Spielebeurteilung

Genius – Im Zentrum der Macht

17.12.2007
Es ist die Aufgabe des Spielers, als Politiker Karriere zu machen. Man startet als unerfahrener Bürgermeisterkandidat in einem kleinen Dorf in Bayern und muss dort die örtlichen Wählerinnen und Wähler von seinen Fähigkeiten überzeugen.
Spielbesprechung von Torben Kohring (Spieleratgeber NRW)


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Den nächsten Schritt auf der Karriereleiter stellt der Industriestadtteil Hagenau-Ost dar, in dem die zu lösenden Probleme schon eine Nummer größer sind als in der Provinz. Hat man auch hier die anstehenden Aufgaben zur Zufriedenheit der Bürger erledigt, führt den Spieler der Weg über die Landeshauptstadt von Nordrhein Westfalen nach Berlin, wo man sich zu guter Letzt als Kandidat auf die Kanzlerschaft der Bundesrepublik Deutschland bewerben darf.





Das Spiel ist eine Mischung aus einer Städtesbausimulation und einem Managerspiel. Der Aufbauteil ähnelt in seinen Funktionen dem Klassiker Sim City.

Im Stadtbereich müssen Wohn-, Handels- und Industrieflächen ausgewiesen werden, auf denen sich dann Bürger und Unternehmen ansiedeln können. Ohne eine sinnvolle Infrastruktur mit Straßen, Polizeiwachen, Schulen und Supermärkten ist kein großartiges Wachstum der eigenen Gemeinde oder Stadt zu erwarten. » mehr

Genius – Im Zentrum der Macht

Je nach Größe der Stadt ist das Finanzbudget schon bei kleineren Vorhaben, wie dem Bau einer Straße, schnell erschöpft. In größeren Städten reicht dieses sogar für den Bau eines teuren Flughafens. So gilt es für den Spieler jederzeit die Steuereinnahmen im Blick zu behalten um neue Bauvorhaben auch finanziell umsetzen zu können. Niedrige Steuern haben einen natürlichen Zuzug von Einwohnern und Geschäften zur Folge, können jedoch auch zu einem unausgeglichenen Finanzhaushalt führen.

In jedem Spielabschnitt werden dem Spieler verschiedene Aufgaben gestellt, die es in einer bestimmten Spielzeit zu absolvieren gilt. In seinen Wahlversprechen kann der Spieler diese Spielzeit festlegen und somit den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben selbst bestimmen. Eine Aufgabe kann beispielsweise darin bestehen, einen Kindergarten zu errichten oder die Bevölkerungszahl deutlich zu steigern. Ziel in jedem Abschnitt ist es, durch die eigenen Handlungen einen bestimmten Grad an Zufriedenheit bei der Bevölkerung und dem Stadtrat zu erreichen.

Der Managerteil des Spiels erfolgt über einen virtuellen Amtssitz, an dem je nach Spielabschnitt, verschiedene Aufgaben erledigt werden müssen. Muss sich der Spieler zu Beginn des Spiels mit lokalen Werbemaßnahmen, störrischen Landräten und Umgehungsstraßen auseinander setzen, geht es als Kanzlerkandidat um das Bestehen als Ministerpräsident in einem Bundesland und das Absolvieren eines erfolgreichen Wahlkampfs.

Der Spieler lernt das politische Geschäft sozusagen von der Basis bis hin zur großen nationalen politischen Bühne kennen. Unterstützt wird der Spieler in seinem Karrierevorhaben von verschiedenen Begleitern und Journalisten, die ihm mit Rat und Kritik zur Seite stehen.

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Serious Games haben mit vielen Problemen zu kämpfen. Einmal reicht das Budget nicht aus, um eine ansprechende Spielgrafik zu gestalten. Ein anderes Mal gelingt die Verbindung von Unterhaltung und lehrreichen Inhalten nicht wirklich. Die Jugendlichen in den Testgruppen gehen deshalb immer besonders kritisch mit Spielen um, die ihnen lehrreiche Inhalte allzu aufdringlich vermitteln wollen.
Ein stimmungsvolles Video wirft direkt zu Beginn einen Blick auf die Entstehung und die Bedrohung der Demokratie. Viele Jugendliche schauen sich diese Intros gar nicht erst richtig an. Daher scheint es bei einem Einsatz in der Schule sinnvoll zu sein, dieses Video gesondert zu behandeln. Nicht zuletzt, weil es auch viele wichtige Themen des späteren Spiels enthält.

Viele Jugendliche kannten das Spielprinzip von „Genius - Im Zentrum der Macht" bereits aus Spielen wie Sim City oder City Life. Die Grafik wurde von den Spielern als durchschnittlich bewertet. Sie kann mit aktuellen Städtebausimulationen nicht konkurrieren, bietet auf der höchsten Qualitätsstufe jedoch trotzdem viele Details und eine gute Übersicht. Gerade die jüngeren Schüler hatten jedoch Probleme das Spiel trotz der moderaten Hardwareanforderungen auf ihren privaten Rechnern zum Laufen zu bringen, da ihnen oft eine geeignete Grafikkarte fehlte. Der Sound unterstützt das Spielerlebnis. Besonders die vielen eingesprochenen Kommentare der Spielfiguren wurden von den Jugendlichen positiv erwähnt.

Die Steuerung erfolgt überwiegend mit der Maus und ist auch für Anfänger schnell zu erlernen. Eine Einführung erklärt die grundlegenden Funktionen und leitet den Spieler durch die erste Aufgabe. Spieler, die nicht bereit waren sich mit den Texten und Erklärungen auseinander zu setzten, bekamen später Probleme im Spiel, da ihnen wichtige Funktionen im Spiel verborgen blieben. Hierdurch entstand bei diesen Spielern schnell Frustration und der Eindruck, dass das Spiel zu schwer sei. Mit dem Hinweis auf das Handbuch konnten einige Probleme und Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, jedoch nutzen Jugendliche diese Möglichkeit erfahrungsgemäß nur selten.

Spieler, die sich auch privat mit Städtebausimulationen und Managementspielen beschäftigten, kamen auch mit „Genius - Im Zentrum der Macht" sehr schnell zurecht. Sowohl das grundlegende Spielprinzip, als auch viele Feinheiten waren ihnen aus anderen Spielen bekannt. Besonders diese erfahrenen Spieler äußerten sich kritisch über die Länge des Spiels. Vier Abschnitte waren ihnen einfach zu wenig Inhalt für ein vollwertiges Spiel und ihnen fehlte ein freier Spielmodus, in dem man eine eigene Stadt ohne Zeitdruck frei entwickeln kann. „Vielleicht können die das ja durch einen Patch nachliefern." (Spieler, 14 Jahre). Die Motivation, sich nach erfolgreichem Absolvieren der Kampagne weiterhin mit dem Spiel zu beschäftigen, würde durch einen freien Modus deutlich erhöht werden. Der niedrige Anschaffungspreis des Spiels im Vergleich zu anderen Produkten würde durch diese Erweiterung der Spielinhalte noch einmal deutlich an Attraktivität gewinnen. » mehr

Falsche oder moralisch fragwürdige Entscheidungen, wie z. B. Bestechungsversuche oder Lügen in Interviews, bestraft das Spiel mit direkten Hinweisen und einer Abnahme der Zustimmung durch die Bürger. Es ist also nicht möglich, das Spiel auf diesem Wege erfolgreich zu absolvieren. Dass diese Themen jedoch benannt werden, macht es möglich, sie auch in einer Unterrichtseinheit zu behandeln.

Das Spiel soll einen möglichst optimistischen Blick auf die Demokratie werfen und stellt deshalb auch nur wirklich demokratische Werkzeuge zum Erreichen der politischen Ziele zur Verfügung. Den Jugendlichen fiel im Laufe des Tests schnell auf, dass ihnen durch das Spiel politisches Wissen vermittelt werden soll. Schrecken solche aufgezwungenen Lerninhalte sonst, wie eingangs erwähnt, Jugendliche eher ab, gelingt es hier durch die gute Präsentation und die fesselnden Managementanteile, dass diese bereit sind, sich intensiv mit dem Spiel auseinander zu setzen.

Es war zu beobachten, dass trotz aller auftretenden Probleme alle Schüler mit viel Spaß bei der Sache waren und motiviert versuchten die anstehenden Aufgaben zu meistern. Viele lehrreiche Inhalte sind so geschickt mit dem Spiel verknüpft, dass den Testern der Lernansatz hauptsächlich bei auffälligen Passagen, wie z. B. dem Entwerfen von Plakaten, auffiel. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielen wird hier also nicht mit der „Lernkeule" gearbeitet, sondern die lehrreichen Inhalte sind dezent in das Spiel eingearbeitet. Diese sinnvolle Balance unterscheidet „Genius - Im Zentrum der Macht" positiv von anderen Serious Games.

Ob dieses Spiel bildungsfernen Jugendlichen den Zugang zu den thematisierten Inhalten vermittelt, muss jedoch in Frage gestellt werden. Gerade diese Jugendlichen waren in unseren Testgruppen und Veranstaltungen nur schwer dazu zu bewegen, sich mit dem Spiel zu beschäftigen. Darüber hinaus fehlte ihnen oft das grundlegende Verständnis für politische Zusammenhänge, ohne das viele Aufgaben nur schwer zu bewältigen sind. Viele Begriffe, wie Bauausschuss oder Haushalt, werden vom Spiel nicht erklärt. Das Spiel richtet sich hierdurch automatisch an solche Jugendliche, die bereits ein grundlegendes Verständnis für Politik mitbringen.

„Genius - Im Zentrum der Macht" eignet sich für den Einsatz in der Schule nur bedingt, da die einzelnen Abschnitte nur schwer in einer Schulstunde zu absolvieren sind. Das gesamte Spiel hat einen Umfang von mehreren Stunden, so dass das Spielziel der Kanzlerkandidatur in einer Unterrichtseinheit wahrscheinlich nicht erreicht werden kann. Als Ergänzung zum Schulunterricht eignet sich das Programm aber durchaus, sofern die vermittelten Inhalte unter pädagogischer Anleitung entsprechend thematisiert werden. Denkbar wäre beispielsweise, dass Schüler unterstützendes Lehrmaterial für die Heimarbeit zur Verfügung gestellt bekommen, um ein grundlegendes Verständnis über kommunale politische Entscheidungen und die Grundlagen städteplanerischen Vorgehens zu vermitteln.

6 Kommentare

Torben Kohring (Spieleratgeber NRW) schreibt:

“Genius – Im Zentrum der Macht“ schafft eine gelungene Verbindung von Unterhaltung und einem lehrreichen Thema. Politische Zusammenhänge werden geschickt mit der spielerischen Ebene verbunden, ohne den Spieler dabei zu langweilen. Aufgrund der Komplexität des Spiels und dem vorausgesetzten politischen Wissen eignet sich das Spiel für Kinder ab einem Alter von 12 Jahren. Jüngere Kinder können das Spiel bedenkenlos spielen, werden es aber wahrscheinlich nicht verstehen. Ein Einsatz im Schulunterricht ist unter bestimmten o. g. Bedingungen denkbar.

17.12.2007 um 10:42
Frank schreibt:

Dieses Spiel ist inkompatibel zur Hardware der Zielgruppe. Die Anforderungen an die Grafikkarte sind derart hoch, dass das Spiel selbst auf neuen Office-Computern nicht läuft. Spielbar ist das Spiel nur auf Gamer- Computern. Für Eltern, die ihren Kindern vernünftige Software anbieten woll(t)en, ist dieses Spiel eine maßlose Enttäuschung. Ob echte "Gamer" sich solche Software reinziehen bezweifle ich energisch. Zusammenfassung: für Normalos nicht spielbar, es sei denn man kauft sich eine neue Grafikkarte

27.12.2007 um 18:58
Tobias Miller (Redaktion spielbar.de) schreibt:

Die Entwickler von "Genius - Im Zentrum der Macht" legten offensichtlich besonderen Wert auf eine wirklichkeitsnahe Grafik, da diese den (anspruchsvollen) Sehgewohnheiten der jugendlichen Zielgruppe gerecht wird.
(siehe dazu den Beitrag "Auf ins Kanzleramt!" unter
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ewelten/710178/)

02.01.2008 um 11:06
Tobias Miller (Redaktion spielbar.de) schreibt:

“Genius - Im Zentrum der Macht” kann seit Januar 2008 gegen eine Bereitstellungspauschale direkt bei der Bundeszentrale für politische Bilduing bestellt werden.

Alle Informationen dazu finden sich hier
http://www.bpb.de/publikationen/BB1X9Q,0,0,Genius_Im_Zentrum_der_Macht.html

27.03.2008 um 13:30
spielbar.de - Comenius-Auszeichnungen 2008 schreibt:

[...] Preisträger dagegen selten. Eine der wenigen Ausnahmen ist „Genius - Im Zentrum Macht” (» Spielbesprechung). Das von der Bundeszentrale für politische Bildung entwickelte Serious Game erhielt sowohl das [...]

07.07.2008 um 18:13
Tim schreibt:

Das Spiel ist für mich eine masslose Enttäuschung, da es wie schon gesagt auf einfachen Rechnern nicht läuft und auch mit den anderen Geniusspielen nicht mithalten kann.

22.02.2009 um 11:43


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