immer wieder die Möglichkeit gegeben. Das Spiel nimmt an vielen Stellen das Tempo bewusst zurück, um ausführlich darüber nachdenken zu können, was eigentlich gerade passiert ist und was man davon halten soll – vielleicht auch von dem was in unserem 21. Jahrhundert passiert.

Fazit:

„Red Dead Redemption 2“ überzeugt mit einer detaillierten Welt, einer herausragenden Inszenierung sowie einer packenden Geschichte mit vielschichtigen Charakteren. Auch gesellschaftliche Fragen werden in dem Spiel immer wieder bearbeitet, das jedoch insbesondere aufgrund der Gewaltdarstellung nur in die Hände von Erwachsenen gehört.
Dominik Brück
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