Zweite medienpädagogische Netzwerktagung

Autonomie oder Abhängigkeit?

23.06.2008
Am 30. und 31. Mai lud das Institut Spielraum zur zweiten medienpädagogischen Netzwerktagung in die Fachhochschule Köln ein. Schwerpunkthema in diesem Jahr: exzessive Nutzung von Computerspielen.

Geladen waren Vertreterinnen und Vertreter von Einrichtungen und Institutionen aus den Bereichen Medienpädagogik, Jugendmedienschutz sowie Schule, Jugendhilfe, (Familien-) Beratung und Therapie. Im einführenden Begrüßungsvortrag stellte Prof. Jürgen Fritz von der Fachhochschule Köln Onlinespiele als zentrales Thema der Tagung vor. Wichtig sei im Zusammenhang mit Onlinespielen, so Fritz, die Balance zwischen „Standbein und Spielbein" zu halten. Vor dieser Aufgabe stehen Kinder und Jugendliche aber auch Erwachsene.

Bei genauerer Betrachtung des Phänomens Onlinespiele entpuppen sich nach Fritz vor allem zwei Bereiche als problematisch: MMORPGs (Massively Multiplayer Online Role-Playing Games) und Browsergames. Stehen beide Bereiche einerseits für große Faszination, so geht anderseits - und das ist der problematische Aspekt - auch eine besondere Sogwirkung von ihnen aus. Die entsteht durch Erfolgserlebnisse im Spiel, etwa durch Avatare, die immer mächtiger werden. Für das „Aufleveln " der Spielfiguren wird massiv Zeit aufgewendet. Die Hauptbindung an Onlinespielwelten kommt charakteristischerweise durch soziale Gemeinschaften zustande.

Franz Eidenbenz, Fachpsychologe für Psychotherapie aus Zürich, fokussierte mit seinem Vortrag das Thema „Jugend und virtuelle Welten" und stellte die Frage: „Autonomie oder Abhängigkeit?". Typische Symptome von Abhängigkeit sind bei Onlinespielen Eidenbenz zufolge der Verlust der Kontrolle über Dauer und Intensität des Spiels, die Bagatellisierung des eigenen Verhaltens und der Ausstieg aus sozialen Beziehungen (in der realen Welt). Computerspielsucht unterscheidet sich nach Eidenbenz schon deswegen von „herkömmlichen" Süchten, weil Computer und Internet auf gesellschaftlicher Ebene positiv bewertet werden und der Computer im Alltag ohnehin unverzichtbar geworden ist. Hinzu kommt, dass auf individueller Ebene oftmals das Wissen über das Suchtpotenzial fehlt.

Im Mittelpunkt des zweiten Teils der Tagung standen Beiträge aus der Praxis. Jannis Wlachojannis vom Café Beispiellos aus Berlin berichtete von Erfahrungen aus dem Projekt „Lost in Space", in dessen Rahmen Beratung für Computer- und Internetsüchtige und deren Angehörige angeboten wird. Thomas Sarzio vom Evangelischen Johannesstift referierte über das „Phänomen Mediensucht in der Jugendsuchthilfe-Einrichtung Konfetti", wo Jugendliche stationär behandelt werden.

Die Beiträge aller Referenten sind auf der Internetseite von Spielraum als Podcast verfügbar. Die Tagung bot neben den Vorträgen viel Zeit zum Erfahrungsaustausch und regte zu weiteren gemeinsamen Projekten und Kooperationen an. Ein abendlicher Höhepunkt war außerdem das Theaterstück „Helden im Netz", welches sich auf seine spezielle Weise ebenfalls mit dem Phänomen des exzessiven Computerspielens beschäftigte.

Weblinks

Spielraum - Institut zur Förderung von Medienkompetenz

Podcasts zur Veranstaltung

Projekt "Lost in Space"

Wohngruppe Konfetti

Theaterinszenierung Helden im Netz
Tobias Miller
Dieser Artikel wurde verfasst von:

1 Kommentar

Von Todsünden und Praxisprojekten – Die dritte medienpädag schreibt:

[...] Autonomie oder Abhängigkeit? – Die zweite medienpädagogische Netzwerktagung [...]

09.06.2009 um 11:37


Schreib einen Kommentar

* Pflichtangaben