gamescom congress
Zwischen Leitindustrie und gesellschaftlicher Verantwortung

03.09.2009 - eingestellt in Debatten & Studien, gamescom, News

gamescom congressDer kommerzielle Erfolg von Computerspielen ist unbestritten. Doch resultiert daraus nicht auch gesellschaftliche Verantwortung? Am Rande der gamescom diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Forschung und Branche. bpb-Präsident Thomas Krüger äußerte sich exklusiv gegenüber spielbar.

Von Nils Bader & Tobias Miller

Insgesamt 245.000 Menschen besuchten die gamescom in Köln, noch mehr als zuletzt auf der Leipziger Games Convention. Geht man nach dieser Zahl, sind Computerspiele längst fester Bestandteil unserer Alltagskultur. Die gesellschaftspolitische Debatte hinkt dagegen häufig noch hinterher, weswegen Tagungen und Kongresse zu Computerspielen derzeit Hochkonjunktur haben. Auch der „gamescom congress“ wollte den Diskussionsbedarf stillen. Im Congress-Centrum Nord, unweit der lärmenden Messehallen, standen am 20. August vor allem wirtschaftliche und kulturelle Aspekte von Computerspielen sowie gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen für den Jugendschutz auf dem Programm.

Andreas Krautscheid, Nordrhein-Westfalens Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien, zeigte sich sichtlich erfreut, dass die größte Spielemesse erstmals in Köln stattfand. In seiner Auftaktrede lobte er den Medienstandort Nordrhein-Westfalen und betonte die Bedeutung der Computerspiele als Wachstumsmotor für die gesamte IT-Branche. An der politischen Diskussion bemängelte Krautscheid aber, dass diese meist wenig differenziert geführt werde und in eine bestimmte Richtung tendiere. Die positiven Effekte des Mediums – auf Spielende und Gesellschaft – seien dort gegenüber den Gefahren und Risiken deutlich unterrepräsentiert.

Dem pflichtete Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), in der anschließenden Podiumsdiskussion bei. Er beklagte das „Pfeiffersche Medienfieber“, das den Entscheidungsträgern im Land zusehends zu schaffen mache. Das Fieber bringe diese dazu, Stellung zu beziehen, ohne ausreichende Kenntnisse von dem Medium oder gar eigene Erfahrungen damit zu haben. Die bpb sei dagegen für den Weg der Aufklärung und den Abbau von Berührungsängsten, beispielsweise mit Veranstaltungen wie der Eltern-LAN.

Reibungspunkte auf dem Podium gab es bei den Fragen nach Nutzung und Wirkung von Computerspielen. Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, sprach vom „hedonistischen Eskapismus“, durch den Menschen aus der Alltagswelt mitsamt ihren sozialen Regeln ausbrechen. Dem entgegnete Krüger, dass die virtuelle Welt durchaus auch dem persönlichen Abgleich mit der Realität diene. Die Diskussion warf letztlich die Frage nach der Gestaltung des Jugendmedienschutzes auf. Handlungsbedarf besteht, so die einhellige Meinung, vor allem im Bereich der Browserspiele. Sie sind derzeit noch keiner gesetzlichen Alterskennzeichnung unterworfen, werden auf dem Spielemarkt aber immer wichtiger. Hinzu kommen Innovationen wie das dynamische In-Game-Advertising, das Anlass zu datenschutzrechtlicher Sorge gibt, wie der Spieleforscher Christoph Klimmt später in seinem Vortrag erläuterte. Die Verantwortung für den Jugendschutz liegt dabei auch auf Seiten der Industrie, was Minister Krautscheid in Form seines Aufrufes klar machte: „Nehmt den Jugendschutz ernst, denn er ist der Erfolgsfaktor für die Games-Branche!“

Wie sehr die Spielebranche ihrer gesellschaftlichen Verantwortung tatsächlich gerecht wird, bleibt umstritten. Einerseits seien die Spielehersteller, so Krautscheid, sehr daran interessiert, sich anhand konkreter Vorgaben für Alterskennzeichnungen eine Orientierung bei der Entwicklung neuer Spiele verschaffen zu können. Andererseits hat es die Branche aber verpasst, „aktiv Verantwortung zu übernehmen“, erklärte bpb-Präsident Thomas Krüger nach der Podiumsdiskussion gegenüber spielbar.de. „Die Welt der medienpädagogischen Arbeit ist sehr kleinteilig. Da wäre die kostengünstige Einbindung medienpädagogischer Institutionen ein einfacher Schritt gewesen, um den Dialog untereinander zu stärken. Dies und die aktive Gestaltung eines Programms für Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen ist in Leipzig deutlich besser umgesetzt worden“, so Krüger weiter.

Die neue Spielemesse in Köln hat die Leipziger Games Convention in puncto Besucherzahl also bereits überflügelt. In puncto Medienpädagogik muss aber noch nachgebessert werden.

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Programm vom „gamescom congress“


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