Abhängigkeit von Computerspielen:
Erste Forschungsergebnisse

12.08.2008
In der vergangenen Woche fand in Berlin die erste Mediensuchtkonferenz statt. Ein wichtiges Anliegen der Veranstaltung war die Sensibilisierung für das neue und vielerorts noch unbekannte Thema Computerspielabhängigkeit. Auch erste Forschungsergebnisse wurden präsentiert.

Für öffentliches Aufsehen sorgen immer wieder spektakuläre Einzelfälle. Zuletzt wurde von einem World of Warcraft-Spieler aus Belgien berichtet, der während seiner Spieltätigkeit ins Koma gefallen war. Doch diese Fälle sind - so die Vermutung - nur die Spitze des Eisbergs. Wie auf der Konferenz zum Ausdruck kam, häufen sich in den Suchtberatungsstellen die Anfragen zum Thema.

Überschattet wurde die Tagung vom Tod von Prof. Sabine Grüsser-Sinopoli, die vor wenigen Wochen überraschend verstorben war und zu den führenden Forschern in diesem Bereich zählte. Sie leitete die Interdisziplinäre Suchtforschungsgruppe (ISFB) an der Universität Mainz, welche die Mediensuchtkonferenz mit initiierte. Die Forschungsgruppe präsentierte auf der Tagung nichtsdestotrotz erste Ergebnisse.

So wurde etwa dargestellt, dass die Kriterien für Abhängigkeit auch auf exzessives Computerspielen anwenden lassen. Dazu zählen beispielsweise eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich der Spieldauer, Entzugserscheinungen wie Unruhe oder Schlafstörungen oder die dauerhafte Vernachlässigung anderer Interessen. Auch können Toleranzentwicklungen festgestellt werden, im Zuge derer sich die Intensität des Spielens fortlaufend steigert.

Eine ISFB-Befragung von Berliner Schülern der 8. Klasse ergab, dass 6,3 Prozent der 221 befragten Schülerinnen und Schüler die Kriterien für eine Abhängigkeit von Computerspielen erfüllen. Unter denjenigen, die am Computer spielen, liegt der Anteil sogar bei 9,7 Prozent. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. So schätzt das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen nach einer regional durchgeführten Befragung von Schülern, dass etwa 6 Prozent der 15jährigen Jungen als gefährdet gelten können. Eine deutschlandweite repräsentative Studie wurde bisher allerdings noch nicht veröffentlicht. Auch wurde auf der Tagung deutlich, dass das Phänomen keineswegs nur die Jugendlichen berührt. Auch Kinder und junge Erwachsene sind davon betroffen.

Schwierig gestaltet sich noch die Behandlung der Betroffenen, da bisher noch keine eindeutige Diagnose besteht. Die Forschung zu diesem Feld steckt noch in den Kinderschuhen. Für die Zukunft plant die ISFB die Einrichtung einer „Spielesuchtambulanz" in Mainz. Damit soll fürs Erste eine Versorgungslücke geschlossen werden. Auf weitere Erkenntnisse in diesem Bereich darf man gespannt sein.

Weiterführende Links

Artikel „Exzessives Computerspielen als Suchtverhalten in der Adoleszenz - Ergebnisse verschiedener Studien" von K. Wölfling und S. Grüsser-Sinopoli (praevention.at)

Artikel "World of Warcraft bis ins Koma" (heise online)

Artikel „Defizite bei der Behandlung von Computerspielesüchtigen" (heise online)


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