Spielebeurteilung

Food Force

04.03.2008
Hunger ist ein weltweites Problem, dass den Menschen in den westlichen Industrienationen im Alltag allzu oft aus dem Blick gerät. Lediglich besonders katastrophale Hungersnöte schaffen es in die Schlagzeilen der Zeitungen oder in die Hauptmeldungen der Fernsehnachrichten und Magazine.
Spielbesprechung von Torben Kohring (Spieleratgeber NRW)

So entsteht oft das Bild, dass es sich beim weltweiten Hunger um ein temporäres Problem handle. Die Realität sieht leider anders aus. Weltweit leiden über 850 Millionen Menschen an chronischem Hunger und mehr als 16.000 Kinder sterben jeden Tag an den Folgen von Unterernährung. Das entspricht der Einwohnerzahl einer typischen deutschen Kleinstadt. Doch wie kann man die Menschen auf dieses Problem aufmerksam machen und besonders Jugendliche für die Probleme der dritten Welt sensibilisieren, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben? Neben herkömmlicher PR- und Aufklärungskampagnen bedienen sich die Vereinten Nationen hierbei eines relativ neuen Mediums und bietet das Computerspiele "Food Force" zum kostenlosen Download im Internet an.

Der Spieler muss sechs Aufgaben für das WFP (World Food Programme), das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, durchführen. Er unterstützt dabei virtuelle Experten in fünf verschiedenen Fachgebieten. Auf der Insel Sheylan ist eine schwere Krise ausgebrochen und die Hilfskräfte müssen die Bevölkerung der Insel mit Nahrungs- und Hilfsmitteln versorgen. Der Spieler muss sich in sieben kleinen Minispielen, die sowohl Geschick und Reaktionsvermögen, als auch Taktik und Kombinationsvermögen erfordern, mit den Aufgaben der Hilfsorganisation auseinandersetzen.

Jede Aufgabe repräsentiert einen Schritt im Ablauf der Nahrungsmittelversorgung von Krisengebieten. Punkte gibt es für schnelles und präzises Spielen sowie für sinnvolle Entscheidungen. So gilt es Flüchtlinge in der Wüste aufzuspüren, den Abwurf von Lebensmitteln zu timen oder einen Konvoi durch die Wüste zu geleiten. Alle Spiele lassen sich mit der Maus steuern und werden durch Videosequenzen eingeführt und erklärt. Der Erfolg wird mit Punkten bewertet, wobei jede Mission beliebig oft wiederholt werden kann.

Weiterführender Link

Internetseite mit von "Food Force" und Download des Spiels

2 Kommentare

Torben Kohring (Spieleratgeber NRW) schreibt:

Getestet wurde Food Force von Schülern einer Spieletester AG. Viele Schüler zeigten direkt ihren Unwillen sich mit einem Serious Game, also einem Spiel mit Lernziel, auseinanderzusetzen. Schon nach kurzer Zeit bemängelten einige Schüler, dass man bei diesem Spiel nicht kämpfen könne, sondern die Menschen "die ganze Zeit retten muss". Die geäußerte Unlust deckte sich jedoch nicht mit der Beobachtung, dass alle Spieler mit viel Spaß und vor allem Ehrgeiz bei der Sache waren. Jugendliche, die zu Hause Spiele in aktueller Grafik gewohnt sind und oft Grafikkarten im Wert von mehreren hundert Euro besitzen, wollen oft nicht zugeben, dass Ihnen ein Spiel mit veralteter Grafik und simplem Spielprinzip Spaß macht. In einer Diskussionsrunde kamen die Schüler jedoch selber schnell auf die Idee, dass es die niedrigen Hardwareanforderungen auch Menschen mit schwächeren Computern ermöglichen, Food Force zu spielen. Trotzdem war die veraltete Grafik einer der Gründe, warum die meisten Schüler angaben, solche Spiele zu Hause nicht zu spielen.
Nur einer der Schüler hatte sich zuvor im Unterricht mit dem Thema Entwicklungshilfe beschäftigt. Alle Schüler waren sich jedoch einig, dass Food Force einen guten Ansatzpunkt bietet, dieses Thema im Schulunterricht oder einer AG zu behandeln.

Die Qualität der Videos wurde von den Schülern gelobt und sie halfen augenscheinlich dabei die Problemstellung der Aufgaben zu verstehen. Die Qualität der einzelnen Spiele schätzten die Spieler sehr unterschiedlich ein. Eine Aufgabe, in dem der Spieler Nahrungsmittel mit ausgeglichenen Nährwerten zusammenstellen muss und dabei einen bestimmten Geldbetrag nicht überschreiten darf, war den Schülern zu abstrakt, während sie das Steuern eines LKW-Konvois als sehr gelungen bezeichneten.
Das World Food Programme stellt auf seiner Seite viele Hintergrundinformationen und Materialien für den Einsatz des Spiels im Unterricht zur Verfügung. Jugendliche erhalten durch Highscorelisten im Internet auch eine Motivation das Spiel privat zu spielen. Um das im Spiel Gesehene jedoch angemessen reflektieren zu können, sollte das Spiel in einen Inhaltlichen Themenkomplex eingebunden werden. Die Schwesterorganisation von WFP, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), hat unter dem Motto "Feeding Minds: Fighting Hunger" (Geistige Nahrung zur Bekämpfung des Hungers) Unterrichtsentwürfe erarbeitet, die sich mit diesen grundlegenden Fragen befassen. Sie sind in den Sprachen Englisch, Arabisch, Chinesisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch und Kisuaheli erhältlich und stehen unter Homepage der FAO zum Download bereit. Sicherlich würde es der Verbreitung der Unterrichtsinformationen helfen, wenn sich ein Lehrer finden würde, der diese Seite ins Deutsche übersetzt.
Das Spiel wurde nach Angaben der Vereinten Nationen bereits mehr als 5 Millionen mal von der Homepage heruntergeladen. Spiele, die ausschließlich als Download über das Internet erhältlich sind, erhalten in Deutschland keine gesetzliche Alterseinstufung durch die USK. Auf der Seite wird ein Alter ab 8 Jahren empfohlen. Einige Aufgaben sind jedoch erst ab einem Alter von 10 Jahren vollständig und sinnvoll zu lösen. Eltern sollten sich die Zeit nehmen und das Spiel gemeinsam mit ihren Kindern spielen um aufkommende Fragen mit den Kindern gemeinsam diskutieren zu können.

Fazit:
Food Force ist ein gelungenes Serious Game, dem es gelingt ein wichtiges Anliegen spielerisch zu vermitteln. Lehrer sollten versuchen die technischen Hürden zu überspringen und eine Einbindung von "Food Force" in eine Unterrichtseinheit zum Thema Entwicklungshilfe wagen. Wir würden uns freuen, Erfahrungsberichte von durchgeführten Versuchen zu erhalten.

29.02.2008 um 13:28
christina kohnle schreibt:

herr kohring,
vielen dank für den interessanten artikel zum einen und ihren kommentar zum anderen. ich schreibe momentan meine bachelorarbeit zu genau dem punkt, den sie in ihrem fazit anführen: "wie kann ein lehrer food force sinnvoll in das unterrichtsgeschehen einbinden, um seinen schülern die thematik hunger nahezubringen?"
ich würde mich sehr freuen, wenn sich nun auf meinen kommentar hin personen melden würden, die vielleicht schon derartige erfahrungen gemacht haben, also food force oder die informationen der fao schon genutzt haben, oder auch einfach nur "interessierte", die sich hier zu diesem thema äußern möchten.

in gespannter erwartung
christina

03.04.2008 um 12:31


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