Klaus-Dieter Felsmann (Hrsg.)

Mein Avatar und ich. Die Interaktion von Realität und Virtualität in der Mediengesellschaft.

17.11.2011
Die Tagungsdokumentation zu den 14. Buckower Gesprächskreisen widmet sich dem komplexen Thema Avatar - von der Klassifizierung über Chancen und Risiken, sowie mögliche Folgen für die Medienpädagogik der Zukunft. Vor allem für pädagogisch Tätige interessant.

„Diverse mediale Formate bieten die vielfältigsten Möglichkeiten, innerhalb virtueller Räume in die Rolle eines Stellvertreters zu schlüpfen und als solcher spielerisch zu handeln. Anders als beim Karneval gibt es hier aber weder eine zeitliche noch eine räumliche Begrenzung und es gibt keine für alle geltenden Regeln!“ (S. 7)

Die Tagungsdokumentation zu den 14. Buckower Gesprächskreisen mit dem Titel „Mein Avatar und ich. Die Interaktion von Realität und Virtualität in der Mediengesellschaft“ knüpft hier an. Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Forschung und Praxis beschäftigen sich tiefgründig mit den Avataren der Gegenwart und Zukunft. Sie gehen dabei hauptsächlich zwei Fragen nach:

• Welche kulturellen Herausforderungen ergeben sich aus der rasanten medialen Entwicklung?
• Inwiefern verändert sich der Rezipient von Medienangeboten und welche Konsequenzen lassen sich daraus für die Bildungsprozesse ableiten?


Gegliedert ist der Sammelband in zwei Teile. Der erste Teil handelt „Vom Wesen der Avatare“, was man darunter versteht und wie sie einzuordnen sind. Dr. Günther Schatter, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Vertretung des Bereichs Vernetzte Medien an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar, beispielsweise nähert sich künstlichen Wesen aus technisch-philosophischer Sicht und klassifiziert sie entsprechend. Avatare, ob als virtuelle Grafik oder als dreidimensionaler Roboter werden, so Schatter, zukünfig auch verstärkt in reale Alltagssituationen integriert. Ob als Haushaltshilfe oder im Handel- und Dienstleistungssektor, die denkbaren Einsatzgebiete sind vielschichtig. Probleme sieht Schatter dagegen in einem möglichem Wirklichkeitsverlust sowie dem Abbau realer Sozialkontakte. Probleme, mit denen neue pädagogische Fragestellungen einher gehen. PD. Dr. Dagmar Hoffmann, Soziologin und Vertreterin der Professur Medien und Kommunikation an der Universität Siegen, betrachtet die Thematik dagegen aus soziologischer Sicht. Sie versucht Avatare in menschliche Selbstfindungsprozesse einzuordnen. Menschen erfinden sich, entdecken sich, definieren sich neu. „Die Aneignung von Rollen-, Habitus- und Wertekonzepten erfolgt oftmals spielerisch, d.h. durch das Austesten der Entwürfe im Privaten oder auch im öffentlichen Raum.“ (Hoffmann S. 29) Neu, so Hoffmann, ist das Spiel mit den Rollen nicht. Allerdings bieten digitale Spielwelten beispielsweise durch die Anonymität die Möglichkeit, etwas zu wagen, sich auszuprobieren, ohne Auswirkungen auf die Realität befürchten zu müssen.

Nachdem im ersten Teil des Sammelbandes Grundlagen zu Avataren vermittelt werden, wird im zweiten Teil unter dem Titel „Vom Umgang mit Avataren“ der Fokus auf Diskussionsfelder mit Bezug zu Bildungsprozessen gelegt. Klaus-Dieter Felsmann, Journalist und Leiter der „Buckower Mediengespräche“ spricht sich für eine erhöhte humanistische Ausbildung als Vorbereitung aus, um den Anforderungen der modernen Mediengesellschaft gerecht werden zu können. Identitätsstiftend sollte Avatare laut Felsmann aber nicht sein. Prof. Dr. Lothar Mikos, Medienwissenschaftler an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg, sieht dagegen mediale Geschichten durchaus als symbolische Ressource für die Identitätsbildung. Identität, so Mikos, entwickelt sich nicht nur in der sozialen Realität mit Freunden, Verwandten oder Arbeitskollegen, „sondern auch in der Interaktion mit Figuren in Büchern, Filmen, Fernsehsendungen und Computerspielen“ (Mikos, S.97). Da fiktionale Welten auf individuellen Erfahrungen der Rezipienten zurückgreifen, und sie somit von jedem unterschiedlich wahrgenommen werden, kann Medienbildung laut Mikos allerdings nur bedingt als normierter Prozess ablaufen. Burkhard Fuhs, Professor „Lernen und Neue Medien, Schule und Kindheitsforschung“ des Fachgebiets Grundschulpädagogik Universität Erfurt, fasst abschließend die 14. Buckower Mediengespräche mit seinen persönlichen Gedanken und Erfahrungen zusammen. In einem Punkt, so Fuhs, waren sich die Expertinnen und Experten einig: das Handeln in medialen Welten wirkt sich auf die reale Lebenswelt der Akteure aus. Allein das WIE konnte trotz starker Diskussionen nicht einheitlich geklärt werden.

In insgesamt 14 Texten stellt der Sammelband „Mein Avatar und ich. Die Interaktion von Realität und Virtualität in der Mediengesellschaft“ die komplexe Thematik um Avatare in ihrem ganzen Facettenreichtum dar. Die Texte sind allesamt gut strukturiert. Aufgrund der teils sehr detaillierten Ausführungen, die auch über das eigentliche Thema hinaus gehen, ist grundlegendes Vorwissen allerdings empfehlenswert. Für pädagogisch Tätige und andere Interessierte lohnt sich der Blick in das Buch.

Das Buch

Felsmann, Klaus-Dieter [Hrsg.]: Mein Avatar und ich. Die Interaktion von Realität und Virtualität in der Mediengesellschaft: 14. Buckower Mediengespräche. Erweiterte Dokumentation 2010. kopead Verlag.
Broschiert: 148 Seiten
Verlag: März 2011
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3867360146
ISBN-13: 978-3867360142

Weblink

Buckower Mediengespräche
Anne Sauer
Dieser Artikel wurde verfasst von:

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