Novelle des Jugendschutzgesetzes

16.02.2012
In der vergangenen Woche verabschiedete der Deutsche Bundestag eine Verschärfung des Jugendschutzgesetzes. Die wichtigste Änderung: die Liste jugendgefährdender Computerspiele wird im Hinblick auf Gewaltdarstellungen erweitert. Außerdem werden die Alterskennzeichen auf Datenträger und Verpackung in Zukunft deutlich größer sein.
Im Kern geht es bei der von der Bundesregierung eingebrachten Gesetzesänderung darum, die Indizierungskriterien hinsichtlich medialer Gewaltdarstellungen zu erweitern und zu präzisieren. Die Bundesregierung möchte damit solche Spiele von Kindern und Jugendlichen fern halten, die von Gewalt „beherrscht" sind, sprich besonders realistische, grausame oder selbstzweckhafte Gewaltdarstellungen enthalten. Bisher landeten in erster Linie Gewalt und Krieg „verherrlichende" Spiele auf der Liste jugendgefährdender Medien, die umgangssprachlich auch „Index" genannt wird und von der zuständigen Bundesprüfstelle zusammengetragen wird. Computerspiele, die auf dem Index stehen, dürfen nicht an Kinder und Jugendliche abgegeben werden und sind darüber hinaus weitreichenden Beschränkungen in Werbung und Vertrieb unterworfen. Sie dürfen nur „unter dem Ladentisch", das heisst nur an Erwachsene in einem ausschließlich Erwachsenen zugänglichen Bereich verkauft werden. In Zukunft werden durch die Neuregelung aller Voraussicht nach mehr Spiele auf dem Index landen. Denkbar ist allerdings auch, dass Hersteller ihre Spiele anforderungsgerecht selbst zensieren, um sie nicht vom freien Verkauf auszuschließen.

Als eine weitere Maßnahme sieht die Gesetzesänderung vergrößerte Alterskennzeichen vor. Dadurch soll besser über die gesetzliche Altersfreigabe informiert werden. Die Kennzeichen auf der Verpackung werden deshalb in Zukunft eine Mindestgröße von 1200 Quadratmillimetern haben. Bislang sind sie meist um die 250 Quadratmillimeter groß. In der Begründung der Maßnahmen verweist die Bundesregierung unter anderem auf Ergebnisse einer externen Evaluierung des Jugendschutzsystems durch das Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung. Dieses hatte in seinem Bericht im Juni des vergangenen Jahres eine transparentere Prüfpraxis mit nachvollziehbareren Kriterien und eine bessere Kennzeichnung angemahnt.

Nichtsdestotrotz ist fraglich, ob eine Aufnahme „gewaltbeherrschter" Spiele auf den Index Minderjährige auch tatsächlich vor möglichen schädlichen Auswirkungen „schützt". Schließlich, und das ist einer der Hauptkritikpunkte an der Gesetzesnovelle, beschränken sich die weitreichenden Regelungen nach wie vor auf so genannte Trägermedien (z.B. DVDs und Speicherkarten, die im Handel erhältlich sind). Weniger weitreichend sind die Beschränkungen für Telemedien, zu denen auch alle Internetangebote zählen. Es ist davon auszugehen, dass Minderjährige nach wie vor über das Internet Zugang zu eigentlich indizierten Angeboten erhalten. In diesem Fall wären die jetzt auferlegten Hürden beim Zugang zu fragwürdigen Computerspielen praktisch wirkungslos. Ganz gegen die Intention der Gesetzesinitiative könnten Kinder und Jugendliche aufgrund der neuen Beschränkungen ihre Unterhaltungsangebote in Zukunft sogar verstärkt von vornherein im Netz suchen.

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Auch die Forscherinnen und Forscher des Hans-Bredow-Instituts machen in ihrem Bericht auf die Problemfelder „Online-Spiele" und „Online-Tauschbörsen" aufmerksam, ohne jedoch konkrete Vorschläge für eine Strategie vorzulegen. Damit ist klar, dass gerade Internetangebote den Jugendmedienschutz in Zukunft noch beschäftigen werden. Dadurch zeigt sich aber auch, wo restriktive Maßnahmen des Jugendmedienschutzes an ihre Grenzen stoßen. Umso wichtiger ist vor diesem Hintergrund die Stärkung der Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen, damit diese von sich aus verantwortungsbewusst mit Medien umgehen. Auch eine vorurteilsfreie Aufklärung der Elternwelt ist im Bereich von Computerspielen unverzichtbar. Nur so können diese „auf Augenhöhe" mit ihren Kindern in den Dialog über Computerspiele eintreten.

Größere Alterskennzeichen sind indes grundsätzlich zu begrüßen, da Eltern deutlicher informiert werden (immer voraus gesetzt, sie kennen die Bedeutung der Kennzeichen). Aber auch diese Maßnahme löst ein grundsätzliches Problem nicht: das Problem zweier, voneinander abweichender Altershinweise. Neben der gesetzlichen Kennzeichnung durch die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) tragen viele Spielepackungen Hinweise des europäischen HerstellerverbandsPEGI. Diese sind europaweit verbreitet, in Deutschland aber nicht verbindlich. Da Spiele häufig für den gesamten deutschsprachigen Raum (mit Österreich und Schweiz) produziert werden, tauchen die PEGI-Kennzeichen trotzdem zusätzlich zu den USK-Kennzeichen auf den Packungen in Deutschland auf. Dieses Problem ließe sich vermutlich nur durch eine Regelung auf europäischer Ebene beheben. Eine europäische Lösung hätte auch den Vorteil, dass Minderjährige nicht im benachbarten Ausland Spiele erhalten, die ihnen hierzulande nicht zugänglich sind.

Die Verabschiedung des Gesetzes ist der vorläufige Schlusspunkt einer lang anhaltenden öffentlichen Auseinandersetzung um gewalthaltige Computerspiele. Die verschiedenen Standpunkte der komplexen Debatte sind in dem Themenschwerpunkt „Verbotene Spiele?" der Bundeszentrale für politische Bildung ausführlich dargestellt.

Weiterführende Links

Mehr Transparenz für bessere Akzeptanz. Der Jugendschutz im Bereich Computerspiele auf dem Prüfstand

„Gewaltbeherrschte" Spiele stehen zur Debatte

Weblinks

Debatte „Verbotene Spiele?" (bpb.de)

Abschlussbericht des Hans-Bredow-Instituts „Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele"

Beschlussempfehlung für den Deutschen Bundestag zu dem Gesetzentwurf der Bundesregierung

1 Kommentar

Neues Design für USK-Kennzeichen schreibt:

[...] der Novelle des Jugendschutzgesetzes im Jahr 2003 als verbindliche Alterskennzeichnung etabliert. Im vergangenen Jahr wurde ihre Mindestgröße auf 1200 Quadratmillimeter [...]

19.05.2009 um 15:35


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