Das Für & Wider

Diskussion um Sexismus in und um Computerspiele – gerechtfertigt oder übertrieben?

15.01.2013
Die einen befürworten Modelmaße und leichte Rüstungen bei weiblichen Computerspielfiguren. Andere befürchten, ein derart klischeebehaftetes Frauenbild könne sich in der Gesellschaft festsetzen. In der Diskussion um Sexismus in und um Computerspiele gibt es unterschiedliche Standpunkte. Hier zwei davon.


Innerhalb von Spielen begegnen uns weibliche Charaktere nicht selten als schmückendes Beiwerk mit überdimensional großer Oberweite ausgestattet, hilfesuchend. Doch auch außerhalb von Spielen sind weibliche Gamer mit Vorurteilen und Klischees konfrontiert. Die Diskussion um Sexismus innerhalb und außerhalb von Computerspielen ist nicht neu, wird aber immer wieder aufs Neue angefacht.

Wir haben zwei Personen nach ihrer Meinung zur Diskussion um Sexismus im Zusammenhang mit Computerspielen befragt. Beide beschäftigen sich nicht nur privat, sondern auch beruflich mit Computerspielen. Als Vertreter der männlichen Riege meldet sich Andreas Altenheimer zu Wort. Er ist Redakteur bei Polygamia.de, einem Onlinemagazin mit Schwerpunkt Computer- und Videospiele, und gleichzeitig mit ganzem Herzen Gamer. Als Vertreterin der weiblichen Gamer äußert sich Silvia Schachinger zur Thematik, Redakteurin bei gamers.at/GamersPlus und ebenfalls leidenschaftliche Gamerin. Zwei Standpunkte in der Diskussion um Sexismus in und um Computerspiele:







Andreas Altenheimer: 

Für mich gibt es zwei Formen von Sexismus in Videospielen: Bei der einen werden Geschlechterklischees breitgetreten, bei der anderen geht es um das Äußere. Während ich erstere grundsätzlich verteufle, primär weil sie Charaktere unglaubwürdig und uncharismatisch erscheinen lassen, sehe ich letzteres mit gemischten Gefühlen. Ich bin gleich ehrlich: Habe ich bei einem Spiel die Wahl, dann entscheide ich mich meist für einen weiblichen Avatar , schlicht weil er mir mehr für mein männliches Auge bietet. Entsprechend “gut“ sollte sie aussehen – obgleich am Ende Stil sowie Charisma stimmen müssen, so habe ich sicherlich nichts gegen eine adrette Körbchengröße, Modelmaße oder leichte Rüstungen. Warum auch, wenn ich doch ein Mann bin?

Die Trailer zum neuen “Tomb Raider“ hingegen empfinde ich als unerträglich. Sie suggerieren mir, dass aus einer halbwegs taffen “Abenteurerin“ ein junges, hilfloses “Ding“ wird. Dies würde eines der übelsten Klischees fördern, von denen ich sprach: das einer prinzipiell wehrlosen Frau, die sich nur mit Heulen und Kreischen zu helfen weiß. Ähnlich problematisch sehe ich die Verkörperung von EDI in “Mass Effect 3“: Warum eine künstliche Intelligenz wie frisch nach der perfekten Schönheits-OP auszusehen hat, ist mir völlig schleierhaft. Was ich jedoch mag, sind solch überzogene Beispiele à la “Lollipop Chainsaw“. Erstens nimmt sich dieses Spiel im Gegensatz zu den anderen erwähnten Titeln nicht ernst und zweitens steckt hinter der bewusst aufreizend gestalteten Juliet ein extrem kampflustiges Mädchen, welches sprichwörtlich die Kettensäge in der Hand trägt und damit dem Geschlechterklischee voll entgegen steuert.

Wer mich fragt, was mich am meisten bezüglich des Themas “Sexismus in Videospielen“ stört, dem antworte ich mit dem Wörtchen “Ungleichgewicht“. Während wir Männer mit Bikini-Frauen, Nacktcheats und Mods ohne Kleidung regelrecht zugemüllt werden, fehlen den Frauen oftmals die entsprechenden Optionen. Als ein Mann, der definitiv das Gespräch mit dem anderen Geschlecht bevorzugt, weiß ich nur zu gut, dass die weibliche Seite der Menschheit kaum “Nein“ zu dicken Muskeln oder feschen Sixpacks sagen würde. Dies ist mit ein Grund, weshalb meine beste Freundin ein großer Fan der “Tekken“-Serie ist: Weil diese Prügelspiele in der Tat etwas für das Auge des Mannes UND der Frau bieten.

Der Hauptgrund für dieses Ungleichgewicht: Ein Großteil der Spiele wird von Männern und somit mehr oder weniger für Männer gemacht. Einzig im Adventure -Genre fällt auf, dass sowohl männliche als auch weibliche Charaktere relativ normal aussehen sowie vollständig angezogen sind. Somit kann ich nur allen Frauen raten, die etwas gegen dieses Ungleichgewicht tun möchten: Setzt euch ans Zeichenbrett und zeigt “uns“, dass es auch anders geht. Ich würde einen solchen Trend mehr als begrüßen.
Silvia Schachinger: 

Ich finde die Diskussion rund um Sexismus in Computerspielen durchaus gerechtfertigt. Zu Beginn hatte ich zwar auch das Gefühl, sie wäre übertrieben, aber je mehr ich mich mit dem Thema an sich, auch rund um Anita Sarkeesian und ihr Projekt „Tropes vs. Women in Video Games“, befasst habe, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass diese Diskussion absolut notwendig ist.

Das liegt aber allen voran auch an den zahlreichen sexistischen, rassistischen und negativen Kommentaren, die Sarkeesian dafür bekommen hat, die zeigen, welches Frauenbild manche Männer noch immer haben. Computer- und auch Videospiele sind nach wie vor eine Männerdomäne, auch wenn immer mehr Frauen spielen, werden die Spiele selbst trotzdem mit Männern als Hauptzielgruppe entwickelt. Das hat zur Folge, dass nicht nur gängige Frauenklischees verwendet werden, sondern Frauen auch keine Identifikationsmöglichkeit mit dem Hauptcharakter haben, da dieser männlich ist.

Das große Problem liegt allerdings nicht darin, sondern in der auch von Anita Sarkeesian angesprochenen Verwendung von Klischees. Computer- und Videospiele sind ein Unterhaltungsmedium, das, wie jedes andere Medium auch, unsere Wahrnehmung beeinflusst. Wenn daher ein derartig klischeebehaftetes Frauenbild transportiert wird, setzt sich dieses Frauenbild auch in unserer Gesellschaft fest. Zwar wird nicht jeder Mann glauben, was ihm da vorgesetzt wird, aber viele werden sich davon beeinflussen lassen und das ist schade.

Auch wir Frauen dürfen hier nicht einfach wegsehen und diesen Umstand als gegeben betrachten, sondern müssen aktiv für eine Verbesserung plädieren. Schließlich sollte man einen Menschen weder nach seiner Rasse, Hautfarbe, Religion oder nach seinem Geschlecht bereits vorab in Schubladen stecken und ihm nicht schlichtweg die Eignung für einen Beruf oder ein Hobby absprechen. Das Geschlecht sagt rein gar nichts darüber aus, wie gut man in einem gewissen Spiel ist und als Frau will man weder an die Hand genommen, noch für sein Hobby belächelt werden.

Computer- und Videospiele sind mittlerweile ein Massenmedium und haben daher auch eine gewisse Verantwortung für die Themen und Meinungen, die transportiert werden. Diversere Charaktere, sowohl männliche, als auch weibliche, können daher keinem Spiel schaden, sondern stellen sogar eine Bereicherung dar. Darum wäre es schön, wenn Computer- und Videospiele-Entwickler ihre Spiele nicht für Männer oder Frauen produzieren würden, sondern versuchen würden mit interessanten Geschichten und Charakteren beide Geschlechter anzusprechen.

Hintergrund zum Artikel

Im Mai 2012 stellte Anita Sarkeesian das Projekt „Tropes vs. Women in Video Games“ auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter ein. Das Projekt sah eine Video-Reihe vor, in der unterschiedliche Stereotypen von weiblichen Charakteren in Computerspielen untersucht und dargestellt werden sollten. Die bekennende Feministin war daraufhin der Kritik vieler Gamer ausgesetzt, teilweise sogar rassistischen und sexistischen Beleidigungen bis hin zu Drohungen gegen ihre Person. Dies löste eine Welle von Medienberichten und öffentlichen (Netz-)Diskussionen über Sexismus in Computerspielen aus. Verstärkt wurden diese durch den Trailer des aktuellen Tomb Raider-Spiels. Deef Pirmasens kritisierte in seinem Blog die dort gezeigte „Beihnahvergewaltigung“ als „geschmack- und verantwortungslos“.

Weiterführende Links

Stereotypisierung von Frauen in Computerspielen

Weibliche Gamer fürchten Stigmatisierung

Kategorie Mädchen & Computerspiele auf spielbar.de

Weblinks

http://www.kickstarter.com/projects/566429325/tropes-vs-women-in-video-games/posts/242547



Anita Sarkeesian’s Projekt „Tropes vs. Women in Video Games“ auf Kickstarter.com
Anne Sauer
Dieser Artikel wurde verfasst von:

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