Interview mit Eltern-LAN Teilnehmer Walter Dinninghoff

„Teilweise bin ich richtig mitgegangen, körperlich wie geistig.“

01.06.2011
Am 20. Mai fand in Hamburg eine Eltern-LAN statt. Erwachsene konnten hier Computerspiele unter pädagogischer Anleitung ausprobieren und sich so eine eigene Meinung bilden. spielbar sprach mit Teilnehmenden über ihre Erfahrungen während der Veranstaltung. Das erste von zwei Interviews.

Computerspiele sind relevanter Bestandteil jugendlicher Freizeitbeschäftigung. Eltern, Lehrkräfte und pädagogisch Tätige stehen der Faszination des Nachwuchses dagegen oft ratlos gegenüber. Die LAN-Party für Erwachsene soll eine Brücke schlagen zwischen den Generationen und Einblicke in jugendliche Medienwelten geben.

Erst kürzlich fand eine solche Eltern-LAN in Hamburg statt. Unter den Teilnehmenden war auch Walter Dinninghoff. Der 55-jährige Sozialpädagoge aus Varel ist seit vielen Jahren in der Jugend- und Sozialarbeit tätig. Das Thema Computerspiele gewinnt für ihn auch im beruflichen Kontext zunehmend an Relevanz. spielbar.de hat ihn zu seinen Erfahrungen und Eindrücken während der Eltern-LAN befragt.

spielbar: Hallo Herr Dinninghoff. Sie haben am 20. Mai an der Eltern-LAN in Hamburg teilgenommen. Was hat Sie dazu motiviert?

Walter Dinninghoff: Ich bin als Schulsozialpädagoge in Berufsbildenden Schulen tätig. Das Problem von unmäßiger bis suchtartig anmutender PC-/Online-Nutzung nimmt im Beratungskontext signifikant zu.

spielbar: Bei der Eltern-LAN steht die praktische Erfahrung der Teilnehmenden mit dem Medium Computerspiele im Vordergrund. D.h. Teilnehmende haben die Möglichkeit, Spiele selbst einmal auszuprobieren und sich so eigenständig eine Meinung zu bilden. Wie haben sie den Perspektivwechsel vom Zuschauer zum aktiv Spielenden wahrgenommen?

Walter Dinninghoff: Ich war außerordentlich über die Wirkung auf mich überrascht. Teilweise bin ich richtig mitgegangen, körperlich wie geistig. Es hat enormen Spaß gemacht, und ich hatte die Zeit völlig vergessen.
Nach dem Spielen (ca. 10 Min später) habe ich mich nur über mich selber gewundert und konnte das schon nicht mehr nachvollziehen.

spielbar: Gespielt wurde unter anderem der kontrovers diskutierte Taktik-Shooter “Counter-Strike”. Die Reaktionen von Teilnehmenden der Eltern-LAN auf das Spiel sind unserer Erfahrung nach sehr unterschiedlich. Wie haben Sie Counter-Strike wahrgenommen?

Walter Dinninghoff: Ich kann die Faszination gut nachvollziehen. Gut vorstellbar auch, dass Jugendliche sich dem Spiel zeitweise kaum entziehen können. Es scheint mir auch so angelegt. Wie mit vielen Dingen besteht hier sicherlich auch die Gefahr des unmäßigen Genusses mit persönlichkeitsändernden und wahrnehmungsverändernden Folgen, besonders bei gefährdeten Menschen. „Counter-Strike“ als Kernursache für Gewaltaktionen wie z.B. Schulattentate zu sehen erscheint mir zu einfach.

spielbar: Die Eltern-LANs sind bewusst an den professionellen E-Sport angebunden, um einen Einblick in die jugendliche Spielkultur zu ermöglichen. Hat das bei Ihnen dazu beigetragen die Faszinationskraft von Computerspielen bei Kindern und Jugendlichen besser nachvollziehen zu können?

Walter Dinninghoff: Ja.

spielbar: Ein wesentliches Anliegen der Eltern-LAN ist es, Eltern, pädagogisch Tätigen und anderen Interessierten einen Einblick in die jugendliche Medienwelt zu ermöglichen, ihnen Orientierungswissen zu vermitteln sowie bestehende Dialogbarrieren zwischen den Generationen abzubauen. Wenn Sie auf die Veranstaltung zurückblicken, welche Eindrücke und Erfahrungen nehmen sie mit?

Walter Dinninghoff: Ich finde, es ist diesbezüglich eine gute Herangehensweise gewesen, denn es wurde ja nicht nur zwanglos und ohne Erfolgsdruck gespielt, sondern auch reflektiert.
Ein mulmiges Gefühl habe ich dabei, wenn Marktgewinnler im Hard- und Softwarebereich derlei Veranstaltungen sponsern (müssen), denn eine erhöhte Akzeptanz fördert sicherlich auch das Geschäft.
Ohne Dialog keine pädagogische Begegnung, außerdem finde ich, dass man als Erziehungsverantwortlicher einen besseren Schlüssel für Dosierungsvorstellungen bekommt sowie eine größere Akzeptanz erreicht, weil man Interesse signalisiert.

spielbar: Würden Sie die Teilnahme an einer Veranstaltung wie der Eltern-LAN weiterempfehlen? Falls ja, an wen?

Walter Dinninghoff: An alle!

spielbar: Vielen Dank für das Interview, Herr Dinninghoff!

Siehe auch

Interview mit der Eltern-LAN-Teilnehmerin Elke Bormann

„Gern als Pflichtveranstaltung für alle Eltern“

Im Rahmen der Eltern-LAN in Hamburg am 20. Mai befragte spielbar zwei der Teilnehmenden. Im Mittelpunkt standen das persönliches Interesse an der Veranstaltung sowie die dort gemachten Erfahrungen. Hier das zweite der beiden Interviews.

Mit Ballerspielen gegen pädagogische No-Go-Areas
Arne Busse et al. (2011):

Mit "Ballerspielen" gegen pädagogische "No-Go-Areas"? Erfahrungen mit Eltern-LANs

Computerspiele sind für viele Eltern und Erziehungsbeteiligte eine „No-Go-Area“. So könnte man es zumindest auf eine verkürzte und verallgemeinernde Formel bringen. Der Artikel zeigt anhand des Projekts Eltern-LAN auf, wie dieser Situation mit aktiver Medienarbeit begegnet werden kann.

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