Niklas Schrape:
Elemente der Rhetorik in Peacemaker

12.05.2009 - eingestellt in Fachartikel

3.2. Möglichkeitsanalyse

Für die Analyse der Systemstruktur erprobe ich die Methode der “Möglichkeitsanalyse”, inspiriert durch die binäre Merkmalsanalyse des Strukturalismus. Sie ist auf PEACEMAKER maßgeschneidert, könnte jedoch für andere “konfigurationskritische” (vgl. Pias 2002:11), rundenbasierte Spiele adaptiert werden.

In der Möglichkeitsanalyse wurden alle Handlungsoptionen erfasst, in einer Spalte notiert und nummeriert. Allen Parametern wurden Spalten zugeordnet, hierzu zählen auch die beiden Highscores, sowie – und das ist ein methodischer Trick – eine virtuelle kombinierte Highscore, die sich aus der Summe der beiden anderen ergibt. Anschließend wurden alle Züge durchgeführt und die Parameterverschiebungen notiert. Um die Parameter in den Ursprungszustand zurückzuversetzen wurde das Spiel nach jedem Zug neu gestartet. Insgesamt wurden auf diese Weise 4310 Zellen ausgefüllt. Die erstellte Tabelle ermöglicht es die Auswirkungen aller Zugmöglichkeiten zu Spielbeginn zu erschließen. Sie kann nun nach Kriterien befragt und sortiert werden.

Ergebnisse

Eine Auflistung der 10 Handlungen mit den positivsten Auswirkungen auf die israelische oder palästinensische Highscore offenbart auf einen Blick eine Asymmetrie in der Systemstruktur:

Die israelischen Top 10 Handlungen führen zugleich zu extrem negativen Ausschlägen auf der palästinensischen Highscore. Umgekehrt ist dies weit weniger der Fall. Das untersuchte Kernsegment “Raketenangriff” ist besonders kritisch: alle drei Handlungsoptionen lassen die israelische Score deutlich in die Höhe schnellen, haben jedoch katastrophale Folgen für die palästinensische Score.
Eine Handlungsausrichtung an der palästinensischen Score erscheint sinnvoller, gemessen an dem formalen Spielziel. Ein Test im Spielverlauf belegt, dass eine Strategie, die ausschließlich Handlungen aus der israelischen Top 10 wählt, nach ca. 3-5 Runden zum Spielverlust führt. Eine Spielstrategie die umgekehrt aus der palästinensischen Top 10 wählt, ist erfolgreicher, nach etwa einem Duzend Runden führt sie jedoch ebenfalls zum Spielverlust.

Zweierlei wird deutlich: (1.) Die Systemstruktur von PEACEMAKER ist im hohen Maße asymmetrisch – die Highscores sind unterschiedlich empfindlich. (2.) Keine der beiden Highscores ist ein optimaler Indikator zur Ausrichtung der Spielstrategie. An dieser Stelle wird der Nutzen der virtuellen dritten Highscore deutlich, denn ein Parameter der die Gesamtsumme der Auswirkungen der spielerischen Handlungen anzeigt könnte ein verlässlicher Ratgeber sein. Die 10 optimalen Handlungen nach der Gesamt-Score sind folgende:

Sofort ist erkennbar, dass sich diese virtuelle Gesamt-Score stärker an der palästinensischen als an der israelischen orientiert. Drastische sicherheitspolitische Maßnahmen, wie ein militärischer Rückzug oder die Aufgabe von Grenzkontrollen, fehlen, da diese Handlungen starke negative Ausschläge auf der israelischen Score zur Folge hätten. Optimal erscheint dagegen ein hartes Vorgehen gegen die jüdischen Siedler. Tatsächlich führt eine an diesen Optionen ausgerichtete Spielweise zu einer Stabilisierung des Systems. Für den Spielsieg muss sie um Handlungen ergänzt werden, die nicht zur Top 10 gehören, ebenfalls jedoch ein hohes Ranking haben, beispielsweise interne Konjunkturprogramme.

Die Sortierungen können nun mit den Ratschlägen der Berater abgeglichen werden. Dabei werden drei Dinge deutlich: (1.) Die Beratungsfunktionen entsprechen in ihren Empfehlungen nicht exakt den Sensitivitäten der beiden Highscores, nähern sich ihnen jedoch an. Eine Spielweise, die den Ratschlägen der Falken folgt, führt zu positiven Werten auf der israelischen Score, eine an den Tauben ausgerichtete Spielweise zu positiven auf der palästinensischen. (2.) Eine Spielweise im Sinne der Falken führt auf kurz oder langer immer zum Spielverlust. (3.) Eine optimale Spielweise orientiert sich an den Empfehlungen der Tauben, ergänzt diese Strategie jedoch durch innenpolitische Maßnahmen und ignoriert alle Optionen zur Verringerung von Polizei- oder Militärpräsenz.


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