HistoryCampus
Graben im Eiltempo

03.06.2014 - eingestellt in Aktionen & Events, Modellprojekte, News, Spielkultur

History Campus TeaserbildEin Computerspiel entwickeln in drei Tagen, im Kleinst-Team mit anderen Anfängern? Was vor wenigen Jahren undenkbar schien, macht heute das kostenlose Tool Unity möglich. In einem Programmier-Marathon zum Ersten Weltkrieg haben wir den Praxistest gemacht. Mit Spiele-Downloads zum antesten!

Von Matthias Uzunoff, Bundeszentrale für politische Bildung

Clemens läuft durch den Schützengraben. Heller Knall, kurz darauf ein Zischen – direkt neben ihm verströmt eine Gas-Granate giftige Dämpfe und benebelt seine Sinne. Clemens ist zufrieden.

Der Student nimmt gerade an einem Game Jam der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb teil. Ziel des Workshops: in nur drei Tagen ein Computerspiel entwickeln, und zwar ohne Vorkenntnisse. Das ist äußerst ambitioniert, denn normalerweise verschlingen selbst unbekannte Spiele Monate an Entwicklungszeit. Da die bpb dem vor genau 100 Jahren ausgebrochenen Ersten Weltkrieg gedenken will, hat sie das Thema vorgegeben. Die Teilnehmer sollen ein Serious Game zum Großen Krieg entwickeln. Und anschließend das Ergebnis den anderen Besuchern des Geschichtsfestivals präsentieren.

TeilnehmerDie 400 Festival-Teilnehmer kamen aus über 40 Ländern. Foto: Jan Konitzki

Clemens studiert Politik, Deutsch und Englisch. Er will Lehrer werden, mit Computerspielen oder gar Software-Entwicklung hatte er bislang nichts am Hut. Umso mehr interessiert ihn, was in der kurzen Zeit möglich ist – deswegen ist er dabei.

Drei Tage zuvor, Tag 1 des Game Jams: Die zwölf Workshop-Teilnehmer kommen im alt-ehrwürdigen Eichensaal des Berliner Palais am Festungsgraben zusammen. Der Workshop-Saal ist mit handgeschnitzten Holzvertäfelungen verziert. Auf dem glänzenden Parkett sind drei Sitzgruppen um große Kunststoff-Tische arrangiert, an denen sich je ein Team zusammenfinden soll. Nach einer kurzen Kennenlern-Runde präsentiert Christian Huberts, Kulturwissenschaftler und Experte für Games mit historischem Bezug, was es bislang für Kriegsspiele zum ersten Weltkrieg gibt. Meist sind es einfache Ballerspiele, die über seine Präsentation flimmern. Dann sollen die Studenten ihre eigenen Spiel-Ideen entwerfen. Ob das gut geht?

Schon nach wenigen Minuten kusieren gleich drei Ideen: Ein Angry Birds im Stellungskrieg, eine interaktive Geschichte an der Heimatfront und ein Horror-Simulator im Schützengraben. Jeder Teilnehmer wählt seinen Favoriten und schließt sich dem jeweiligen Team an. Doch noch hat niemand eine Ahnung, wie man so ein Spiel macht.

Konzept von "War against insanity"
Nach dem Brainstorming halten die Teilnehmer ihr Konzept auf einem Flipchart fest.

Christoph Graf soll den Viererteams nun zeigen wie das geht. Christoph, dessen österreichische Herkunft man deutlich heraushört, ist ein ruhiger Typ. Er trägt mit wilden Neonfarben bemalte Chucks und hat sich erst kürzlich einen Iro schneiden lassen. Christoph ist professioneller Spiele-Entwickler und lehrt Game Programming in Hamburg.

Unity ist der Werkzeugkasten, mit dem die Studenten seiner Hochschule umgehen lernen müssen. Dafür haben sie mehrere Semester Zeit. Heute bleiben Christoph nur 90 Minuten, seinen Zuhörern alles Nötige beizubringen.

gamejam_unityshot webUnity bietet einen intuitiven Editor, die Spiellogik muss aber programmiert werden.

Diese geraten bald ins Staunen, mit wie wenig Handgriffen der Programmierer eine kleine Landschaft entwirft und mit Leben füllt. Ein Hügel hier, ein Schützengraben da, bei ihm wirkt das wie ein Kinderspiel. Man ahnt: die Euphorie wird verfliegen, sobald Clemens und die anderen selber ran müssen.

Die Realität holt sie dann auch schnell ein. Am Anfang der Arbeitsphase steht Clemens Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. „Womit sollen wir jetzt anfangen?“ fragt er Anna, mit der er am psychedelischen Horror-Spiel mit dem Arbeitstitel „War against Insanity“ arbeitet. Die Idee: der Spieler soll den Schrecken des Krieges zu spüren bekommen, indem er durch enge Schützengräben irrt und mit Gasgranaten, Explosionen und Gewehrfeuer malträtiert wird.

Anna findet, dass die Landschaft akkurat nach historischem Vorbild angelegt werden muss. Clemens hingegen hält das für unnötig. Die anschließende Diskussion kostet das Team eine halbe Stunde Entwicklungszeit. Schließlich rät einer der Referenten der Gruppe, ihre Ansprüche zu senken. „Je einfacher desto besser“, sagt er. Die Mitglieder des Teams beschließen, die historische Korrektheit zu opfern. Stattdessen entwerfen sie einen fiktiven Schützengraben auf Papier und fangen an, diesen in Unity nachzubauen.

Workshop
Konzentriert formt Clemens‘ Gruppe ihren Schützengraben. Foto: Christian Huberts

Tag 2. Alle Teams basteln eifrig an ihrer Spielwelt. Clemens verziert seinen Schützengraben, gestern noch eine einfache Kerbe im eintönigen Matschbraun, aufwendig mit Zäunen, Gras und Wasserpfützen. Innerhalb eines Tages hat er gelernt, geschickt mit dem Landschafts-Editor von Unity umzugehen. Anna sucht online nach frei verwendbaren Soldaten-Bildern und Hintergrund-Geräuschen. Sie findet das Bild einer Gasmaske, die sie ausschneidet und in das Spiel lädt. Profi Christoph programmiert derweil eilig die nötigsten Codezeilen für die drei Teams. Unity liefert zwar ein einfaches Grundgerüst, aber um individuelle Spielmechaniken wie explodierende Granaten zu implementieren, benötigt man Programmierkenntnisse. Und diese kann man so schnell niemandem beibringen.

Teilnehmerin arbeitet an Notebook, by Jan KonitzkiDie Profis Christian Huberts (l.) und Christoph Graf (r.) helfen. Foto: Jan Konitzki

Tag 3. Die Teams stehen unter Strom. Wird ihr Spiel pünktlich zur Präsentation um 16 Uhr fertig? Alles, was jetzt nicht eingebaut ist, muss gestrichen werden. Die ersten Beobachter stehen schon im Workshop-Raum. Clemens arbeitet unter Hochdruck daran, das Spiel auf den Präsentations-Rechner zu exportieren. Schließlich soll es auf dem Beamer laufen, damit jeder es sehen kann.

gamejam1Besucherinnen testen „War against Insanity“.

Es ist 16 Uhr. Clemens läuft durch den Schützengraben. Bald darauf füllt sich der Saal. Die Kampfgeräusche haben weitere Besucher angelockt, sie wollen das Spiel testen. Eine Testerin fragt, ob die Teilnehmer das wirklich selber erstellt haben. Clemens ist zufrieden.

Downloads

„War against Insanity“

waragainstinsanity screenshot1 web
„War against Insanity“ erzeugt mit geschickten Effekten eine panische Stimmung.

„Shoot ‚em Up“

shootemup_screenshot_web„Shoot ‚em up“ verlegt Angry Birds in den Ersten Weltkrieg.

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