Interview mit der Eltern-LAN-Teilnehmerin Elke Bormann

„Gern als Pflichtveranstaltung für alle Eltern“

01.06.2011
Im Rahmen der Eltern-LAN in Hamburg am 20. Mai befragte spielbar zwei der Teilnehmenden. Im Mittelpunkt standen das persönliches Interesse an der Veranstaltung sowie die dort gemachten Erfahrungen. Hier das zweite der beiden Interviews.

In der vergangene Woche veröffentlichte spielbar.de das Interview mit dem Schulsozialarbeiter Walter Dinninghoff. Er sprach unter anderem über die Relevanz des Themas Computerspiele für seine berufliche Tätigkeit. spielbar befragte in Hamburg außerdem Elke Bormann zur Eltern-LAN. Die 52-jährige Erzieherin arbeitet als Bildungsmanagerin sowie als TV- und Filmproduzentin.

spielbar: Hallo Frau Bormann. Sie haben am 20. Mai an der Eltern-LAN in Hamburg teilgenommen. Was hat Sie dazu motiviert?

Elke Bormann: Ich bin medieninteressiert, arbeite unter anderem im Bereich Berufliche Bildung und im Bildungsmanagement mit Menschen zwischen 16 und 55 und verfolge die Entwicklung unserer Mediengesellschaft aktiv. Das große Thema „Digitale Kultur“ halte ich für ein generationsübergreifend relevantes. Ich erlebe Junge wie uns Ältere in Aufregung, in neugieriger Spannung damit, vielfach in Unkenntnis, in Verunsicherung, mitten in einem nicht zu überschauenden Umwälzungsprozess. Die Welt der Spiele ist ein Teil davon. Sie spricht mich an.

spielbar: Bei der Eltern-LAN steht die praktische Erfahrung der Teilnehmenden mit dem Medium Computerspiele im Vordergrund. Das heißt Teilnehmende haben die Möglichkeit, Spiele selbst einmal auszuprobieren und sich so eigenständig eine Meinung zu bilden. Wie haben sie den Perspektivwechsel von der Zuschauerin zur aktiv Spielenden wahrgenommen?

Elke Bormann: Die uns vorgestellten Spiele gehörten nicht zu den weiterentwickelten neuesten Generationen. Das eigene sinnliche Erleben hatte ich mir nichts desto trotz ziemlich genau so vorgestellt: Abtauchen- bzw. Eintauchen in ein Szenario, versuchen, das Setting und Aufgaben sekundenschnell zu erfassen, dem Tempo folgen, erhöhter Puls und Adrenalin, kicks…
Das Erfolgserlebnis, schon nach kurzer Zeit Fortschritte zu machen im „Synchronhandling“ von Tastatur und Mouse fand ich natürlich klasse. Inhaltlich haben mich beide Spiele dennoch nicht so angesprochen, dass ich motiviert wäre, sie weiter zu spielen.

spielbar: Gespielt wurde unter anderem der kontrovers diskutierte Taktik-Shooter “Counter-Strike”. Die Reaktionen von Teilnehmenden der Eltern-LAN auf das Spiel sind unserer Erfahrung nach sehr unterschiedlich. Wie haben Sie Counter-Strike wahrgenommen?

Elke Bormann: Ich habe mich gefragt, ob das Spiel nun die vermeintlich moderne Variante von „Cowboy und Indianer“ sein soll. Thematisch, inhaltlich war ich abgestoßen davon. Ein Spielcharakter war für mich erkennbar mit Strategiewechseln, Schwierigkeitsgraden in der Aufgabenstellung. Der eigentliche Auftrag und die Ballerei gingen mir allerdings nach „ein paar Mal ausprobieren“ auf die Nerven. Ob und wie dieses Spiel wirkt, ist meines Erachtens nach abhängig von der Persönlichkeit eines Spielenden und vielen weiteren Faktoren. Sicher ist, es wirkt.

spielbar: Die Eltern-LANs sind bewusst an den professionellen E-Sport angebunden, um einen Einblick in die jugendliche Spielkultur zu ermöglichen. Hat das bei Ihnen dazu beigetragen die Faszinationskraft von Computerspielen bei Kindern und Jugendlichen besser nachvollziehen zu können?

Elke Bormann: Ich habe auf der diesjährigen CeBIT schon die Gelegenheit wahrgenommen, kurz einige E-Sport Profis während eines Weltmeisterschaftsspiels mit rund 3000, fast ausnahmslos männlichen, Fans/Zuschauern in Aktion zu bestaunen. Für mich war und ist die Faszination nachvollziehbar und verständlich. Wenngleich es mich irgendwie bestürzt, dass 98% der Gamer männlich sind, irgendwo zwischen 12 und 49 Jahre. Ich halte Computerspiele nicht grundsätzlich für schlecht oder gefährlich. Sie sind qualitativ ebenso gut oder miserabel schlecht, gewaltverherrlichend oder sexistisch zu bewerten wie das tägliche 24 Stunden TV Programm auf sehr vielen Kanälen. Das Spielerleben online in 2nd und 3rd worlds geht zweifelsfrei darüber hinaus, birgt sowohl neue Faszinationen wie auch Gefahren. Ende offen?

spielbar: Ein wesentliches Anliegen der Eltern-LAN ist es, Eltern, pädagogisch Tätigen und anderen Interessierten einen Einblick in die jugendliche Medienwelt zu ermöglichen, ihnen Orientierungswissen zu vermitteln sowie bestehende Dialogbarrieren zwischen den Generationen abzubauen. Wenn Sie auf die Veranstaltung zurückblicken, welche Eindrücke und Erfahrungen nehmen sie aus der Veranstaltung mit?

Elke Bormann: Für mich ist die Faszination ebenso nachvollziehbar wie die Sorgen oder Ängste vieler Eltern und/oder Pädagogen. Ich selbst bin neugierig geworden und werde bestenfalls recherchieren, ob es Spiele gibt, die mich inhaltlich ansprechen.
Computerspiel ist nicht gleich Computerspiel. Die Definition hinkt, bleibt ungenau, das Sprachverständnis verwaschen. Nur eine Frage der Generation? Sicher nicht. Online-Gaming eröffnet andere Dimensionen, bietet globales Miteinander, als rein PC – oder Software gestütztes Spielen. Es gilt – wie für viele andere Bereiche auch – einen differenzierten Blick auf die Dinge zu wagen. Der erfordert allerdings mehr Denksport, Arbeit, Auseinandersetzung und Debatte als das bisher verbreitete Bewerten in Schwarz-Weiß-Kategorien.
Fakt ist: die (Spiele) Industrie ist und bleibt an Gewinnmaximierung orientiert. Gnadenlos. Und über E-Sport muss eben informiert werden.

spielbar: Würden Sie die Teilnahme an einer Veranstaltung wie der Eltern-LAN weiterempfehlen? Falls ja, an wen?

Elke Bormann: Ja, in jedem Fall, und gern als Pflichtveranstaltung für alle Eltern, Pädagogen, Großeltern etc. Ich wünsche mir mehr Interesse auf der einen Seite und verbesserte breit angelegte Informations-bzw. Aufklärungsstrukturen für Jüngere sowie für Ältere auf der anderen Seite. Kurz: mehr Bildungsoffensiven in punkto kulturelle und soziale Medienkompetenz.

spielbar: Was möchten Sie uns sonst noch zur Eltern-LAN sagen? Wie fällt Ihr Resümee aus?

Elke Bormann: Für mich bleibt die Frage, in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Lassen wir uns per massenmedialer Instrumente zu massenhafter Verdummung treiben wie eine Herde Schafe oder erziehen, bilden, entwickeln wir unsere Kinder, Jugendlichen und uns selbst weiter zu selbstverantwortlichen kritikfähigen Menschen?
Ihre Ansätze sind gut und richtig. Gern mehr davon. Spielen macht Spaß.

spielbar: Vielen Dank für das Interview, Frau Bormann!

Siehe auch

Veranstaltungsreihe, um digitale Spiele kennenzulernen und sich über den familiären Umgang damit auszutauschen.
Veranstaltungsreihe

Eltern-LAN

Interview mit Eltern-LAN Teilnehmer Walter Dinninghoff

„Teilweise bin ich richtig mitgegangen, körperlich wie geistig.“

Am 20. Mai fand in Hamburg eine Eltern-LAN statt. Erwachsene konnten hier Computerspiele unter pädagogischer Anleitung ausprobieren und sich so eine eigene Meinung bilden. spielbar sprach mit Teilnehmenden über ihre Erfahrungen während der Veranstaltung. Das erste von zwei Interviews.

Mit Ballerspielen gegen pädagogische No-Go-Areas
Arne Busse et al. (2011):

Mit "Ballerspielen" gegen pädagogische "No-Go-Areas"? Erfahrungen mit Eltern-LANs

Computerspiele sind für viele Eltern und Erziehungsbeteiligte eine „No-Go-Area“. So könnte man es zumindest auf eine verkürzte und verallgemeinernde Formel bringen. Der Artikel zeigt anhand des Projekts Eltern-LAN auf, wie dieser Situation mit aktiver Medienarbeit begegnet werden kann.

1 Kommentar

Lesenswert #10: Interview mit Michel Ancel, Dungeon2go, In schreibt:

[...] auf spielbar.de erschien ein Interview mit einer Teilnehmerin der Eltern-LAN, die im Mai in Hamburg stattfand. Die [...]

06.06.2012 um 13:00


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