Interview mit Daniel Hajok
Jugendschutz im Internet VI – Pro und Contra Jugendschutzsoftware

16.03.2012 - eingestellt in Debatten & Studien, Interviews & Umfragen, Jugendschutz, News

Zu Daniel Hajoks letzten Forschungsarbeiten zählt eine Studie zu Jugendschutzsoftware im Elternhaus, die am Hans-Bredow-Institut in Hamburg durchgeführt wurde. Im Interview mit spielbar.de spricht er über die Stärken und Schwächen von Jugendschutzprogrammen und gibt Anregungen für Eltern.

Bild: Dr. Daniel Hajok ist Kommunikations- und Medienwissenschaftler und als Gutachter, Empiriker und Fachautor in der Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM) engagiert

Von Michael Wahl (Redaktion spielbar.de)

spielbar: Herr Hajok, wie schätzen Sie den Stellenwert der neuen, erstmals offiziell anerkannten Jugendschutzprogramme ein? Was können sie leisten und wo liegen die Schwächen?

Daniel Hajok: Mit Blick auf die technischen Strukturen des Internets macht es mehr als nur Sinn, hier auch Jugendschutz technisch zu realisieren. Welchen Stellenwert die neuen, nun von der KJM anerkannten Jugendschutzprogramme haben werden, bleibt allerdings abzuwarten. In den letzten Jahren kamen Filterprogramme jedenfalls nur in jeder fünften, maximal vierten Familie zum Einsatz. Und wie gut die angepriesenen neuen Lösungen sind, muss sich in der Praxis noch zeigen. Den Anwendern muss dann auch klar gemacht werden, wo die Stärken und Schwächen der Programme liegen.

Die allenfalls zufriedenstellenden Gesamtfilterquoten jenseits der 80 Prozent sagen ja noch nichts darüber aus, wie gut die Programme bei den verschiedenen jugendschutzrelevanten Inhalten im Einzelnen sind. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben ja gezeigt, dass es hier große Unterschiede gibt, und Filterprogramme mit einigen Inhalten (z.B. Pornografie) besser klar kommen als mit anderen (z.B. extremistische oder diskriminierende Medieninhalte). Wichtig für den Erfolg der Jugendschutzprogramme werden auch die Overblockingquoten sein. Wenn eine hohe Erfolgsquote bei der Filterung gefährlicher oder ungeeigneter Inhalte damit verbunden ist, dass den jungen Usern reihenweise auch ungefährliche oder gar geeignete Inhalte vorenthalten werden, ist das Scheitern fast schon vorprogrammiert.

Die Eltern werden dann recht schnell genervt von den berechtigten Protesten ihrer Schützlinge sein. Und wenn sie dennoch nicht locker lassen, werden die jungen Internetnutzer natürlich auch nach Umgehungsmöglichkeiten Ausschau halten, um das nutzen zu können, was die meisten ihrer Freunde selbstverständlich nutzen können.

spielbar: Können Jugendschutzprogramme die jugendgefährdenden Inhalte von den jungen Nutzern überhaupt fernhalten, oder ist das Know-how der heutigen Jugend zu groß?

Daniel Hajok: Bei der Gruppe der Jüngeren, der Vor- und Grundschüler, die gerade die ersten Gehversuche im Netz machen, können Jugendschutzprogramme das auch effektiv leisten. Die in den Programmen implementierten Whitelists (Sammlungen von Internetseiten, die aus pädagogischer Sicht für Kinder bis zu 12 Jahren geeignet sind) mit Kinderseiten und unbedenklichen Erwachsenenseiten enthalten immerhin einige tausend Internetangebote. Beim Flaggschiff fragFINN sind es schon heute über 10.000 Domains. Vielen Kindern reicht es zu Beginn vollkommen aus, wenn sie einige wenige der präferierten Spieleseiten nutzen dürfen.

Schwieriger wird es dann, wenn sich die jungen Nutzer das Internet in Gänze erschließen wollen. Hier stößt der Whitelist-Ansatz an seine Grenzen, weil die Ergebnisse der gezielten Suche im kleinen geschützten Raum schnell unbefriedigend werden. Die jugendlichen Nutzer wollen verständlicherweise mehr und insbesondere auf das zugreifen können, auf das die meisten ihrer Gleichaltrigen unbehelligt zugreifen können – und dabei geht es keineswegs immer nur um bedenkliche Inhalte, sondern um eine möglichst große Bandbreite zu einem Thema, Hobby oder Ähnlichem. Hier greift dann eher der Blacklist-Ansatz, mit dem gezielt die gefährdenden und beeinträchtigenden Inhalte gesperrt werden. Mit zunehmendem Alter und Interneterfahrung werden Jugendschutzprogramme dann zwangsläufig zu einem Störenfried. Jugendliche haben in aller Regel schon umfassende Internetkompetenzen, und hierzu gehört auch zu wissen, wo man das Know-how herbekommt, um die als leidig empfundenen Beschränkungen ihrer Internetnutzung zu umgehen.

spielbar: In wie weit sind solche Programme bei Eltern und Verantwortlichen akzeptiert?

Daniel Hajok: Für die Akzeptanz und den Einsatz von Jugendschutzprogrammen in den Familien und pädagogischen Kontexten sind eine Reihe von Faktoren ausschlaggebend. Wesentliches Moment ist das Alter der Kinder, deren Internetnutzung mittels Filterlösungen beschränkt werden soll. Nach gegenwärtiger Datenlage kommen Jugendschutzprogramme in erster Linie bei älteren Kindern und jüngeren Jugendlichen zur Anwendung und werden hier von vielen Eltern auch als sinnvolle technische Hilfen betrachtet. Jüngere Kinder sind in aller Regel noch umfassender der elterlichen Kontrolle unterworfen und eher selten alleine online, so dass sich die Notwendigkeit eines Jugendschutzprogrammes oft noch gar nicht stellt.

Ältere Jugendliche hingegen haben in aller Regel bereits die technischen Möglichkeiten online zu gehen – und sie tun es natürlich, nicht nur zu Hause, sondern auch bei Freunden oder via iPhone/Smartphone. Keineswegs immer sind sich die Eltern dessen auch bewusst, geschweige denn, dass sie hier an Schutzmaßnahmen denken. Auch redet beim Thema Jugendschutzprogramme bislang kaum jemand über den Internetzugang über die mobilen Endgeräte. Man sollte hier allerdings nicht außer Acht lassen, dass Jugendliche sich – wie in anderen Alltagsbereichen – auch bei der Internetnutzung zunehmend der elterlichen Kontrolle entziehen und immer mehr auf ihre Selbstbestimmung pochen.

Abgesehen vom Alter der Kinder sind natürlich auch die in den Familien praktizierten Erziehungskonzepte der Eltern wichtig für die Akzeptanz und Nutzung von Jugendschutzprogrammen. Wer generell eine diskursive Medienerziehung betreibt, seine Kinder bei der zeitlich beschränkten Internetnutzung persönlich begleitet und gesetzte zeitliche und inhaltliche Regelungen durchsetzt, der kann auf technische Hilfsmittel gut und gerne verzichten. Und wer ohnehin skeptisch gegenüber technischen Lösungen ist oder die Effizienz von Filterprogrammen anzweifelt, der beschreitet lieber andere Wege. Nicht zuletzt gibt es aber auch diejenigen Eltern, die noch nicht allzu viel von Jugendschutzprogrammen und ihren Einsatzmöglichkeiten gehört haben.

spielbar: Was können Eltern selbst tun, wie wichtig ist die medienpädagogische Arbeit zu Hause und in den Schulen?

Daniel Hajok: Kinder müssen einen kompetenten, an den eigenen Interessen und Bedürfnissen orientierten Medienumgang erlernen. Hier ist die Kontrolle und Begleitung der Mediennutzung durch die Eltern nur eine der Notwendigkeiten, die sich stellen. Zwangsläufig müssen sich die Eltern auch für die neuen Medien und technischen Möglichkeiten öffnen – Neugierde statt Skepsis ist manchmal der bessere Weg. Wichtig ist natürlich die Thematisierung der neuen Medien mitsamt der Chancen und Risiken in der Schule und anderen pädagogischen Kontexten.

Für solche wichtigen Maßnahmen sind Jugendschutzprogramme freilich kein Ersatz. Sie können aber eine sinnvolle Ergänzung sein, wenn es darum geht, den Internetzugang von Heranwachsenden mit relativ einfachen Mitteln zu regulieren. Medienpädagogik mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche zu einem kompetenten Medienumgang zu befähigen, und Jugendmedienschutz mit den Ziel, Kinder und Jugendliche vor gefährdenden und beeinträchtigenden Inhalten zu bewahren, schließen sich ja nicht aus, sondern ergänzen sich durchaus sinnvoll.

spielbar: Welche Rolle spielt die Werbung, vor allem in Computerspielen, aber auch generell für den Jugendmedienschutz?

Daniel Hajok: Ob klassisches Kaufspiel oder Online-Game, die beliebten Kinderspieleseiten oder Social Network Sites – Werbung ist auf allen Kanälen und nimmt nicht erst seit heute gezielt die zahlungskräftigen Konsumenten von morgen ins Visier. Oder anders: Viele Medienangebote für Kinder und Jugendliche würde es ohne Werbung gar nicht geben. Das hat einerseits mit den Finanzierungsmodellen, andererseits mit den gezielten Versuchen zu tun, Marken dann zu setzen, wenn die Zielgruppe noch beeinflussbar ist. Ein Thema des Jugendschutzes wird es genau an dem Punkt, wenn Werbung die Leichtgläubigkeit und Unerfahrenheit der jungen User ausnutzt. Die gesetzlichen Bestimmungen zum Jugendmedienschutz sind hier gar nicht so missverständlich, und auch der Verbraucherschutz hat in den letzten Jahren nicht nur einmal die Werbepraktiken in kind- und jugendaffinen Medienumgebungen kritisiert. Im Kern steht dahinter die Befürchtung, solche Werbung würde Kinder und Jugendliche zum Kauf von Produkten und Dienstleistungen verführen, ohne dass hier die persönlichen Bedürfnisse und Interessen angemessen mitbedacht werden.

Mit neuen Werbeformen in Computerspielen (In-Game-Werbung) und den verschiedenen Arten der zielgruppenspezifischen Werbung in den beliebten Internetangeboten (Online-Targeting), die vor allem von Kindern, aber auch von Jugendlichen keineswegs immer als Werbung erkannt werden, ist in den letzten Jahren eine neue Stufe erreicht worden. Nicht immer werden hier die gesetzlichen Bestimmungen zum Jugend- und Verbraucherschutz eingehalten. Oft ist auch gar nicht klar, wie bestehende alte Regelungen auf die neuen Werbeformen angewandt werden können. Und es wird faktisch auch immer schwieriger, die Angebote hinsichtlich der implementierten Werbeformen zu kontrollieren. Man darf ja nicht vergessen, dass bei der Schaltung von Online-Werbung heute komplexe technische Prozesse zur Zielgruppenansprache und Zielgruppenanalyse im Hintergrund ablaufen, die von außen nur sehr schwer einsehbar sind.

spielbar: Könnte man Jugendschutz als Zensur auffassen?

Daniel Hajok: Der Jugendmedienschutz hatte es von Anbeginn an mit dem Zensurvorwurf zu tun. Es geht aber überhaupt nicht darum, bestimmte Medieninhalte zu verbieten, sondern lediglich darum, deren Verbreitung an Kinder und Jugendliche altersgerecht zu beschränken, und dies eben auch nur dann, wenn sie geeignet sind, die Entwicklung junger Menschen zu einer gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden oder zu beeinträchtigen. Dieser Grundgedanke findet in der Bevölkerung und auch bei vielen Anbietern von Online-Inhalten durchaus Zuspruch. In weiten Bereichen liegen die Interessen von Anbietern und Jugendschützern sogar eng beieinander.

Eine freiheitsliebende Netzgemeinde, die keinerlei Beschränkungen und Einflussnahmen duldet, muss sich dabei auch fragen lassen, weshalb Regelungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, die als Ergebnis jahrelanger Diskussionen in der Offlinewelt längst etabliert und akzeptiert sind, in der Onlinewelt völlig außer Kraft bleiben sollen. Hier wie dort sind doch nicht nur Zensurverbot, Kunst- und Meinungsfreiheit sowie Presseprivileg ein hohes Gut, sondern auch der Jugendschutz und Schutz der Menschenwürde.

Weiterführender Link

Praxiswissen Onlinespiele

Weblink

Studie des Hans-Bredow-Instituts zu Jugendschutzsoftware im Elternhaus

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