Spielebeurteilung

Firewatch

10.05.2016
Das Adventure Firewatch zeigt die emotionale Geschichte eines Mannes, der vor seinen persönlichen Problemen in die amerikanische Wildnis flüchtet. Das Indie Game überzeugt mit dichter Atmosphäre, einzigartiger Optik und einer spannenden Geschichte – Rätsel oder Kämpfe gibt es dagegen keine.

Es ist 1989. Der Protagonist Henry hat einen Sommerjob im Shoshone National Forest in Wyoming angetreten. Als Feuerwache soll er von einem Aussichtsturm ausgehend nach Waldbränden Ausschau halten und diese melden. Was zunächst wie ein Abenteuer anmutet, ist vielmehr eine Flucht vor den eigenen Problemen. Denn Henrys recht gewöhnliches und glückliches Leben geriet durch einen Schicksalsschlag aus den geordneten Bahnen. Seine Frau erkrankte an einer frühen Form der Demenz. Und ihm war es unmöglich, sie verantwortungsvoll zu pflegen.

Das Büro seines Sommerjobs dient Henry als Rückzugsort.


Tritt er aus seinem Büro heraus, findet er sich in einer atemberaubenden Landschaft wieder.
Auf dem Turm angekommen, wird Henry von seiner Chefin Delilah am Walkie Talkie begrüßt. Ausgerüstet mit Karte und Kompass und im ständigen Dialog mit ihr, erkundet der Verdrängungskünstler die Umgebung und wird regelmäßig mit Aufträgen versorgt. Da gilt es zündelnde Jugendliche zu ermahnen, technische Störungen ausfindig zu machen und vieles mehr.

Über das Walkie Talkie bleibt Henry stets mit seiner Chefin Delilah in Verbindung.

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Bildnachweis

[1]Campo Santo[2]Campo Santo[3]Campo Santo

Pädagogische Beurteilung:

Einführung

Das tragische Familienschicksal wird zu Beginn in Multiple Choice Dialogen erzählt. Ausgehend von Henrys Studentenzeit und dem Kennenlernen seiner Frau, erfährt der Spieler nach und nach von deren Kinderwunsch, beruflichen Veränderungen und anderen privaten Geschehnissen. Durch diese allmähliche Heranführung trifft den Spieler die Demenzerkrankung der Ehefrau unvorbereitet und kann durchaus eindringliche Emotionen erzeugen. Auch seine fehlende Fähigkeit, mit der Erkrankung adäquat umgehen zu können und die anschließende Flucht in die Wälder macht betroffen.

Präsentation

Das Spiel hat - und da waren sich alle einig - eine außergewöhnlich dichte Atmosphäre. Die Landschaft versprüht mit ihrem pastellfarbenen, detailreichen Comic-Look einen ganz besonderen Charme. Vielerorts nahmen sich die Tester Zeit und betrachteten einfach einen Sonnenuntergang oder genossen die hübsche Umgebung. Die Dialoge sind zwar ausgezeichnet vertont, allerdings durchweg in englischer Sprache. Gerade Jüngere waren davon überfordert und neigten dazu, die Dialoge einfach wegzuklicken, wodurch viele wichtige Details der Geschichte verloren gehen.

Spiel oder nicht Spiel?

„Ich bin ja eigentlich nur ein Zuhörer.“ Dieses Zitat einer Jugendlichen passt zum Geschehen wie die Faust aufs Auge. Denn spielerisch ist "Firewatch" das Gegenteil einer Herausforderung und auf Kämpfe, Rätsel oder andere für das Medium typische Elemente wird verzichtet. Böse Zungen könnten es als Spazier-Simulation aus der Ego-Ansicht bezeichnen. Denn im Grunde genommen bewegt man sich überwiegend durch das zerklüftete Waldgebiet, klettert über Baumstämme, erklimmt Vorsprünge und bestimmt mittels Kompass und Karte die Marschrichtung. Mancherorts gilt es Utensilien wie Seil oder Taschenlampe einzusammeln und andernorts zu verwenden. Zudem können Gegenstände hochgehoben und näher in Augenschein genommen werden. Jugendliche, die Action erwarteten und nicht die Geduld aufbrachten, den Dialogen zu folgen, waren sichtlich unterfordert und gelangweilt. Vor allem deshalb, weil sie zur Erkundung eingeladen wurden, ihnen aber abseits des Wegesrandes zu wenig geboten wurde: "Kann man da nicht mehr machen?" (Tester 11 Jahre)

Die Geschichte

Diejenigen Spieler, die sich auf das gemächliche Spieltempo einließen und Interesse an der Beziehung zwischen den Gesprächspartnern und deren Hintergrundgeschichte mitbrachten, wurden hingegen mit einem außergewöhnlich emotionalen Trip belohnt. Denn nach und nach entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden Gesprächspartnern – und das, obwohl man keiner Figur persönlich begegnet. Man erfährt von Henrys Gefühlswelt, z.B. von der Angst, alleine alt zu werden, und auch vom Leben seiner Gesprächspartnerin.

Sei es beim Untersuchen verlassener Zeltplätze, dem Lesen von Briefen oder dem Erkunden einer Höhle – der Spieler hat vielfach die Wahl zwischen verschiedenen Gesprächsoptionen. Abhängig davon reagiert auch Delilah. Antwortet man nicht, wird die Chefin eventuell verstimmt und verweigert auch selbst das Gespräch. Ähnliches kann geschehen, wenn patzige Antworten gegeben werden. Und immer wieder wird auch Persönliches thematisiert, wodurch eine innerliche Bindung und ein Vertrauensgefühl entstehen können. Zumindest wenn man sich darauf einlässt und die englischen Dialoge verstehen kann.

[...]

Geringer Umfang

Etwas enttäuscht waren alle Tester vom geringen Umfang der Handlung. Denn schon nach ca. vier Stunden hatten sie das Spiel durch. Einen erneuten Anlauf war nur für Wenige interessant, da sich nur wenig entscheidende Konsequenzen aus den Gesprächsoptionen ergeben.

» Die ganze pädagogische Beurteilung beim Spieleratgeber NRW lesen

Fazit:

"Firewatch" ist die emotionale Geschichte des Mitt-Vierzigers Henry, der versucht vor seinen Problemen zu flüchten. Interessant ist die Tatsache, dass Vertrautheit mit den Charakteren entsteht, ohne dass jemals ein Gesicht (außer auf Fotos oder Zeichnungen) zu sehen ist. Zwar werden kaum herkömmliche Spielmechanismen geboten, dennoch kommt bei dem Spaziergang in der hübschen Landschaft eine motivierende Atmosphäre auf. Teilweise kann es auch mal spannend werden. Gute englische Sprachkenntnisse sind aufgrund der Vertonung Pflicht. Gerade jüngere Spieler hatten hier ihre Probleme. Sich auf das Spiel und die Geschichte einzulassen, bei der es auf die Atmosphäre und nicht die Action ankommt, ist daher besonders für ältere Jugendliche interessant.
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