Interview
Der spielende Mensch – Warum wir so gerne spielen

30.10.2008 - eingestellt in Debatten & Studien, Interviews & Umfragen, News

Auch Computerspiele sind Spiele. Doch warum spielen wir eigentlich so gerne? Welche Bedeutung hat Spielen für Kinder und Jugendliche, welche für Erwachsene? Antworten auf diese Fragen fand spielbar bei fluter.de. Das Online-Magazin interviewte dazu den Psychologen Alfons O. Hamm.

 

Von Imke Rosebrock (für fluter.de)


Blinde Kuh und Spitz pass auf!, Schach und Rollenspiele. Wir Menschen spielen leidenschaftlich gerne – ob als Kinder oder Erwachsene. Dabei ist Spielen mehr als nur ein Zeitvertreib. Im Spiel lernen wir unsere Umwelt kennen und entwickeln unsere sozialen Fähigkeiten. fluter hat mit dem Psychologen Prof. Dr. Alfons O. Hamm gesprochen. Über die Struktur unseres Gehirns, die Spielchen der Personalchefs und die ideale Punktezahl von Politikern.

Friedrich Schiller sagte einmal, der Mensch “ist nur da ganz Mensch, wo er spielt”. Ist das Spielen eine rein menschliche Eigenschaft?

Nein, das Spielen ist bei allen Säugetieren zu beobachten. Jeder, der eine Katze zu Hause hat, kann das sehen. Es stimmt aber, dass der Mensch durch das Spiel seine einzigartigen Fähigkeiten vertieft – beispielsweise abstrakt zu denken, sich selbst zu regulieren oder auch sein Sprachvermögen. Das fängt schon bei Kleinkindern an.

Lernt ein Baby abstrakt zu denken, wenn es mit seiner Rassel spielt?

Nun, Babys lernen erst einmal auf spielerische Weise, Sinne und Bewegungen zu koordinieren. Sie greifen nach Gegenständen, nehmen sie in den Mund, erfahren sie sinnlich. Und wenn sie beispielsweise ihren Ball in eine Ecke rollen, ihn dann für einen Augenblick nicht mehr sehen und er wieder hinter dem Sofa herauskommt, lernen die Kleinkinder: Aha, die Welt besteht aus Objekten, die auch existieren, wenn ich sie nicht sehe.

Was passiert auf der biologischen Ebene? Welchen Einfluss hat das Spielen auf das Gehirn?

Durch das Spielen kann sich die Plastizität, also die Struktur des Gehirns verändern. Ein Beispiel: Für jeden Finger ist im Gehirn eine bestimmte Fläche vorgesehen, sowohl was das Tastgefühl betrifft als auch für seine Beweglichkeit. Wer viel Geige spielt und daher seinen kleinen Finger häufiger benutzt, bei dem wird die Fläche für diesen Finger im Gehirn größer. Plastizität und Lernleistung lassen sich also spielerisch verbessern.

Jugendliche, die den ganzen Tag am Computer spielen, dürften demnach wohl besonders flinke Finger und Augen haben, oder?

Ja, wer den ganzen Tag am Bildschirm sitzt, ist häufig senso-motorisch unheimlich geschickt, kann komplexe visuelle Eindrücke innerhalb von Millisekunden erfassen und darauf reagieren. Trotzdem ist unser Körper nicht nur für Computerspiele und sitzende Tätigkeiten da – wir müssen ab und zu auch mal auf Bäume klettern. Wer zu wenig Bewegung hat, bekommt oft gesundheitliche Probleme.

Es heißt ja auch, dass nicht nur die mangelnde Bewegung, sondern auch die Spiele selbst nicht gut für die Entwicklung seien. Stimmt das?

Wer zum Beispiel bei Fantasy-Spielen Strategien und Szenarien erzeugt, ist sicher nicht weniger kreativ, als würde er etwas mit Legosteinen bauen. Die Gefahr bei diesem Zeitvertreib ist aber, dass die sozialen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen verkümmern und sie im Umgang mit anderen Menschen manchmal etwas unbeholfen sind. Da sollten Eltern dann gegensteuern.

Kinder im Grundschulalter machen häufig Rollenspiele. Welche Bedeutung haben sie?

Es geht darum, spielerisch seinen Platz zu finden, worin man am besten ist. Rollenspiele hat es schon immer gegeben, ob die Kinder nun Ritter als Vorbild haben oder Figuren aus Star Wars. Dabei werden soziale Hierarchien ausgefochten. Schüchterne Kinder suchen sich eher andere Spielformen, mit denen sie sich soziale Anerkennung verschaffen können. Wenn jemand bei den Rabauken nicht mitmacht, wählt er stattdessen vielleicht einen künstlerischen Ausdruck, um seine soziale Position zu definieren.

Erwachsene haben ihre Rollen in der Gesellschaft ja schon gefunden. Warum spielen sie dann noch?

Weil es Spaß macht! Spiele werden aber auch in der Arbeitswelt eingesetzt, beispielsweise wenn ein Personalchef herausfinden will, wie sich ein Bewerber um einen Job in sozialen Situationen verhält und mit anderen Menschen umgeht. Wenn jemand von sich selbst sagt, er sei kein ehrgeiziger Mensch, beim Tennis aber hyperehrgeizig ist, dann sagt das schon etwas aus.

Apropos Tennis: Kann man Sport und Spiel gleichsetzen?

Sport ist sicherlich ein Spiel, um auch bei Erwachsenen motorische Fähigkeiten zu entwickeln und zu trainieren – so lange man das in seiner Freizeit macht und aus Freude an der Bewegung. Bei einem Berufsfußballer ist das anders. Er spielt auch dann, wenn es ihm schon keinen Spaß mehr macht, schließlich muss er damit sein Geld verdienen. Das ist dann eigentlich kein Spiel mehr.

Das Konzept des “Homo Ludens” (lateinisch für: der spielende Mensch) besagt, dass sich alle menschlichen Fähigkeiten und kulturellen Systeme – also auch Politik oder Wissenschaft – durch das Spielen entwickelt haben. Ist da was dran?

Wer gerne Rollenspiele macht, sich in sozialen Gruppen bewegt und auch darum kämpft, eine Führungsposition zu bekommen, ist später natürlich ein idealer Politiker. Denn das sind genau die Situationen, um die es in der Politik geht: Vertrauen zu gewinnen, bestimmte Konkurrenten auszuschalten, sich Koalitionspartner innerhalb einer Gruppe zu suchen und dabei auch noch einen guten Eindruck zu machen – das alles lerne ich im Rollenspiel.

Und wie sieht es mit der Wissenschaft aus?

Spielen fördert die Kreativität. Es ist eine Möglichkeit, eingetretene Pfade zu verlassen und nach neuen Lösungen für Probleme zu suchen. Schon Kinder wollen ganz genau wissen, warum der Bach nicht den Berg hinauf-, sondern hinunterfließt. Und spielerisch ausprobieren, wie Dinge zusammenhängen.

Ohne das Spielen hätte sich der Mensch also ganz anders entwickelt?

Ja. Allein die Tatsache, dass wir diese Fähigkeit überhaupt haben, zeigt, wie wichtig das Spielen für den Menschen ist.

(Alfons Hamm ist Professor an der Universität Greifswald und Sprecher der Fachgruppe für Biologische Psychologie und Neuropsychologie in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.)

Foto: Ole Brömme

Weiterführender Link

Interview bei fluter.de

Weblinks

Die vielfältige Welt des Spiels

Und was ist eigentlich die Spieltheorie?

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie


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