Global Conflicts: Palestine

24.10.2007 - eingestellt in Serious Games, Spielebeurteilungen

gcp_75px.jpgDas Serious Game „Global Conflicts: Palestine“ beschäftigt sich mit der verzwickten Situation im Nahen Osten. Das anspruchsvolle Adventure zeigt, wie man wichtige zeitgeschichtliche Themen im Spiel verpacken kann.

Genre: Adventure / Serious Game
Hersteller: Serious Games Interactive
Plattform: PC, Mac
Erscheinungsdatum: Oktober 2007
USK-Freigabe: Ab 12 Jahre
spielbar: ab 14 Jahre

 

 

 

Die Spielenden schlüpfen wahlweise in Rolle von Hannah Weissmann oder Diwan Massoud. Beide sind aus New York stammende Nachwuchsjournalisten, die aber ihre Wurzeln in der Krisenregion haben. Sie sind frisch vor Ort angekommen und haben die Aufgabe, den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern näher zu beleuchten.

Zur Auswahl stehen fünf verschiedene Missionen, an deren Ende jeweils das Verfassen eines Zeitungsartikels steht. Das wichtigste Instrument der Spielenden sind die Interviews mit den Menschen vor Ort. Ausgestattet mit Bleistift und Notizblock werden Originalzitate gesammelt, welche die Grundlage für eine Veröffentlichung bilden.

Gewählt werden kann zwischen drei fiktiven Zeitungen, die unterschiedliche politische Ansichten vertreten. Dazu gehören eine israelische, eine palästinensische und eine neutral vermittelnde Position. Die veröffentlichten Zeitungsberichte und das Verhalten der Spielenden haben großen Einfluss auf das Spielgeschehen. Sie erleichtern oder erschweren den Kontakt zu bestimmten Bevölkerungsgruppen und Informationsquellen.

Den Rahmen für das Spiel bildet eine realistisch inszenierte 3-D-Stadt, die stellvertretend für Jerusalem steht und in der man sich bequem per Mausklick bewegt.

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Weiterführender Link:

SPIEGEL ONLINE-Artikel zu Global Conflicts: Palestine

3 Kommentare zu “Global Conflicts: Palestine”

  1. Tobias Miller (Redaktion spielbar.de) schreibt:

    Bei Global Conflicts: Palestine handelt es sich um ein sehr anspruchsvolles Spiel ohne Spaßelemente, was aufgrund der ernsten Hintergrundthematik wenig verwundert. Zu überzeugen weiß das Programm durch seine unvoreingenommene Herangehensweise an den kontrovers diskutierten israelisch-palästinensischen Konflikt.

    Die Spielenden erhalten viele Wahlfreiheiten und erarbeiten sich ihre Informationen eigenständig. Dadurch lernen sie notwendigerweise verschiedene Sichtweisen und Perspektiven kennen. Die einzelnen Missionen können ohne Weiteres mehrmals mit unterschiedlichem Ergebnis gespielt werden. Die soziale und politische Situation vor Ort wird in ihrer Komplexität aufgezeigt.

    In der Rolle des Journalisten gilt es zudem stets abzuwägen. Um möglichst viele Informationen zu sammeln, müssen die Fragen an die Interviewpartner klug gewählt werden, ganz nach der Devise: freundlich, aber dennoch kritisch. Ebenso muss mit Bedacht entschieden werden, welche Zitate während eines Gesprächs aufgeschrieben werden. Denn nur fünf können zeitgleich vermerkt werden.

    Eine hohe Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit verlangt das Spiel allemal, schließlich finden alle Interviews in Textform statt. Auch gewisse Vorkenntnisse zur Thematik sind für die Spielenden von Nutzen. Aufgrund dieser hohen Anforderungen eignet sich das Spiel ab einem Alter von 14 Jahren.

  2. Tobias Hübner schreibt:

    „Global Conflicts: Palestine“ ist ein Musterbeispiel dafür, was sich momentan unter dem verkaufsfördernden Etikett „Serious Games“ auf dem Computerspielemarkt tummelt, dessen Produkte elterlichen und schulischen Erziehungsversuchen ja bekanntermaßen eher feindlich gegenüber stehen. Die Debatte um Amokläufer und „Ego-Shooter“ (übrigens ein Begriff, den zuvor niemals ein Spieler selbst in den Mund genommen hat) hat das Computerspiel zum neuen Feindbild stilisiert und bis heute werden die Leitartikel darüber von Menschen geschrieben, die sich nie dazu herablassen würden, ein Computerspiel auch einmal selbst zu spielen. Bei keinem anderen Feuilletonthema stellen Redakteure ihre Inkompetenz, die in diesem Fall in der Beurteilung eines ihnen völlig fremden Mediums besteht, offener zur Schau. Ein Spiel wird nicht etwa nach dem Spielspaß oder der Intensität des Spielerlebnisses beurteilt, sondern nach dem (meist imaginären) Nutzen bzw. Schaden, den es bei labilen Kindern anrichten könnte. Nur so sind die durchweg positiven Rezensionen dieses Spiels (u.a. in Spiegel Online) zu erklären.

    Hört man sich die Beschreibung des Spiels „Global Conflicts: Palestine“ an, so scheint ja auch ein Wunschtraum vieler Erzieher in Erfüllung zu gehen: der Spieler soll einen Einblick in den Nahostkonflikt erhalten und sich durch den Spielverlauf seine eigene Meinung dazu bilden – ohne Frage ein begrüßenswertes Ziel. Nur leider wird dieses Ziel bei den wenigsten Käufern erreicht werden, da viele vorher schon entnervt aufgeben dürften. „Global Conflicts: Palestine“ vergisst nämlich vor lauter pädagogischem Eifer, ein Spiel zu sein. Es bietet nicht „mehr als nur Unterhaltung“, wie es in großen Buchstaben auf der Rückseite der Spieleverpackung steht, es bietet überhaupt keine Unterhaltung. Adorno würde dies begrüßen, sah er doch in jeder Form der scheinbar geistlosen Unterhaltung bereits den Keim des Faschismus aufgehen. Aber Adorno hat seine Bücher daraufhin auch niemals als Unterhaltung getarnt, um mit dieser in Konkurrenz treten zu können.

    So genannte „Serious Games“ versuchen jedoch genau dies und bestrafen dadurch mit ihrem Erziehungswillen den Spieler mehr, als dass sie ihn unterhalten. Dies lässt sich an den ersten Spielminuten von „Global Conflicts: Palestine“ anschaulich zeigen:
    Nach einer kurzen Einweisung durch unseren Kontaktmann Henry Fullbright und dem Wahl unserer bevorzugten Zeitung trifft unser Alter Ego auf Shakil, der uns erzählt, dass die Palästinenser ihm das Wasser abgedreht haben. Die Frage, ob wir diesbezüglich mal „mit dem Beamten der Stadt“ sprechen könnten, beantworten wir pflichtbewusst mit „Ja“. Danach klicken wir uns weiter zu einem Beamten und fragen ihn: „Bist du dir bewusst, dass viele Palästinenser jetzt durstig sind, weil ihr sie benutzt um Terroristen unter Druck zu setzen?“ Während man sich auf das erste heiße Wortgefecht vorbereitet, in dem man seine journalistische Raffinesse unter Beweis stellen kann, erscheint auch schon die Antwort unseres Gegenüber: „Das muss ein Missverständnis sein. Ich werde mit meinem Vorgesetzten sprechen. Das Problem werden wir schnell lösen. Mach dir keine Sorgen.“ Das war einfacher als gedacht. Das erste „Rätsel“ ist gelöst, aber mein Punktestand ist immer noch bei „0“. Also zurück zu Shakil, der uns bittet, einen Brief zu überbringen. Und so geht es weiter: Wenig später bin ich bei einer Frau namens Miriam angelangt, die mir freundlich sagt: „Ich habe eine Reihe von kleineren Aufgaben, die dir vielleicht dabei helfen, dein Ansehen in der israelischen Gemeinde zu verbessern.“ Na gut, ich klicke auf „OK“ und weiter geht’s: „Wunderbar. Ich habe ein Hochzeitsgeschenk, das ausgeliefert werden muss und etwas Geld, das eingewechselt soll.“ Fragen, die ausländische Reporter hierzulande wohl weniger oft zu hören bekommen. Unterwegs treffe ich den Soldaten Roi, der in einem Haus einen illegalen Aktivisten vermutet. Er hat aber kein Interesse mich mitzunehmen, da ich die falsche Antwort angeklickt habe. Aber ich kann mich korrigieren und wähle die Schlüsselantwort: „Entschuldigung. Ich war nur ein bisschen gereizt. Ich bin nervös, weil das mein erster Auftrag ist. In Zukunft werde ich professioneller sein.“ Es kommt ein wenig Action ins Spiel. Die Soldaten sprengen die Tür und ich habe meinen ersten Punkt im Spiel. Es folgt ein Gespräch mit dem verhafteten Mann, der natürlich bestreitet, irgendetwas Illegales getan zu haben und der von mir gespielte Reporter spricht den denkwürdigen Satz: „Ich kann hier einige verschiedene Standpunkte erkennen.“

    Wer an dieser Stelle eine kleine Pause einzulegen gedenkt und „zurück ins Menü“ klickt, kann übrigens wieder von vorne anfangen, da das Spiel dann nicht gespeichert wird. Weitere Kleinigkeiten, die den Spaß am Spiel weiter schmälern, sind die langen Ladevorgänge, die endlosen Klickorgien, die nötig sind, um unsere Figur von der einen Ecke der Stadt zur anderen zur bewegen und schließlich auch die lieblose Grafik sowie die fehlende Sprachausgabe, die die manchmal sehr ausufernden Textpassagen etwas erträglicher gemacht hätte.

    Letztendlich scheitert „Global Conflicts: Palestine“ daran, dass es die Wissensvermittlung höher ansetzt als die Unterhaltung, was wohlgemerkt nur dann ein Fehler ist, wenn man es sich zum Ziel gesetzt hat, ein Spiel zu kreieren. Auch der Beweis dafür, dass die Verbindung der Wörter „Serious“ und „Game“ kein Oxymoron ergibt, konnte mit diesem Spiel nicht erbracht werden und es bleibt offen, ob dies jemals geschehen wird.

  3. Global Conflicts: Latin America schreibt:

    […] Global Conflicts: Palestine […]

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