Munich Gaming - Einige Eindrücke

12.08.2008
Unter dem Motto „Die Medien- und Gamingbranche im Dialog" eröffnete am Samstag, den 5. April zum ersten Mal die viertägige Veranstaltung „Munich Gaming".
Die Veranstaltung möchte mit Vorträgen, Diskussionsrunden und Informationsständen den Dialog über Computerspiele fördern. Sie besteht aus einem zweitägigen Publikumsevent sowie einem zweitägigen Fachkongress. Der Medienpädagoge und Gymnasiallehrer Tobias Hübner war auf dem Publikumsevent vor Ort und berichtet über seine Eindrücke.


Seite 2: Der Vormittag

Seite 3: Der Nachmittag

Übersichtlich und fast familiär ging es zu auf der „Munich Gaming". Verglichen mit der Games Convention Family, die vergangenes Jahr in Leipzig Lehrer und Eltern zu einer thematisch ähnlichen Veranstaltung eingeladen hat, gab es auf der beschaulichen Praterinsel im Herzen Münchens nur sehr wenige Aussteller. Unter ihnen vor allem Einrichtungen wie die Macromedia Fachhochschule der Medien oder die Mediadesign Hochschule, die Studiengänge und Berufschancen vorstellten. Aber auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und medienpädagogische Stellen wie „Studio im Netz" stellten ihre Arbeit vor.

Auf die Größe der Veranstaltung angesprochen erläutert Geschäftsführer Christoph Tusch, Initiator der Munich Gaming, dass vor allem Vertreter der Gamesbranche Veranstaltungen mit Bildungsinstitutionen und Diskussionsrunden zunehmend meiden, da sie Tagesordnungspunkte wie Debatten über Gewalt in Computerspielen oder das Suchtpotential von Onlinespielen wie „World of Warcraft" (» Spielbesprechung auf spielbar.de) abschrecken. Auf der Munich Gaming verhärtete sich der Eindruck, dass das Medium Computerspiel zwar kulturell immer bedeutender wird, mögliche negative Begleiterscheinungen aufgrund der enormen Kommerzialisierung der Branche aber weder von der Spieleindustrie noch von der Fachpresse sonderlich gerne thematisiert werden.

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Der Vormittag

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Showbühne, auf der den ganzen Tag über ein (vor allem für Pädagogen und Eltern) sehr informatives Programm geboten wurde. Begonnen wurde mit einem Vortrag von Michael Schnell, Projekteiter und Redakteur des Internet-ABC. Er griff die Angst der Eltern und Pädagogen vor jeder Art von Bildschirm auf und plädierte unter dem Motto: „Erspielen sie sich das Vertrauen ihrer Kinder" dafür, dass Eltern zwar auf jeden Fall gemeinsam mit den Kindern Regeln für den Medienkonsum aufstellen, aber auch gemeinsam mit ihnen spielen und sich über die Spiele informieren sollen.

Anschließend stellte Christoph K. Werner von der MultiMediaManufaktur unter dem Titel: „Game based learning - spielend lernen?" einige Spiele seiner Firma für die Altersgruppe der 3-12 jährigen vor. Den Anfang machte der Titel „Vernäht und Zugeflixt", einer digitalen Umsetzung der beliebten Wimmelbilder für die ersten „Gehversuche" am Computer, bei der die Kinder mehrere Fehler in detailreichen Bildern suchen müssen. Ein für alle Erziehungsberechtigte wichtiges Feature des Programms besteht in der so genannten Elternuhr, mit der bei der Installation festgelegt werden kann, wie lange das Kind pro Tag spielen darf, bevor das Programm beendet wird.
Ob es überhaupt sinnvoll ist, bereits 3-4 jährige Kinder an den Computer zu lassen wurde neben anderen Fragen in einem Gespräch der Focus-Schule-Redakteurin Heidi Wahl mit Wolfram Hilpert von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) erörtert, der es lieber sähe, wenn eine Beschäftigung mit diesem Medium erst ab dem 5. oder 6. Lebensjahr stattfindet. Im Vordergrund muss es stehen, das Kind zur Selbständigkeit zu erziehen, weshalb Eltern keine unumstößlichen Vorgaben für den Computerkonsum ihres Kindes machen, sondern flexibel auf die jeweiligen Umstände (Hausaufgaben, Fernsehkonsum etc.) reagieren sollten.

Ein Mitglied im USK-Beirat, der Medienpädagoge Hans-Jürgen Palme, gestaltete den nächsten Programmpunkt, in dem er fragte, wie wir Kindern helfen können, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden und die medienpädagogische Einrichtung SIN - Studio im Netz vorstellte, die u. a. seit 1997 jedes Jahr an 15-20 Computerspiele den Pädi-Preis vergibt. Ziel des SIN ist es nicht, eine Bedienungskompetenz zu vermitteln, sondern einen genussvollen und eigenverantwortlichen Umgang mit dem Medium Videospiel einzuüben.

Den Abschluss der Vormittagsrunde bildete ein Vortrag von Philip Gallandi, Softwarepromotor von Cornelsen, der unter dem Motto: „Serious Games" das Spiel „Genius - Im Zeichen der Macht"(» Spielbesprechung auf spielbar.de) vorstellte, in dem der Spieler zunächst die Rolle eines Lokalpolitikers übernimmt und nach erfolgreicher Politik und gewonnenen Wahlen bis zum Bundeskanzler aufsteigen kann.

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Der Nachmittag

Das Nachmittagsprogramm begann mit einer Vorstellung des Genres „Strategiespiele" durch Michael Graf, Redakteur der Zeitschrift „GameStar", der die drei Untergruppen des Genres, nämlich: Rundenbasierte Strategiespiele (z. B. Civilisation IV), Echtzeitstrategiespiele (z. B. Starcraft) und Aufbaustrategiespiele (z. B. Anno 1701) vorstellte.

Christian Schmidt, leitender Redakteur der GameStar, stellte anschließend mit einem interessanten geschichtlichen Überblick das Genre „Adventure- und Rollenspiele", angefangen bei den Textadventures über Sierras „Kings Quest " bis hin zur Myst-Serie, vor. Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag bei den ebenfalls erzähllastigen Rollenspielen, in denen ein Charakter vom Spieler flexibel entwickelt werden muss.

Die Dipl. Psychologin Lea Niggemann setzte das Programm fort mit ihrem Vortrag über den Elternguide zu World of Warcraft. Ziel des Projekts ist es, Eltern Tipps und Ratschläge zum Umgang mit dem Spiel zu geben. Es bietet eine Spielbeschreibung, aber auch Wissenswertes zu den Risiken von Onlinespielen. Eltern sollten daher nicht nur Regeln zum Umgang mit dem Spiel aufstellen, sondern auch sicherstellen, dass die Vereinbarungen eingehalten werden. Das Spiel bietet für diesen Zweck auch einen Kinderschutz. Wenn man als Elternteil zusätzliche Sicherheite möchte, bietet sich das Programm Parents Friend an, das kostenlos heruntergeladen werden kann.

Im Anschluss folgte eine Debatte zum Thema „Wie viel Spielen ,daddeln‘ verträgt der Mensch". Christoph Hirte berichtete von seinem Sohn, der jeglichen Kontakt zur Außenwelt abgebrochen hat, um World of Warcraft zu spielen, woraufhin er die Initiative „www.rollenspielsucht.de" gegründet hat. Mit ihm diskutierte Klaus Wölfling, Leiter der ersten Ambulanz zur Behandlung von Computerspiel- und Internetsucht am Universitätsklinikum Mainz, der Parallelen zwischen der Spiel- und Alkohol- bzw. Glücksspielsucht aufzeigte.

Fabian Sigismund von der Zeitschrift GameStar stellte schließlich gegen Ende der Veranstaltung das Genre „Ego-Shooter " vor, wobei trotz des z. T. minderjährigen Publikums leider nicht darauf verzichtet wurde, völlig unkritisch kommentierte Videos von in Deutschland indizierten Spielen zu zeigen und damit gegen geltendes Recht zu verstoßen. Darauf aufmerksam gemacht gab sich der Referent unwissend und verwies darauf, dass er nicht gewusst habe, dass Minderjährige anwesend seien, obwohl er vom Veranstalter im Vorfeld extra darauf aufmerksam gemacht wurde.

Die anschließende Diskussionsrunde über Gewalt in Computerspielen kam über aus Presse und Fernsehen bekannte Plattitüden leider nicht hinaus. Ibrahim Mazari, Jugendschutzbeauftragter der electronic sports league, beharrte darauf, dass es keine wissenschaftliche Beweise für den negativen Einfluss von Computerspielen gebe und die ganze Debatte letztlich ein Generationenkonflikt sei, was Tobias Rothmund, Diplom-Psychologe der Universität Koblenz-Landau sowie mehrere Stimmen aus dem Publikum vehement bestritten. Auch das Zitat von Mazari, dass virtuelle Gewalt keine Gewalt ist, sorgte kaum für eine Annäherung zwischen Spielern und anwesenden Pädagogen und Eltern. Verena Weigand von der Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM) versuchte zwar mit rationalen Argumenten zu vermitteln, aber letztlich blieb die Diskussion ohne greifbares Ergebnis.

Wer es bis hierhin geschafft hatte, konnte sich noch ein Showrennen im Spiel „Need for Speed" auf der Großbildleinwand anschauen oder abseits mit Referenten und Veranstaltern ins Gespräch kommen. Die Publikumsveranstaltung der Munich Gaming kann vor allem wegen dieses persönlichen Charakters als gelungen gelten. Fernab von jeglichem Messestress bot sich für interessierte Eltern und Pädagogen die Gelegenheit, Computerspiele auszuprobieren und im persönlichen Gespräch mehr über die Kultur der jungen Gamingbranche und die heterogene Jugendkultur, die sich darum schart, zu erfahren.

Weiterführender Links

Vom Niedergang der Hardcore-Gamer (futurezone.orf.at)

Der gameologische Kongress, Tag 1 (futurezone.orf.at)

Der gameologische Kongress, Tag 2 (futurezone.orf.at)

Weblinks

Munich Gaming

Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM)

SIN - Studio im Netz

Elternguide zu World of Warcraft

Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM)
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