Spielebeurteilung

Pennergame

19.04.2011
Mehr als 1,7 Millionen Spielende in Deutschland sind ein eindeutiges Zeichen: Das Pennergame ist angesagt. Doch was steckt dahinter? Handelt es sich um ein harmloses Browserspiel oder erweist sich das Leben eines Obdachlosen als fragwürdiger Handlungsrahmen?
  • Genre:
    Aufbaustrategie
  • Herausgeber:
    Farbflut Entertainment
  • Plattform:
    PC, Mac
  • Erscheinungsdatum:
    Juni 2008
  • USK:
    nicht geprüft
  • spielbar:
Pennergame lässt sich über den Internetbrowser starten. Die Anmeldung erfolgt mit Emailadresse und Passwort. Das eigentliche Spiel beschränkt sich auf das Tätigen von Einstellungen. Mit einem Mausklick startet man verschiedene Handlungen und muss dann abwarten bis die dafür angesetzte Frist abgelaufen ist. Die Aktionen werden lediglich durch einen Zeitbalken visualisiert und die Figur dabei nicht direkt von den Spielenden gesteuert. Da einige Handlungen jedoch mehrere Stunden oder sogar Tage andauern, beschränkt sich die Loginzeit oft nur auf wenige Minuten. Pennergame ist auf regelmäßiges, aber kurzes Spielen angelegt.
Ungleichheit und Marginalisierung kommen bei diesem Spiel zum Tragen.
Ungleichheit und Marginalisierung kommen bei diesem Spiel zum Tragen.

Die Handlung fokussiert das Leben am Rande der Gesellschaft. Die Spielenden wählen zwischen den Städten Hamburg und Berlin und übernehmen die Rolle eines Obdachlosen. Man beginnt ganz unten in der Schnorrerhierarchie, hat kaum Geld und keinen Bettel- oder Schlafplatz. Das Sprachvermögen ist zurückgebildet, man kann sich nicht verteidigen, ist ungeschickt und verfügt weder über soziale Kontakte noch über musikalisches Talent. Ebenso lassen Sauberkeit, Alkoholpegel sowie die Ausstattung mit Waffen oder Instrumenten zu wünschen übrig.

Als erstes Eigenheim muss in Berlin noch ein Bürgersteig herhalten. Weitere Etappen sind beispielsweise der Treptower Park, ein Dixi-Klo oder Mauerreste. Bis man es zum Besitzer von Schloss Charlottenburg oder dem Bundeskanzleramt geschafft hat, ist es ein langer Weg. Durch das Sammeln von Pfandflaschen erhält man nicht nur das nötige Geld für neue Behausungen, sondern auch für alkoholische Getränke, Waffen, Haustiere und vor allem für die Weiterbildungen. Letztere eröffnen neue Möglichkeiten und sind grundlegend für den Aufstieg der Spielfigur.
Die Spielenden sollen sich in die Lage von wohnungslosen Menschen hineinversetzen.
Die Spielenden sollen sich in die Lage von wohnungslosen Menschen hineinversetzen.

Erhöht man beispielsweise die Geschicklichkeit, wird das Flaschensammeln ergiebiger, eine neue Bildungsstufe schaltet gewinnträchtigere Schnorrplätze und verbesserte musikalische Fähigkeiten neue Instrumente frei. Der Alkoholpegel ist wichtig für das allgemeine Wohlbefindenden der Spielfigur. Gut gelaunt absolviert man beispielsweise Weiterbildungen in kürzerer Zeit. Eine geschulte Aussprache oder ein Bad in der Spree erhöhen dagegen den Ertrag beim Betteln.

Das Begehen von Verbrechen stellt eine weitere Einnahmemöglichkeit dar. Je nach Stadtviertel stehen verschiedene Delikte zur Auswahl. Zudem kann man gegen andere Obdachlose kämpfen. Auch das bringt Geld und Punkte. Allerdings erweist sich hier, wie auch bei den Verbrechen, ein erhöhter Alkoholpegel als kontraproduktiv. Weiterhin besteht die Möglichkeit eine Bande mit anderen Spielenden zu gründen oder sich einer anzuschließen. Auch das verschafft Vorteile im Spiel. Eine zusätzliche Geldquelle ist der Spendenlink, welcher an Freunde oder Bekannte verschickt wird. Per Klick vermehrt sich das virtuelle Vermögen.

Weblink

Pennergame
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Dieses Spiel wurde getestet von:
Torsten Bachem

Pädagogische Beurteilung:

Pennergame überträgt den „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Mythos auf das Leben eines Obdachlosen. Es geht dementsprechend um den Aufstieg von ganz unten. Dieser erfolgt jedoch nicht auf legalem Wege, sondern mit Hilfe allerhand fragwürdiger Mittel. Die Karriere verläuft abseits gesellschaftlicher Regeln und hat zwar Reichtum, aber kein normales Leben zum Ziel. Die Möglichkeit einen anderen Weg einzuschlagen und durch konventionelle Arbeit Geld zu verdienen, sieht das Spiel nicht vor. Auf ehrliche Weise erlangt man im Pennergame weder Kapital noch Ruhm.

Das Gerüst des Spiels bilden verschiedene Klischees vom Obdachlosendasein. Die Spielfigur fühlt sich nur wohl, wenn der Alkoholpegel stimmt. Man lebt, wie nicht anders zu erwarten, auf der Straße, schnorrt und ist unsauber. Der Alltag ist bestimmt vom Flaschensammeln, von Schlägereien und verschiedenen Delikten. Das Verhalten der Figur ist und bleibt deviant. Damit erzeugt das Spiel bei unreflektierter Betrachtung ein stereotypes Bild. Obdachlose werden als kriminelle und geldgierige Trinker inszeniert, die kein Interesse daran haben, ein normales Leben zu führen.

In gewisser Weise wirkt es verschärfend, dass alle Handlungen nur anhand eines Zeitbalkens dargestellt werden. Die wirkliche Tragweite derartiger Aktionen wird verschleiert. Man bleibt in Distanz und lässt die Spielfigur ohne weiteres Schandtaten und herabwürdigende Handlungen vollziehen. Man sieht nicht wie der Obdachlose Flaschen sammelt, kämpft oder eine Bank überfällt. Man freut sich, wenn er endlich unter eine Brücke zieht oder den Schnorrplatz Rütlischule gegen den Erfolg versprechenden Bahnhof Zoo eintauscht.

Dass der Genuss von Alkohol ein wesentlicher Bestandteil des Spieles ist und sogar positive Effekte auf den Verlauf der Karriere hat, muss an dieser Stelle kritisiert werden. Bedenklich ist auch die Tatsache, dass Schlägereinen mit anderen Obdachlosen nicht nur eine Option darstellen, um an Geld zu kommen, sondern auch notwendig sind, um in die Liste der Topspieler aufzusteigen. Zudem erhöhen beispielsweise Waffen wie abgebrochene Glasflaschen, Schlagringe, Schwerter oder Pistolen die Chancen in einem Kampf.

Allerdings driftet der Waffeneinsatz im fortgeschrittenen Spielverlauf zunehmend ins Surreale ab. Die Möglichkeit eine Atombombe oder sogar ein Schwarzes Loch zu Angriffzwecken einzusetzen, wirkt auf überzogene Weise komisch und zeigt, dass das Pennergame nicht ernst genommen werden will. Man kann es ebenso als Satire verstehen. Es spielt mit gängigen Klischees und führt sie den Spielenden vor Augen. Das betrifft nicht nur das Obdachlosendasein, sondern auch das kollektive Streben nach materiellem Reichtum. Nicht nur bei aufstiegswilligen Kleinkriminellen heiligt der Zweck alle Mittel.

Fazit:

Pennergame erfordert ein hohes Maß an Reflektionsfähigkeit und ist erst für Spielende ab 16 Jahren geeignet. Man muss sich vergegenwärtigen, was wirklich hinter den einzelnen Aktionen und der Spielhandlung steht und fähig sein, die ironischen Verweise zu erkennen. Was die einen als zynische Anspielungen auf gesellschaftliche Diskurse und Stereotypen interpretieren, kann bei anderen zu Vorurteilen führen sowie Gewalt und Kriminalität legitimieren.
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Dieses Spiel wurde beurteilt von:
Torsten Bachem

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Bildnachweise

[1]Spielbar.de[2]Trauma Center - New Blood / Nintendo / Screenshot by spielbar.de[3]Landwirtschafts-Simulator 2009 / Astragon / mobygames.com[4]Die Sims 3 / Electronic Arts / steampowered.com

5 Kommentare

Torsten Bachem (Redaktion spielbar.de) schreibt:

Pennergame überträgt den „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Mythos auf das Leben eines Obdachlosen. Es geht dementsprechend um den Aufstieg von ganz unten. Dieser erfolgt jedoch nicht auf legalem Wege, sondern mit Hilfe allerhand fragwürdiger Mittel. Die Karriere verläuft abseits gesellschaftlicher Regeln und hat zwar Reichtum, aber kein normales Leben zum Ziel. Die Möglichkeit einen anderen Weg einzuschlagen und durch konventionelle Arbeit Geld zu verdienen, sieht das Spiel nicht vor. Auf ehrliche Weise erlangt man im Pennergame weder Kapital noch Ruhm.

Das Gerüst des Spiels bilden verschiedene Klischees vom Obdachlosendasein. Die Spielfigur fühlt sich nur wohl, wenn der Alkoholpegel stimmt. Man lebt, wie nicht anders zu erwarten, auf der Straße, schnorrt und ist unsauber. Der Alltag ist bestimmt vom Flaschensammeln, von Schlägereien und verschiedenen Delikten. Das Verhalten der Figur ist und bleibt deviant. Damit erzeugt das Spiel bei unreflektierter Betrachtung ein stereotypes Bild. Obdachlose werden als kriminelle und geldgierige Trinker inszeniert, die kein Interesse daran haben, ein normales Leben zu führen.

In gewisser Weise wirkt es verschärfend, dass alle Handlungen nur anhand eines Zeitbalkens dargestellt werden. Die wirkliche Tragweite derartiger Aktionen wird verschleiert. Man bleibt in Distanz und lässt die Spielfigur ohne weiteres Schandtaten und herabwürdigende Handlungen vollziehen. Man sieht nicht wie der Obdachlose Flaschen sammelt, kämpft oder eine Bank überfällt. Man freut sich, wenn er endlich unter eine Brücke zieht oder den Schnorrplatz Rütlischule gegen den Erfolg versprechenden Bahnhof Zoo eintauscht.

Dass der Genuss von Alkohol ein wesentlicher Bestandteil des Spieles ist und sogar positive Effekte auf den Verlauf der Karriere hat, muss an dieser Stelle kritisiert werden. Bedenklich ist auch die Tatsache, dass Schlägereinen mit anderen Obdachlosen nicht nur eine Option darstellen, um an Geld zu kommen, sondern auch notwendig sind, um in die Liste der Topspieler aufzusteigen. Zudem erhöhen beispielsweise Waffen wie abgebrochene Glasflaschen, Schlagringe, Schwerter oder Pistolen die Chancen in einem Kampf.

Allerdings driftet der Waffeneinsatz im fortgeschrittenen Spielverlauf zunehmend ins Surreale ab. Die Möglichkeit eine Atombombe oder sogar ein Schwarzes Loch zu Angriffzwecken einzusetzen, wirkt auf überzogene Weise komisch und zeigt, dass das Pennergame nicht ernst genommen werden will. Man kann es ebenso als Satire verstehen. Es spielt mit gängigen Klischees und führt sie den Spielenden vor Augen. Das betrifft nicht nur das Obdachlosendasein, sondern auch das kollektive Streben nach materiellem Reichtum. Nicht nur bei aufstiegswilligen Kleinkriminellen heiligt der Zweck alle Mittel.

Pennergame erfordert ein hohes Maß an Reflektionsfähigkeit und ist erst für Spielende ab 16 Jahren geeignet. Man muss sich vergegenwärtigen, was wirklich hinter den einzelnen Aktionen und der Spielhandlung steht und fähig sein, die ironischen Verweise zu erkennen. Was die einen als zynische Anspielungen auf gesellschaftliche Diskurse und Stereotypen interpretieren, kann bei anderen zu Vorurteilen führen sowie Gewalt und Kriminalität legitimieren.

14.09.2009 um 12:31
Jochen schreibt:

Hallo,
das Spiel ist (vom Entwickler her) ab 14 Jahren freigegeben..

Außerdem sollte noch erwähnt werden, dass es Spendenseiten gibt, damit man nicht mit seinem Spendenlink Freunde nerven muss ;)
zB berlin-spenden.de

lg

01.10.2009 um 07:33
Jens Wiemken schreibt:

Ab 16 Jahren ist auch das grundsätzliche Ergebnis von Rene Kann in seiner Besprechung von Pennergame unter http://www.byte42.de/index.php/2009/05/pennergame/. Als problematisch betrachtet er die fehlende Altersverifizierung.

03.10.2009 um 06:21
Mike schreibt:

Das Spiel wäre ja nicht schlecht wenn es nicht zu viele Betrüger geben würde und wenn man Meldungen an den Support einschickt auch was passieren würde. Leider bekommt man anscheinend keine Antworten vom Support. Hier mal ein paar Beispiele für angemeldete Spieler in Berlin. Einfach in Freundesliste aufnehmen und warten bis plötzlich alle on kommen.

12.10.2009 um 11:29
Tobias Miller (Redaktion spielbar.de) schreibt:

Obwohl der Anbieter das Spiel ab einem Alter von 14 jahren für spielbar hält, kann man bei der "Altersverifikation" als jüngsten Geburtsjahrgang 1994 auswählen. Das passt nun gar nicht zusammen und verleitet geradewegs dazu, falsche Angaben zu machen.

22.01.2010 um 17:26


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