Spielebeurteilung

Inside

31.08.2016
Ein kleiner Junge rennt nachts alleine durch den Wald. So beginnt das Jump’n’Run-Spiel Inside und sorgt bereits in den ersten Spielsekunden für Gänsehaut. Abgerundet wird das Spielerlebnis durch fordernde Rätseleinlagen und eine beeindruckende Inszenierung, die mit wenigen Mitteln auskommt.

In Inside steuert man einen namenlosen Jungen auf der Flucht. Mehr Anhaltspunkte zur Geschichte bietet das Spiel zu Beginn nicht. Die Mischung aus Jump’n’Run und Rätselspiel führt in eine düstere Welt, die von bedrohlichen Verfolgern, aggressiven Hunden und leblosen Menschen dominiert ist.

Vorsicht vor fremden Blicken: Auf seiner Flucht muss der kleine Junge kreativ sein, damit seine Verfolger ihn nicht finden.
Obwohl die Welt und die Figuren dreidimensional erscheinen, bewegt man sich in Inside nur im zweidimensionalen Raum vorwärts. Die Spielenden laufen, typisch für ein Jump’n’Run, von links nach rechts. Dabei gilt es zahlreichen Hindernissen auszuweichen, Schalter zu betätigen, Maschinen in Gang zu bringen – und den Blicken der Verfolger auszuweichen. Dafür stehen nicht viele Mittel zur Verfügung. Man kann den Protagonisten lediglich nach links und rechts bewegen, springen oder verschiedene Gegenstände verrücken. Kämpfen oder gar Waffen benutzen ist in Inside nicht vorgesehen.

Wie gelangt der Junge an die schwere Kiste, um damit ein Loch in den Boden zu sprengen? Viele Rätsel in Inside funktionieren nach dem Prinzip Trial & Error.
Inside führt nahtlos von einem Setting ins nächste. Level oder Abschnitte, die das Spiel einteilen, gibt es nicht. Gesteuert wird mit den Pfeiltasten auf der Tastatur, wahlweise kann man auch einen Controller anschließen. Es handelt sich um ein reines Single-Player-Spiel, weitere Modi sind nicht vorhanden. Inside stammt vom Entwicklerstudio PlayDead, die bereits 2011 das nach einem ähnlichen Prinzip funktionierende Indie-Spiel Limbo auf den Markt brachten.

Was ist mit den anderen Menschen passiert? Die Geschichte hinter Inside erschließt sich erst nach und nach – und das ohne Worte, Texte oder Dialoge.

Sarah Pützer
Dieses Spiel wurde getestet von:

Bildnachweis

[1]Playdead[2]PlayDead[3]PlayDead[4]PlayDead

Pädagogische Beurteilung:

Kein Tutorial, keine Vorgeschichte – Inside wirft seine Spielenden ganz unvermittelt in das Spielgeschehen. Die Geschichte entfaltet sich erst nach und nach, sodass immer wieder Situationen für Verwunderung und Überraschung sorgen. Kurz: Je weniger man über Inside weiß, desto intensiver entfaltet sich das Spielerlebnis.

Da es nur wenige Möglichkeiten gibt, den Protagonisten zu steuern, findet man auch ohne Tutorial oder Erklärungstexte schnell ins Spiel. Überhaupt geht Inside sehr minimalistisch vor: Weder Musik noch Texte oder Dialoge finden sich in dem Jump’n’Run wieder. Nur das Atmen des Jungen, das Bellen der Hunde und andere dezente Hintergrundgeräusche sind zu hören. Dennoch ist die Atmosphäre des Spiels erstaunlich dicht. Ein Grund dafür ist die hervorragende Grafik. Jeder noch so kleine Lichteinfall wird beeindruckend eingefangen, vom Lichtstrahl einer Taschenlampe bis zu Spiegelung auf der Wasseroberfläche. Hinzukommen die bis ins kleinste Detail stimmigen Bewegungen des Protagonisten. Ob er auf der Flucht vor beißwütigen Hunden über Wurzeln stolpert, langsam durch sumpfiges Wasser watet oder sich immer wieder ängstlich umdreht – jede Bewegung erfolgt außergewöhnlich natürlich und trägt zur emotionalen Tiefe des Spiels bei.

Um in Inside erfolgreich zu sein, ist vor allem Geschick und logisches Denken gefragt. Viele Rätsel erschließen sich erst nach mehreren Anläufen und erfordern, dass man die Umgebung des Protagonisten kreativ nutzt. Schafft man eine Sequenz nicht und wird tödlich verletzt, beginnt man erneut am letzten Speicherpunkt. Diese sind in dem Spiel sehr großzügig gesetzt, Frust kommt da nur selten auf. Auch wenn der reduzierte Grafikstil eine Distanz zum gezeigten Inhalt ermöglicht, sorgt Inside für den einen oder anderen Schauermoment. Auf seiner Flucht begegnet der Protagonist toten Tieren, leblosen Körpern und tödlichen Fallen. Zudem endet jeder Fehlversuch damit, dass der namenlose Junge stirbt. Geeignet ist Inside daher erst ab einem Alter von 16 Jahren.

Fazit:

Inside beeindruckt trotz minimalistischer Mittel mit einem emotional intensiven Spielerlebnis, das von der ersten Sekunde an in seinen Bann zieht. Die Geschichte um den namenlosen Jungen und die düstere Welt, in der er sich wieder findet, macht neugierig und motiviert zum Weiterspielen. Allerdings eignet sich die gruselige Grundstimmung des Spiels nur für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren.
Sarah Pützer
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Siehe auch

Spielebeurteilung

Limbo

Limbo ist ein rundum stimmungsvolles Spiel in Schwarzweiß mit Gänsehautfeeling. Knifflige Aufgaben kombiniert mit lockeren Jump’n’Run-Einlagen sorgen für viel Abwechslung und Langzeitunterhaltung. Der teils makabere Humor ist allerdings nicht für unter 16-Jährige geeignet.

Spielebeurteilung

Never Alone

Never Alone widmet sich der Folklore der Ureinwohner Alaskas und begleitet das Iñupiat-Mädchen Nuna und den weißen Fuchs auf ihrer gefährlichen Reise durch eisige Schneewelten. Das Serious Game verbindet dafür ein Jump’n’Run-Spiel mit einer Dokumentation der Iñupiat-Kultur.

3 Kommentare

Stephan Schölzel, Infocafe Neu-Isenburg schreibt:

Ich hatte mir Inside quasi im Affekt gekauft und es dann in einer, etwas längeren Sitzung, durchgespielt. Ich war am Anfang einfach super Neugierig was passiert und warum. Dann wurde es seltsam, dann clever, dann etwas beängstigend und dann noch einmal sehr Seltsam. Und dann war da das Ende bei dem nicht so ganz klar war was in den letzten Minuten passiert ist.

Es ist eines dieser Enden das ein Gefühl hinterlässt das schwer zu beschreiben ist. Man ist zufrieden und stolz es geschafft zu haben. Und stolz kann man sein da einige der Rätzel nicht wirklich einfach sind und man ständig mit neuen Versionen oder Konzepten konfrontiert wird. Ein anderes Gefühl ist eine bittersüße Mischung aus Freude und Trauer, je nachdem wie man das Ende versteht.
Und dann war da das Gefühl von Verwirrung. All die Fäden der Geschichte die man grade durchlebt hat spinnen ein Netz das nicht klar zu erkennen ist aber viel Andeutet. Sind die Überscheidungen mit Limbo, dem quasi Vorgänger, mehr als nur "Zufall" oder stilistische Handschrift der Entwickler? Und überhaupt...

Alles in allem ist es ein sehr gutes, wenn auch nicht befriedigendes Ende. Ein Ende das, wie die Geschichte die vor dem Ende erzählt wurde, einem nicht alles Vorkaut. Ein gutes Ende da nicht viele Geschichten, egal ob Buch, Film oder Spiel, einem mit diesem Gefühl hinterlassen.

Und ganz nebenbei ist das Spiel aus spielerischer Sicht absolut rund. Eine stilisierte Grafik die in Ihrer Tristheit wunderschön ist. Das Spiel klingt so gut wie es aussieht und die Steuerung ist präzise und direkt. Alle Zahnräder greifen ineinander und machen das Spiel so zu einem kleinen Meisterwerk. Das ich immer noch nicht so ganz verstanden habe...

31.08.2016 um 12:52
Christina schreibt:

Liebe Spiele-Tester

Worum geht es in "INSIDE" genau? Welche Werte und Einsichten werden vermittelt? Ist das Spiel pädagogisch wertvoll, könnte man es also mit jungen Leuten zum Thema Flucht besprechen oder sogar spielen (lassen)?
Danke für eure Einschätzungen.

23.09.2016 um 10:41
Sarah Pützer (Redaktion spielbar.de) schreibt:

Liebe Christina,

die Frage, worum es in Inside geht, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Das Spiel ist in seiner Deutungsmöglichkeit sehr offen und gibt nur wenig vor. Eine vermittelnde Erzählinstanz oder ähnliches findet man in Inside nicht. Da dieses Unwissen seitens der Spielenden ein wichtiges Element darstellt, möchten wir an dieser Stelle ungern den genauen Ablauf des Spiels darstellen.

Prinzipiell kann man allerdings sagen, dass es sich bei Inside um eine lange Fluchtsequenz handelt. Der Junge läuft weg, taucht unter und muss sich verstecken. Das Spiel greift nicht per se eine reale Flüchtlingsdebatte auf - das Setting bleibt fiktional, geht an manchen Stellen ins Fantastische über (s. die zombieartigen Wesen in Screenshot 3). Dafür greift aber Inside Motive wie Flucht und Freiheit auf und eignet sich für junge Erwachsene durchaus als Diskussionsgrundlage für diese Themen, gerade WEIL es sich sehr frei interpretieren lässt (viele Foren widmen sich bereits verschiedenen Theorien, wie sich das Ende des Spiels deuten lässt, s. z.B. auf Reddit). Inside ist ein sehr emotionales Spiel, das Empathie hervorruft - allerdings wirken viele Szenarien dadurch umso bedrohlicher. Für Kinder unter 16 Jahren ist das Spiel daher nicht geeignet.

Bestenfalls testest du Inside einmal selbst, um zu sehen, ob es für deine Projektidee geeignet ist. Mit vier Stunden Spielzeit im Durchschnitt handelt es sich um ein vergleichsweise eher kurzes Spiel. Das Potential, jungen Erwachsenen einen Einstieg in das Thema Flucht zu bieten, besitzt es auf jeden Fall.

28.09.2016 um 19:58


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