Interview mit Tom Demirel
Jugendschutz im Internet VIII – Was denken Gamer?

26.03.2012 - eingestellt in Debatten & Studien, Interviews & Umfragen, Jugendschutz, News

Tom DemirelUnter seinem Nickname „harderlump” ist Tom Demirel bei den Oldiefighters aktiv, einem Clan für Gamer über 30. “Jugendschutzprogramme werden Heranwachsende nicht schützen, sie können nur die Verbreitung von entwicklungsgefährdenden Inhalten einschränken”, sagt der 35-jährige im spielbar-Interview.

Bild: Tom Demirel ist Erzieher und leidenschaftlicher Gamer. Seitdem er Anfang der neunziger Jahre begonnen hat zu spielen, sind Shooter und Rennspiele seine bevorzugten Genres.

Von Michael Wahl (Redaktion spielbar.de)

spielbar: Herr Demirel, seit Anfang der neunziger Jahre spielen Sie Videospiele. Wie hat sich aus Ihrer Sicht der Jugendschutz bei Computerspielen verändert? Welche neuen Risiken und Aspekte ergeben sich durch Online-Games?

Tom Demirel: Zu meiner Anfangszeit ist man nur über Bekannte an bestimmte Spiele wie DOOM gekommen. Das Internet war noch nicht so weit wie heute. Jetzt kann man sich eigentlich alles im Netz beschaffen, ob legal oder illegal. Aber ich muss feststellen, dass es schwieriger wird, da viele Spiele nur noch über Accounts zu haben sind. Meist werden die Spielevertriebsportale Steam oder Origin benötigt, um überhaupt spielen zu können. Es wird auch eine Altersverifizierung benötigt, um an bestimmte Spiele zu kommen, was ich sehr gut finde, denn so ist der Jugendschutz doch noch effektiver als früher.

Die Spielehersteller haben ihre Sicherungen durch Produkt-Keys und Onlineanmeldung bei den meisten Spielen auch verbessert. Es ist schwierig zu beurteilen, ob das wirklich was bringt. Man liest immer wieder, dass Keys gehackt werden oder man bei der Anmeldung einfach mit dem Alter schummeln muss. Vielleicht wäre ein System wie beim Onlinebanking oder beim Shoppen mit Kreditkarte beim Spielen im Netz sinnvoll, um die Kontrollen zu verschärfen.

spielbar: Kennen Sie jugendschutzrechtlich bedenkliche Spiele, die im Internet frei zugänglich sind?

Tom Demirel: Leider gibt es auch kritische Spiele im Netz, die frei zugänglich sind. Mir fällt dazu “Americas Army” ein, jetzt schon in der dritten Version im Netz. Ein Spiel von der US-Army entwickelt, um Leute zu werben. Das Spiel ist ein taktischer Shooter, der einfach im Netz runterzuladen ist.

spielbar: Sind Jugendschutzprogramme eine geeignete Lösung, um heranwachsende Gamer vor entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten zu schützen?

Tom Demirel: Jugendschutzprogramme werden Heranwachsende nicht schützen, sie können nur die Verbreitung einschränken. Um die Jugend zu schützen, sind die Eltern gefragt und man muss sie in die Verantwortung nehmen. Dazu können beispielsweise die “Eltern-LANs” als medienpädagogisches Angebot für Eltern beitragen, aber das sollte viel weiter ausgebaut werden. Die Beteiligung hält sich sehr in Grenzen. Leider interessieren sich nur wenige Eltern dafür, was ihre Kinder spielen.

spielbar: Wie geht ein Gamer-Clan wie die Oldiefighters mit Jugendmedienschutz, mit medienpädagogischen Fragestellungen rund ums Online-Gaming um?

Tom Demirel: Unser Clan, die Oldiefighters, besteht aus Leuten zwischen 30-60 Jahren. Das ist ein anderes Niveau als in einem Clan mit 18-25-jährigen. Die ältere Generation eben, da wird man manchmal auch als “Dinosaurier” in der Spielerszene angesehen. Der Umgang mit dem Jugendmedienschutz ist bei uns auch ein wichtiges Thema. Wir hatten uns gemeldet, als wir hörten, dass es eine “Eltern-LAN” geben soll. Wir wollten aktiv Eltern dabei unterstützen, sich mit dem Medium vertraut zu machen. Das ist entscheidend, um zu verstehen was in den Kinderzimmern abgeht – das nicht alles nur negativ ist, wie meist von den Medien behauptet, von wegen Killerspiele.

Auf unseren Servern ist es schwer, minderjährige Spieler zu identifizieren und dann zu bannen. Aber manchmal klappt es doch, wenn man die Stimme hört oder der eine oder andere im Chat beim Spielen sich verplappert. Das sind aber eher die Ausnahmen. Es gibt einfach zu viele Minderjährige, die Zugang zu den Spielen haben.

spielbar: Welche Empfehlungen haben Sie für Eltern, deren Kinder online spielen? Welche Risiken sollten Eltern oder Pädagogen im Blick behalten; welche Chancen sollten Sie nicht vergessen?

Tom Demirel: Meine Anregung für Eltern ist, sich mit den Spielen ihrer Kinder und dem Medium Internet mehr auseinanderzusetzen. Bei den “Eltern-LANs” ist mir oft aufgefallen, dass Eltern keine Grundkenntnisse in Sachen PC haben, was es ihnen natürlich schwer macht sich damit zu beschäftigen. Sie können nur schwer nachvollziehen, was die Faszination an Computerspielen ausmacht. Eltern sollten sich über die Spiele informieren und sie auch mal selber testen oder einfach mal sagen, lass uns mal zusammen spielen. Die Spielzeit sollte man immer im Blick behalten, wie lange wird wirklich gespielt? Eltern denken oft zu schnell, dass man nur noch Zeit am Rechner verbringt. Die Eltern gehen schnell davon aus, mein Kind macht nichts anderes mehr. Was nicht immer stimmt. Dann noch Druck aufzubauen ist der falsche Weg. Man sollte gemeinsam mit seinem Kind Kompromisse finden und sich auch mal darauf einlassen.

spielbar: Vielen Dank für das Interview!

Über die Oldiefighters

Die Oldiefighters sind ein Counter-Strike-Clan mit Spielern durchweg über 30. Das Durchschnittsalter des Clans beträgt ca. 42 Jahre. Im Vordergrund steht für sie der Spielspaß.

Weiterführender Link

Praxiswissen Onlinespiele

Weblink

Oldiefighters

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