Game Art

Vom Computerspiel zum Künstler

12.09.2016
Computerspiel und Kunst stehen in vielen Beziehungen zueinander. Spiele können Kunstwerke inspirieren und selbst Kunstwerke sein. Aber können sie auch zum Künstler werden? Die Echtzeitsimulation EMISSARY FORKS AT PERFECTION vom Amerikaner Ian Cheng wagt diesen Versuch.

Spiele besitzen das Potential, Kunst zu sein: Sie können uns berühren, provozieren oder mit Innovation überzeugen. Auf welche Art und Weise sie dies tun, entscheidet dabei allerdings nicht das Spiel selbst, sondern die Menschen, die das Spiel entwickelt haben. Sie sind also die Künstler hinter dem Kunstwerk. Aber kann ein Spiel auch selbst Kunst schaffen – und vom Spiel zum Künstler werden?

(Bild via iancheng.com)
Der in New York lebende Künstler Ian Cheng hat sich in seinem 2015 entstandenen Werk EMISSARY FORKS AT PERFECTION an einen solchen Versuch gewagt. Mit einer Computerspiel-Engine, also einem Programmiergerüst, mit dessen Hilfe man Spiele entwickeln kann, erschuf Ian Cheng eine virtuell animierte Echtzeitsimulation. Durch ihren Programmcode kreiert sie zufällig Figuren, Umwelt und Bewegungsabläufe. Die Figuren laufen wild umher, verdrehen ihre Gliedmaßen oder interagieren miteinander. Dann bleiben sie für zwei Stunden einfach stehen und starren auf dieselbe Stelle.

Zwar hat Ian Cheng die Simulation geschaffen. Was aber genau zu sehen ist, kontrolliert nicht er, sondern die Simulation: „a video game that plays itself“, wie er selbst sagt. Gezeigt wird die Simulation auf einer großen Kinoleinwand. Jeder Moment, den die Zuschauer/innen sehen, ist dabei einzigartig und kann nicht noch einmal wiederholt werden.


iancheng.com

Eindeutig lässt sich die Frage, wer der Künstler ist, nicht beantworten. Auf der einen Seite steht hinter dem Werk EMISSARY FORKS AT PERFECTION ein Mensch, der die Idee zu dem Projekt hatte und daraufhin den Programmcode schrieb. Auf der anderen Seite entscheidet aber einmal in Gang gebracht die Simulation völlig frei, was sie zeigt und wie sie es zeigt. Sie kann Welten schaffen, die anregen, inspirieren und berühren – und sogar den ursprünglichen Künstler selbst überraschen, wie Ian Cheng in einem Interview mit dem Kunstmagazin Artnews verrät: “I can’t fully hone in on the emotion that it should capture because I honestly don’t know what it’s going to do” .

(Bild via iancheng.com)
Wer Ian Chengs Echtzeitsimulation einmal selbst erleben möchte, hat noch bis zum 13. November Zeit. So lange ist EMISSARY FORKS AT PERFECTION als Teil der Ausstellung Welt am Draht in der Julia Stoschek Collection in Berlin zu sehen.

Weblinks

Offizielle Webseite von Ian Cheng

Artnews: The Cyborg Anthropologist: Ian Cheng on His Sentient Artworks

Julia Stoschek Collection Berlin
Sarah Pützer
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Siehe auch

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