Computerspiele und Musikkultur
Von Level zu Level

10.02.2012 - eingestellt in News, Spiele & Trends, Spielkultur

Lana del Rey, Marteria und Co wurden mit Songs über Games und Level bekannt. Die Aussagen sind individuell, eines haben die Lieder jedoch gemeinsam: sie stehen für die zunehmende Akzeptanz von Games – auch in der Musikkultur. Wird nun populär, was „Szenemusiker“ wie Jan Hegenberg seit Jahren vormachen?

Bild: Marteria im Mudikvideo zu „Endboss“ (Quelle: vimeo)

Von Anne Sauer & Tobias Miller (Redaktion spielbar.de)

Unterschiedliche Spiele, unterschiedliche Songs

Swinging in the backyard
Pull up in your fast car
Whistling my name
Open up a beer
And you say, Get over here
And play a video game

I’m in his favourite sun dress
Watching me get undressed
Take that body downtown
I say you the bestest
Lean in for a big kiss
Put his favourite perfume on
Go play a video game

It’s you, it’s you, it’s all for you
Everything I do
[…]

Quelle: Lana del Rey „Video Games“


Bild: Cover von Lana del Reys Single
„Video Games“ (Quelle: Universal)

„Video Games“, das melancholische Lied über eine Frau, die sich selbst für ihre große Liebe vollständig aufgibt, ohne etwas dafür zurückzubekommen, hält sich seit Dezember 2011 auf den Spitzenplätzen der deutschen Charts. Entsprechend häufig läuft der Song im Radio. Im Internet erreichte das Video auf Youtube innerhalb eines Monats über eine Millionen Klicks, mittlerweise sind es weit über 26 Millionen. „Video Games“ von Lana del Rey ist das jüngste und gleichwohl bekannteste Musik-Beispiel, in dem das Thema Computerspiele aufgegriffen wird. Die Grundstimmung des Songs wie auch der Text vermitteln eher ein erdrückendes, negatives Gesamtbild. Und auch die titelgebenden „Video Games“ werden hier als etwas Einnehmendes hingestellt, das alles um einen herum vergessen zu lassen scheint.

Ganz anders greift der Rapper Marteria 2011 das Thema Computerspiele in seinem Lied „Endboss“ auf. Er blickt auf sein Leben zurück. Seine Kindheit, Jugend, Ausbildung, Karriere etc. – alles wichtige Lebensabschnitte – setzt er mit Level eines Computerspiels gleich. Scheinen ihm Erfolgserlebnisse anfangs noch locker zuzufliegen, steht er von Level zu Level vor immer größeren Herausforderungen:

Konsole an, das Spiel kann beginnen
Dicke rote Backen, was’n niedliches Kind
Hänge noch fest am Nabel der Zeit
Das perfekte Kind was immer schläft, niemals schreit.

[…]

Ich hau‘ ab, geh‘ mit 18 nach Manhattan,
Will nur feiern und vom Dach springen auf Tabletten,
Denk‘ ich bin ein Star, alles dreht sich um mich,
Häng‘ an der Bar, alles dreht sich um mich

Komm zurück und zieh nach Berlin
Was macht man ohne Abi? Schauspiel studieren
Fast erstickt, durch den Dreck dieser Stadt
Doch, Mission erfüllt, Level geschafft

Ich spring von Level zu Level zu Level
Spring von Level zu Level zu Level
Spring von Level zu Level zu Level zu Level
bis der Endboss kommt

Quelle: Lyrics Marteria „Endboss“


Bild: Szene aus dem Musikvideo zu „Endboss“  mit Chun Li und Mario (Quelle: vimeo)

„Endboss“ strahlt eine gewisse Leichtigkeit aus. Nicht zuletzt durch die rhythmische 8Bit-Musik im Hintergrund, der die Hörenden sofort in die gute alte C64-Zeit zurückversetzt, und die bekannten Computerspielhelden wie zum Beispiel Mario, Pacman und Chun Li aus Super Street Fighter im Video. Dass der Künstler in seiner Jugend mehr oder weniger von Computerspielen geprägt wurde, ist unverkennbar. Doch Marteria geht noch weiter, indem er sein Leben mit einem Spiel gleichsetzt. Realitätsverlust oder ernstzunehmender Vergleich? Ein Blick auf die Fakten: Ein Spiel soll in erster Linie Spaß machen. Auch im realen Leben ist für viele Glücklichsein das höchste erstrebenswerte Gut, sei es durch die Erfüllung der eigenen Träume oder das Finden guter Freunde. Ohne Ergeiz, Motivation und Einsatz kommen aber weder Gamer noch Menschen im „Real Life“ ans Ziel. Parallelen sind also durchaus vorhanden. Nur können im Gegensatz zum Spiellevel Lebensabschnitte oder gar das ganze Leben nicht einfach wiederholt werden. Doch selbst dafür hat Marteria eine Lösung:

Und plötzlich steht er da,
Setzt sich Nachts um 2 neben mich an die Bar,
Nur Knochen in ’nem schwarzen Gewand,
Stellt sich vor, reicht mir seine Hand

Und keine Chance ihm zu entkomm‘,
Das Spiel ist vorbei, der letzte Drink ist umsonst…
Doch es gibt ’n Trick, ich werd‘ ihn dir verraten,
Werde Buddhist, dann kannst‘ es neu starten.

Quelle: Lyrics Marteria „Endboss“

Aktuelles Phänomen oder alter Hut?

Lana del Rey und Marteria sind aktuelle und erfolgreiche Beispiele für Lieder, in deren Texte Computerspiele eine Rolle spielen. Neu ist das Phänomen keineswegs. Allerdings trafen solche Songs in der Vergangenheit scheinbar nicht den Zeitgeist. Wer erinnert sich schon noch an die Songs „Playstation Generation“ von Smut Peddlers (2006), „Nintendo 89“ von Audio Karate (2002) oder gar „My Console“ von Eiffel 65 (2000).

An wen man sich definitiv erinnern sollte ist Uncle Vic, der dem Computerspiel Space Invaders 1980 ein gesamtes Lied widmet. Der Musiker zählt heute zu den ersten, die mit einem Song über ein Computerspiel berühmt wurden. Das gleichnamige Lied skizziert sehr bildlich die Spielinhalte und damalige Faszinationskraft des heutigen Retro-Klassikers.

Well, there it is in the corner of the bar
I tried to run, but I didn’t get far
Those weird little men; I blow ‚em away
I’d sell my mom for a chance to play

(He’s hooked, he’s hooked. His brain is cooked.
He’s hooked, he’s hooked. His brain is cooked.)

They start off slow, but they don’t play clean
It’s tricky and low; it’s a mean machine
There’s lotsa them and one of you
When the walls are gone, they’ll get to you

Quelle: Uncle Vic “Space Invaders”

Computerspiele gehören mittlerweile zu unserem Alltag wie andere Medien auch. Es ist kaum verwunderlich, dass auch Musiker das Thema in ihren Songs aufgreifen und verarbeiten. In der Gamerszene ist dies längst gang und gäbe. Künstler wie der deutsche Musiker Jan Hegenberg gründen ihren (kommerziellen) Erfolg ausschließlich auf das Thema Computerspiele in ihren Songs. Hegenberg, der sich selbst als der „erste deutsche Counter-Strike-Sänger“ bezeichnet, macht seit Jahren mit Titeln wie „Gamer sind geil!“ auf sich aufmerksam. Das Youtube-Video zum Titel „Die Horde rennt“ mit Szenen aus World of Warcraft etwa zählt knapp 6 Millionen Klicks – bemerkenswert für einen deutschsprachigen Song.

Dass Lieder jedoch so stark in der Gesellschaft und damit auch außerhalb der Gamerszene wahrgenommen werden, wie es bei „Video Games“ und „Endboss“ der Fall war und ist, ist neu. Die Frage, die sich hierbei stellt: Handelt es sich um ein aktuelles Phänomen oder sind diese Höhen nur temporär und verschwinden wieder wie sie gekommen sind? Die Zukunft wird die Antwort darauf bringen. Die aufgeführten Beispiele zeigen aber schon heute, wie vielfältig die musikalische Rahmung (Ballade, Rap etc.) des Themas Computerspiele ist. Auch die Aussagen können innerhalb der Songs höchst unterschiedlich ausfallen, von negativ und melancholisch bis unbeschwert und fröhlich. Es heißt, Musik verbindet. Sie schafft damit auch Anreize zum intergenerativen Dialog über Computerspiele.

Weiterführender Link

Games im Konzertsaal

4 Kommentare zu “Computerspiele und Musikkultur
Von Level zu Level”

  1. Michael schreibt:

    In Eurer Auflistung fehlt noch der grandiose Hit „Mehr Waffen“ von Christina Stürmer, der damals ja wahre Proteststürme in der Gamer-Gemeinde hervorrief. Wenn ich mich recht erinnere, führte dies auch dazu, dass ihr Gästebuch monatelang nicht mehr benutzbar war, weil sich viele Gamer diffamiert fühlten.

    Textauszug:

    Du bist erst 14 Jahre alt und schreist schon nach Gewalt
    als Außenseiter hast du ´s schwer
    ach hättest du nur ein Gewehr
    dann hätten sie Respekt vor dir
    du bräuchtest einfach nur die Waffe zu laden
    denn wie das geht das weißt du ja
    dass kannst du ja ganz wunderbar

    wie in deinem Computerspiel
    Feinde hast du nie zu viel
    dort bist du Herr der Situation
    auch wenn hier alle sterben
    was macht das schon?

    Mehr Waffen
    mehr Feinde
    mehr Levels
    mehr Details
    mehr Wut
    mehr Blut
    dieses Spiel ist wirklich gut

  2. Tobias Miller (Redaktion spielbar.de) schreibt:

    Danke für die Ergänzung, Michael! Das ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie das Thema Computerspiele in der Öffentlichkeit polarisiert.

  3. Patrik schreibt:

    Ein sehr bekanntes Lied, bei aber kaum jemand weiß, dass es um Videospiele geht, ist DotA von Basshunter. Mag daran liegen, dass es schwedisch ist:

    Vi sitter här i venten och spelar lite DOTA.

    Auf Deutsch:

    Wir sitzen im Ventrilo und spielen ein bisschen DotA

    Der singt auch was übers Creepen und dass sie die Gegner ownen, aber für mehr reicht mein Schwedisch leider nicht…

    PS: Der Typ hat noch mehr in der Richtung. In „Boten Anna“ singt er darüber, dass Anna ein Bot ist – allerdings auf den IRC bezogen, nicht auf Computerspiele.

  4. Torben schreibt:

    Hier ein guter, allerdings englischer Artikel über Games in Rap-Songs:

    http://blogs.villagevoice.com/music/2010/10/the_10_greatest.php

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