Spielebeurteilung

ecopolicy – Das kybernetische Strategiespiel

09.02.2009
Spielen hilft verstehen. So die Überzeugung von Frederic Vester, dem Erfinder von ecopolicy. In einer Welt, die immer schwieriger zu durchschauen ist, möchte er den menschlichen Lebensraum spielerisch erlebbar machen. Das Spiel zeigt verzweigte Zusammenhänge auf, ohne selbst komplex zu werden.


Es Das Schwierige an politischen Wirkungsketten ist ihre Komplexität und gegenseitige Beeinflussung. Das Spiel ecopolicy ist im eigentlichen Sinne eine Simulation und versucht sich an dieser schwierigen Quadratur des Kreises: Komplexe Zusammenhänge und gegenseitige Abhängigkeiten anschaulich zu machen. Und das seit 1980. Denn damals erschien als Beilage einer Zeitschrift das erste „Ökolopoly“-Spiel von Professor Frederic Vester (gestorben 2003), der oft als einer der Vordenker der Umweltbewegung bezeichnet wird.

1984 brachte der Ravensburger Verlag die erste Brettspielversion heraus, 1989 erschien es erstmals als Computer-Simulation; damals auf einer Diskette. Seit 2000 erscheint es im Westermann-Bildungsverlag unter dem Titel ecopolicy und – auch wenn die Werbung so klingt – das Herz des Spiels ist bis in die Darstellung der Zusammenhänge in Säulendiagrammen identisch, lediglich die optischen Aufmacher mit anderen Bildern und kurzen Videosequenzen sind im Laufe der Zeit etwas modernisiert worden.

Der Spieler darf einen Alleinherrscher, hier „Staatschef“ eines Landes, spielen und frei jeglicher demokratischer Entscheidungsfindungsprozesse, schalten und walten. Zu Beginn wählt er aus, ob er ein Industrie- (Kybernetien = einfach), Schwellen- (Kybinnien = schwieriger) oder Entwicklungsland (Kyborien = sehr schwierig) steuern will. Jedes Land hat andere Ausgangsvoraussetzungen in den Bereichen Politik, Sanierung, Produktion, Umweltbelastung, Bildung, Vermehrungsrate, Bevölkerungszahl sowie in dem Schlüsselbereich Lebensqualität (der zum Umsturz führen kann, sollte er zu stark absinken).

Dabei muss er versuchen, diese verschiedenen Bereiche in ein Gleichgewicht zu bringen – heute nennen wir dies „sustainable development“ oder „nachhaltige Entwicklung“. Dies macht er mit „Aktionspunkten“, die er – als Äquivalent zu Geld – nur in die vier Bereiche Sanierung, Produktion, Lebensqualität und Aufklärung investieren kann. Da viele Bereiche miteinander vernetzt sind und aufeinander wirken bzw. sich gegenseitig beeinflussen, setzt sich die Entwicklung in den restlichen Bereichen aus den verschiedenen Konsequenzen seiner Entscheidungen (der Verteilung der Aktionspunkte) zusammen, die nicht linear, sondern je nach Lage positiv oder auch negativ ausfallen können.

Aktionspunkte kann man in einzelne Bereiche investieren, wobei einige, wie Bevölkerungszahl, Vermehrungsrate oder auch Politik nur indirekt beeinflusst werden können. Schließlich käme niemand auf die Idee für gute Politik direkt zu bezahlen, eine Ein-Kind-Politik zu betreiben oder Sterbegeld zu zahlen. Eine direkte Investition ist nur in den o.a. vier Bereichen möglich, was Wirtschaftsförderprogramme, Umweltschutzmaßnahmen, Bildungsinvestitionen und Maßnahmen, wie den öffentlichen Bereich oder billige Grundnahrungsmittel, symbolisieren soll.

Nach jeder Runde bzw. jedem Regierungsjahr bekommt der Spieler wieder jeweils aus den Bereichen Politik, Produktion, Bevölkerung und Lebensqualität neue Aktionspunkte oder, wenn es schlecht läuft, eventuell auch Punkte abgezogen. In allen drei Ländern im Spiel gibt es aufgrund der unterschiedlichen Startbedingungen andere Zusammenhänge zwischen den acht Bereichen, so dass der Spieler die Unterschiede, die auch in der Realität existieren, zwischen diesen Ländern erfahren kann (z.B. hat in einem Industrieland die Investition in Aufklärung andere Auswirkungen als in einem Entwicklungsland). Am Ende seiner Amtszeit, so er nicht vorher abgesetzt wird, bekommt der Spieler dann eine Bewertung in Form einer Urkunde, in der seine Leistung in Punkten dargestellt ist, womit er sich ggf. auch in der Highscore -Liste eintragen kann.

ecopolicyade

Praktisch zum Einsatz kommt das Spiel im Rahmen der ecopolicyade, einem von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderten Wettbewerb. Schülerinnen und Schüler der 7. bis 10. Klasse üben mit Hilfe von ecopolicy, in vernetzten Zusammenhängen zu denken. Sie können sich derzeit in Teams über Landeswettbewerbe für einen Bundesentscheid qualifizieren, der im Mai/Juni 2009 in Berlin stattfindet. Teil der ecopolicyade sind auch Fortbildungen für Lehrkräfte, die deutschlandweit angeboten werden. Informationen zur Anmeldung und zum Ablauf finden sich in einer Broschüre.

Weiterführende Links

Informationen zur ecopolicyade (bpb.de)

Internetseite zur ecopolicyade

Entstehungsgeschichte von ecopolicy
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4 Kommentare

Marco Fileccia (Spieleratgeber NRW) schreibt:

Das Spiel ist im besten Sinne simpel. Es erfordert keine große Einarbeitung und, auch wenn es die Theoretiker gerne hätten, die jugendlichen Spieletester interessierten sich wenig für das Begleitmaterial, aus dem man die Wirkzusammenhänge sich hätte erarbeiten können. Sie probierten aus, was im Spiel schnell und einfach möglich ist, denn die einzige Steuerung besteht darin, auf ein Symbol zu klicken, um Punkte zu verteilen oder das nächste Bild aufzurufen. Dabei kann der Spieler so lange überlegen, wie er will.

Simpel ist das Spiel aber nicht in seinen Zusammenhängen, die es vermitteln will. Nehmen wir ein Beispiel: Hohe Investitionen im Bereich Wirtschaft sind an sich positiv, führen jedoch schnell zu hohen Umweltbelastungen, vergisst man über den wirtschaftlichen Erfolg die Sanierung. Wenn man dagegen zu viel in die Aufklärung der Bevölkerung investiert, so kann das schnell negative Folgen in der Vermehrungsrate haben. Das schlechteste Konzept ist beispielsweise die Investition aller Aktionspunkte in die „Lebensqualität“, die als Schlüsselfaktor dadurch eine enorme Stärkung erfährt – aber nur für kurze Zeit, denn tatsächlich resultiert daraus ein enormes Bevölkerungswachstum, eine Verschlechterung der anderen Bereiche und somit in der Summe eine langfristig negative Wirkung.

Den Reiz des Spiels macht sicherlich aus, dass der verstorbene Prof. Vester hierfür wohlüberlegte Gleichungen aufgestellt hat, die nicht linear verlaufen, sondern in Sprüngen (so gibt es Schwellen, ab wie viel Aktionspunkten eine Maßnahme positiv oder negativ sein kann) und es gibt Rückkoppelungen, so lässt eine sehr niedrige Lebensqualität sie weiter absinken, eine hohe sie aber ansteigen. Wer möchte, kann diese Gleichungen in grafischer Darstellung im Spiel nachschauen und damit zum Erfolg kommen. Oder eben einfach ausprobieren, was den Testerinnen und Testern mehr Spaß machte: „Meiner Meinung nach ist es gar nicht so einfach, die verschieden Zusammenhänge und Verknüpfungen in den verschieden Fantasieländern zu erkennen und dann die richtigen Entscheidungen für sein Land zu treffen, damit die acht Bereiche seines Landes auch in das gewollte Gleichgewicht kommen. Den Dreh bekommt man meist erst heraus, nachdem man entweder einige Runden gespielt hat oder nachdem man einige der zahlreichen Informationstexte gelesen hat", so Dominik.

Ein Scheitern ist auch möglich und am Anfang sogar häufig wahrscheinlich. Es endet etwas einfallslos immer in Staatsstreichen und der Spieler wird als Präsident verjagt – insgesamt also nicht sehr demokratisch. Und trotzdem lieben Sozialwissenschaftslehrer diese Simulation, denn sie kann vermeintlich Komplexität vermitteln. In Wahrheit sind die Dinge natürlich noch viel unübersichtlicher und Politik ein noch viel schwierigeres Geschäft. Hier muss man dem Spiel den Vorwurf machen, unzulässig zu vereinfachen. Denken Sie nur mal daran, mit welch verschiedenen Maßnahmen das Wirtschaftsleben der Bundesrepublik Deutschland von der Politik beeinflusst werden kann. Das Spiel fördert letztendlich vernetztes Denken; es gibt keine einfachen, linearen Zusammenhänge und alles hängt miteinander zusammen.

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02.02.2009 um 13:16
Lernen im Internet und in Spielen « Onlineleben- Off schreibt:

[...] Ökolopoly (genaue Beschreibung findet sich z.B. hier) geht es im Grunde darum, ein Entwicklungs- bzw. Schwellenland durch politisch- wirtschaftliche [...]

09.05.2011 um 06:35
Jakob schreibt:

Wo kann ich mir das Spiel ansehen oder es herunterladen?

28.06.2013 um 15:13
nele schreibt:

Das Spiel kann man bei Amazon für 51 Euro kaufen - eine Investition, die sich immer lohnt.

Raubkopien, die man findet, wenn man nach "abandonware oekolopoly" googelt, muss man vermeiden, weil das illegal ist.

07.07.2013 um 10:31


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