Spielebeurteilung

Bioshock

27.11.2007
Bioshock ist der indirekte dritte Teil der preisgekrönten "System Shock" Reihe. Der erste Teil der Serie erschien 1991, der zweite acht Jahre später. Inhaltlich geht es in dem Actionspiel um den Konflikt mit einer machtbesessenen künstlichen Intelligenz namens "Shodan".
Spielbesprechung von Torben Kohring (Spieleratgeber NRW)


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Aber das ist nicht die besondere Leistung, die „System Shock" zu einem der Kulttitel seiner Zeit gemacht hat. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie das Spiel erstmalig Elemente aus bis dato noch völlig unterschiedlichen Genre geschickt miteinander verknüpft, und auf diese Weise erheblich mit zur Entwicklung moderner Computerspiele beigetragen hat. „System Shock" verknüpfte zum ersten Mal in der Computerspielgeschichte umfangreiche Rollenspielelemente, wie den Ausbau der eigenen Charakterfertigkeiten, mit dem Genre der bis dato rein actionorientierten Ego-Shooter .

Aber auch technisch ebnete „System Shock" neue Wege. Erste Umsetzungen einer Spiel-Physik, die z. B. Gegenstände korrekt zu Boden sinken lässt, wenn sie vom Spieler geworfen wurden, war 1991 eine bahnbrechende Neuerung. Aufgrund der unglaublich dichten und unheimlichen Geschichte abseits der gewohnten fantastischen Weltkonzepte, schafft es „System Shock" auch nach 16 Jahren noch eine große Fangemeinde zu unterhalten. Diese erarbeiteten im Rahmen eines Fanprojektes sogar eine grafisch überarbeitete Version des zweiten Teils.

Schon mit dem Namen machen die Entwickler klar, dass sie mit „Bioshock" neue Wege gehen, und nicht einfach den dritten Teil einer bereits erfolgreichen Spielereihe produzieren wollten. Der Spieler wird, ähnlich wie im Klassiker „Half life", während eines alltäglichen Vorgangs plötzlich in die ungewöhnlichen Geschehnisse der Spielgeschichte verstrickt. » mehr

Das Flugzeug des Protagonisten stürzt in den 1960er Jahren während einer Atlantiküberquerung ab. Dieser rettet sich auf eine mysteriöse Insel. Hier findet er in einem Turm eine Tauchglocke. Auf der nun folgenden Tauchfahrt, die den Spieler zum eigentlichen Start des Spiels bringt, bekommt er erstmalig Einblicke in die grandiose Unterwasserwelt namens Rapture. Schon die erste Begegnung mit einem Bewohner von Rapture macht deutlich um was es hier geht: Um das Überleben.

Eine mit zwei Haken bewaffnete und augenscheinlich wahnsinnig gewordene Frau, versucht sich Zugang zu der Tauchglocke zu verschaffen um den Spieler zu töten. Der Versuch misslingt und ein Unbekannter namens Atlas nimmt Kontakt mit dem Spieler auf. Atlas führt den Spieler in die Geschichte von Rapture ein. Das Ziel des offensichtlich größenwahnsinnigen Wissenschaftlers Andrew Ryan war es, eine Welt unter der Wasseroberfläche zu erschaffen, in der sich Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft ohne jegliche Regeln und Einschränkungen ungehindert entfalten können.

Natürlich ist dieser Versuch misslungen. Eine neue Droge namens Adam verwandelte die Bewohner nach und nach in Zombies, die nur noch durch die Sucht nach Adam angetrieben werden. Atlas fordert als Belohnung für seine Hilfe die Rettung seiner Familie. Somit macht sich der Spieler auf, diese zu finden und zu retten.

Auf seiner Suche muss sich der Spieler in typischer Shooter-Manier mit einem stetig wachsenden Waffenarsenal sowohl der wahnsinnigen Einwohner von Rapture, als auch dem von Andrew Ryan geschaffenen Sicherheitssystem erwehren. Die Einnahme der Droge Adam verleiht der Spielfigur zusätzliche Kräfte wie Telekinese, das Entzünden von Gegenständen oder das Erschaffen von Blitzen. Kleine Minispiele müssen gelöst werden, wenn der Spieler versucht Maschinen in Rapture zu manipulieren. Er kann damit erreichen, dass diese fortan für ihn arbeiten.

Der Weg durch die Unterwasserwelt ist linear angelegt. Jedoch wird immer wieder die Illusion von Bewegungsfreiheit erzeugt, indem der Spieler erneut durch bereits passierte Stücke der Stadt geschickt wird.

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Pädagogische Beurteilung

Auch „Bioshock" kommt auf den ersten Blick wie ein typischer Vertreter des Ego-Shooter Genres daher. Bewegungen und Kampfhandlungen werden mit Maus und Tastatur gesteuert und das Geschehen wird komplett aus der Ich-Perspektive wahrgenommen.

„Bioshock" fügt dem Genre der Shooter auf den ersten Blick keine neuen Elemente hinzu, kombiniert jedoch die bekannten Elemente in einer für dieses Genre bisher vollkommen neuen Art. Shooter waren immer die Speerspitze des technisch Machbaren - auch „Bioshock" sieht fantastisch aus. Jedoch sind es nicht die Explosionen oder futuristischen Lichteffekte, die den Betrachter faszinieren. Es ist vielmehr die unheimlich detaillierte Gestaltung der Unterwasserwelt, die einen besonderen Reiz ausmacht. „Rapture" heißt aus dem Englischen übersetzt „Entzücken" oder „Rausch", kann aber auch mit dem biblischen „Entrückung" übersetzt werden. Genau diese Art von Doppeldeutigkeit zieht sich durch das gesamte Spiel wie ein roter Faden und macht es für den erwachsenen Spieler durchaus auch zu einem intellektuellen Vergnügen.

Ebenfalls hervorzuheben ist der Stil und die ganz besondere Ästhetik des Spiels. Das horrorhafte Szenario, dass an Geschichten irgendwo zwischen H. P Lovecraft und Jules Verne erinnert, wird getragen von Stilelementen des Art Deco und des ausgehenden 19ten Jahrhunderts. Das Spiel entwickelt auf diese Weise eine ganz eigene, beinahe künstlerische Atmosphäre, die es in dieser konsequent umgesetzten Form noch in keinem Spiel zuvor gegeben hat. Nicht umsonst wird „Bioshock" in Fankreisen auch das „Artbook" unter den Computerspielen genannt. » mehr

Die Welt von „Bioshock" ist eine apokalyptische Vision, eine Art Tiefenrausch. Im Art Deco Stil gehalten, ist diese dem Untergang geweihte Anlage faszinierend und unheimlich zu gleich. Die kunstvollen Verzierungen der Räume lassen den erwachsenen Spieler immer wieder für Momente staunend innehalten und die Atmosphäre der verschiedenen Orte genießen. Verrückte Wissenschaftler, skrupellose Geschäftsleute und Politiker haben weiterhin versucht, ihre Idee der perfekten Gesellschaft zu verwirklichen. Da gibt es z. B. einen Schönheitschirurgen, der versucht aus Leichen den perfekten Menschen zusammenzusetzen, den Künstler, der lebende Menschen in Gips gießt oder den Geschäftsmann, der für Informationen seine Angestellten foltert.

Diese Szenen lassen auch hartgesottene Erwachsene erschaudern - nicht zuletzt auch deswegen, weil diese ad absurdum geführten Bilder letztlich nur einen Spiegel dessen darstellen, was jeden Tag auch in unserer Gesellschaft passiert. Immer wieder ertönen aus den Lautsprechern Durchsagen, die sich systemkritisch mit dem Kommunismus und Kapitalismus auseinandersetzen. Diese Informationen zu reflektieren und in den Kontext des Spiels einzuordnen, stellt für Erwachsene kein Problem dar. Auf Kinder und Jugendliche haben diese Aussagen und Bilder jedoch eine irritierende Wirkung und sind aus diesem Grund für Minderjährige absolut ungeeignet.

Der Spieler ist permanent gezwungen, sich mit konventionellen Waffen und seinen mutierten Kräften der ständigen Bedrohung durch verrückt gewordene Bewohner zu erwehren. Das Töten der Gegner wird mit Gegenständen belohnt, die diese in der Regel bei sich tragen. Die Tragik dieser Geschöpfe wird an einigen Stellen deutlich. So z. B. auch, wenn eine mutierte Frau sich verwirrt auf die Suche nach ihrem Kind macht, dass ihr von den Herrschern von Rapture entrissen wurde. Sie wird den Spieler im nächsten Augenblick ohne Vorwarnung angreifen, was diesen zum Handeln zwingt. Neben dem Einsatz von Pistolen und Gewehren ist es möglich, Gegner zu verbrennen, durch Blitze zu töten oder einen Bienenschwarm auf sie zu hetzen. Gegner bluten, verbrennen und brechen in realistischen Posen zusammen. Diese Form der Gewaltdarstellung ist für Kinder und Jugendliche nicht geeignet und hat, trotz einer in Deutschland entschärften Fassung, maßgeblich zur Einstufung der USK „ab 18 Jahren" beigetragen. » mehr

Relativ früh im Spiel begegnet der Spieler einem der schicksalsträchtigsten Paare der Videospielegeschichte: den Big Daddies und Little Sisters. Kleine Mädchen ziehen auf der Suche nach der Droge Adam durch die Räume der Stadt und saugen das Adam mit einer riesigen Spritze aus den umherliegenden Leichen. Bewacht werden sie dabei von riesigen frankensteinhaften Wesen, die sich grundsätzlich passiv verhalten und sich nur wehren, wenn der Spieler oder die Bewohner von Rapture sie oder die kleinen Mädchen angreifen.

Nur über die Little Sisters kann der Spieler an das bewusstseins- und fähigkeitserweiternde Adam (man beachte auch hier wieder den biblischen Bezug) kommen. Zwar ist es möglich, das Spiel auch ohne die Vorteile durch die Droge durchzuspielen. Einfacher ist es jedoch mit ihrer Hilfe. An dieser Stelle wird der Spieler vor eine moralische Frage gestellt: Die kleinen Mädchen von ihrem Leiden zu befreien und auf das Adam verzichten, oder die Mädchen auszubeuten und die maximale Menge zum Ausbau der eigenen Fähigkeiten erhalten? Das Töten der Mädchen wird grafisch nur angedeutet, jedoch mit quälenden Geräuschen unterlegt. Wo liegen die moralischen Grenzen meines Handelns? Eine Frage, die so klar in einem Computerspiel bisher selten gestellt wurde.

Durch eine geschickte Wendung der Geschichte wird der Spieler letztlich auch noch vor die Frage nach der Motivation für seine Taten gestellt. Alles was klar schien, verliert nun an Deutlichkeit, und auch das vorher klare Ziel des Spielers wird durch Manipulation, Täuschung und Verrat in Frage gestellt. Angetrieben durch Szenen, in denen der Spieler in die Rolle seiner bisherigen Opfer schlüpfen muss, reflektieren das eigene Handeln völlig neu und lassem dem Spiel eine Tiefe zukommen, die besonders dem Genre der Shooter bisher selten zuteil wurde.

2 Kommentare

Torben Kohring (Spieleratgeber NRW) schreibt:

kein Spiel für Kinder und Jugendliche

„Bioshock“ erzählt eine fesselnde Geschichte in cineastischer Qualität und bietet vor allem auf der inhaltlichen Ebene eine Vielfältigkeit, die es aus der Masse der Actionspiele positiv hervorhebt. Durch die erhebliche Gewaltdarstellung, sowohl grafisch wie auch inhaltlich, ist es jedoch für Kinder und Jugendliche absolut ungeeignet.

27.11.2007 um 20:06
alina schreibt:

also...ein romantisches Pärchen gibt es in dem Spiel zu sehen, doch trotzdem ist das Spiel nichts für Romantiker!

07.11.2008 um 11:57


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