Online-Glücksspiel

12.09.2019
Die Umsätze von Online-Casinos und Wettanbietern in Deutschland wachsen stetig, obwohl diese verboten sind. Zudem verschwimmen die Grenzen zwischen Online-Glücksspiel und anderen Spiele-Apps.

Rund 1000 Online-Casinos, Wettanbieter oder Lotterien lassen sich von Deutschland aus im Internet aufrufen. Ihre Anzahl hat sich in den vergangenen drei Jahren fast verdoppelt. Auch die Umsätze im Online-Glücksspiel steigen stetig. Im Jahr 2017 erwirtschafteten Online-Casinos in Deutschland Spielerträge von 1,76 Milliarden Euro. In ihrem Jahresreport stellen die Glücksspielaufsichtsbehörden diese Entwicklungen dar. Die Zahlen sind grobe Schätzungen, denn Online-Casinos sind, genauso wie Online-Poker, in Deutschland verboten. Auch Sportwetten-Angebote sind nicht erlaubt, sollen jedoch zum 01.01.2020 teilweise legalisiert werden, sofern sie nur Erwachsenen zugänglich sind und Mindeststandards zur Suchtprävention umsetzen.

Die Rechtslage ist kompliziert, denn Glücksspiel ist in Deutschland Ländersache. Das Land Schleswig-Holstein hatte im Jahr 2012 einen Sonderweg eingeschlagen und einige Anbieter mit befristeten Lizenzen ausgestattet. Das Internet hält sich selbstverständlich nicht an föderale Grenzen und so nutzten zahlreiche Anbieter ihre Konzession in Schleswig-Holstein als Türöffner. Anfang 2019 endete die Gültigkeit dieser Sonderregelung. Dennoch werden Anbieter weiterhin mit der folgenden Aussage im Fernsehen: „Angebot gilt nur für Personen mit Wohnort oder ständigem Aufenthalt in Schleswig-Holstein“.

Viele Betreiber haben ihren Sitz in Offshore-Finanzplätzen wie Gibraltar oder Ländern wie Malta, wo sie geringe Steuern und wenig Kontrolle erwarten. Nutzerinnen und Nutzer von illegalen Online-Casinos werden in der Regel nicht strafrechtlich verfolgt.

Nach dem Auslaufen der Glücksspiellizenz in Schleswig-Holstein warben Anbieter trotz des Verbots weiter offensiv für Online-Casinos.

Definitionen von Glücksspiel


Als Glücksspiel wird jedes Spiel definiert, bei dem der Zufall hauptsächlich entscheidend für Sieg oder Niederlage ist. Glück spielt zwar in praktisch jedem Spiel eine Rolle, meist sind dennoch die Fähigkeiten und Lernfortschritte der spielenden Person für deren Gewinnchancen entscheidend.

In welchem Verhältnis Können und Glück in einem Spiel stehen, lässt sich nur schwer in konkreten Zahlen ausdrücken, denn die Übergänge sind fließend. So ist das Kartenspiel Poker über wenige Spielrunden betrachtet ein Glücksspiel, weil das Kartenglück einen sehr großen Einfluss auf die Gewinnchance hat. Über viele hunderte Spielrunden jedoch greift das Gesetz der großen Zahlen, sodass alle Spielerinnen und Spieler am Tisch sehr wahrscheinlich annähernd gleich oft gute Karten bekommen.

2800-mal drehen für 119,99 Euro: In-App-Käufe sind längst nicht immer tatsächlich Mikro-Transaktionen, sondern können richtig ins Geld gehen.

Juristisch betrachtet ist die Möglichkeit, dass Geld ausgezahlt werden kann, ein weiteres entscheidendes Kriterium für die Einordnung eines Spiels als Glücksspiel. Aus pädagogischer Perspektive ist dies jedoch weniger entscheidend. Unter lernpsychologischen Gesichtspunkten macht es keinen großen Unterschied, ob echtes Geld ausgezahlt wird oder ob Spielerinnen und Spieler virtuell belohnt werden.

Mitunter werden Spielerinnen und Spieler zu In-App-Käufen verleitet, welche mit einer Transaktion bereits über einhundert Euro kosten können. Sowohl Glücksspiel als auch Free2Play-Apps setzen meist darauf, dass einzelne Spielerinnen und Spieler die Kontrolle über ihre Ausgaben verlieren. Dann verdienen die Anbieter viel Geld – dabei kann die wirtschaftliche Existenz von Privatpersonen und deren Familien in Gefahr geraten.


Drei Arten von Online-Glücksspiel


  • Casinos: Diese Websites ermöglichen das Spielen von Casinospielen über den Browser oder per App. Meistens wird gegen den Computer gespielt, seltener gibt es menschliche Croupiers in sogenannten Live-Dealer-Spielen.
  • Wettanbieter: In der Regel wird bei Wettbörsen auf Sportergebnisse gewettet. Dabei gibt es oft feste Gewinnquoten: Setzt man zum Beispiel auf den Sieg des Favoriten, kann man vielleicht nur den 1,2-fachen Einsatz zurückgewinnen. Für den Sieg eines Underdogs kann in seltenen Fällen das Sechsfache des Einsatzes ausbezahlt werden.
  • Lotterien: Die Besonderheit von dieser Art von Glücksspiel ist, das man durch den Kauf von Losen teilnimmt. Alle 16 staatlichen Lottoveranstalter sind im Internet vertreten. Viele von ihnen bieten auf ihren Seiten auch Casino-Spiele an.


Social Casinos wollen sich abgrenzen


Die Grenzen zwischen Online-Glücksspiel und normalen Spiele-Apps verschwimmen, sodass sich Anbieter der Regulierung durch die Länder entziehen können. Ein prominentes Beispiel ist die App „Coin Master“, die mit Internet- und Fernseh-Promis wirbt und auf diesem Wege vor allem jüngere Spielerinnen und Spieler anzieht. Über 50 Millionen Downloads hat die App im Google Play Store erreicht (Stand: August 2019). In den Werbeclips wird die App von Dieter Bohlen, Daniela Katzenberger, Bianca „Bibi“ Heinicke und anderen als „soziales Spiel“. Die sehr eingeschränkten Möglichkeiten, die das Spiel bietet, um mit anderen Mitspielern und Mitspielerinnen zu interagieren, werden in den Werbespot sehr in den Vordergrund gestellt. Hauptsächlich beruht die Spielmechanik jedoch auf einer „Slot-Machine“, also einem einarmigen Banditen, der virtuelle Münzen ausspuckt. Die Ingame-Währung kann in den Bau eines Dorfes investiert werden. Wenn sich Glücksspiel-Apps wie Coin Master besonders an eine junge Zielgruppe richten, dann ist dies als Teil einer Strategie zu sehen. „Jüngere Generationen waren für die Glücksspielindustrie schon fast verloren“, sagt der Suchtforscher Gerhard Meyer von der Universität Bremen dem Spiegel, „durch solche Apps schafft sie es, Vorbehalte abzubauen.“

Die Casino-App Coin Master wirbt mit Promis wie Daniela Katzenberger um eine junge Zielgruppe.

Online-Glücksspiel kann süchtig machen


Auf die Nervenzellen im Gehirn hat Glücksspiel eine ähnliche Wirkung wie eine Droge. Ständig werden wir durch Gewinne belohnt. Dabei müssen wir nichts dafür tun außer Glück zu haben. Und die Illusion davon, besonders viel Glück zu haben können digitale Spiele noch besser erzeugen als Spielautomaten offline. Aus Sicht der Industrie haben analoge Automatenspiele den Nachteil, dass sie nicht erkennen können, wann eine Person ihre Spielphase beginnt. Apps können dagegen so programmiert werden, dass sie zu Beginn des Spiels mehr Gewinne ausschüttet und Spielende so zu Beginn durch Gewinne in eine Art Rausch gezogen werden können. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schätzt, dass etwa 500.000 Menschen in Deutschland ein problematisches Glückspiel-Verhalten haben. Je jünger Spielerinnen und Spieler sind, desto größer ist die Gefahr einer Glücksspielabhängigkeit.


Worauf Eltern und Spielende achten sollten


Online-Glücksspiele aller Art sind für Kinder und Jugendliche vollkommen ungeeignet. Um Kontrollverlusten vorzubeugen, empfehlen wir Ihnen folgende Maßnahmen:
  • Bezahlmöglichkeiten begrenzen: Hinterlegen Sie keine Kreditkartendaten oder andere Online-Bezahlmethoden im Gerät Ihres Kindes. Sollten geringe Geldbeträge für unbedenkliche Spiele benötigt werden, so sollten Sie dies über Prepaid-Karten abwickeln. Diese erhalten Sie in Tankstellen, Drogerien und Supermärkten. Ansonsten kann – nicht nur bei Glücksspielen – aus kleinen Beträgen schnell eine große Summe werden.
  • Im Kleinen üben: Versuchen Sie den Umgang mit Geld mit Ihrem Kind im Kleinen einzuüben – in der digitalen wie auch in der analogen Welt, zum Beispiel beim Bäcker.
  • Im Gespräch bleiben: Über unser eigenes Medienverhalten sollten wir mit anderen sprechen. So können wir es am besten reflektieren. Das gilt insbesondere auch für Eltern und Kinder. Versuchen Sie mit Ihrem Kind darüber zu sprechen, was es spielt. Lassen Sie sich die Spiele zeigen und entwickeln Sie eine pädagogische Haltung dazu. Eine möglichst vorurteilsfreie Haltung der Eltern ist dabei wichtig, um den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.
  • Vorbild sein: Eltern sollten sich auch dessen bewusst sein, dass Sie selbst eine wichtige Vorbildfunktion haben. Ihr eigener Umgang mit Medien, oder wie Sie mit Geld umgehen, kann sich auf das Verhalten Ihrer Kinder auswirken. Vergleichen Sie doch einmal die Spielzeit Ihres Kindes am Smartphone mit Ihrer eigenen Fernseh- oder Handyzeit.


Matthias Köberlein (bpb)
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