spielbar Interviewserie

Ein Tag im Leben eines Gildenmeisters

Gildenleiter sind Organisatoren und Kummerkasten zugleich. Eine erfolgreiche Spielgemeinschaft benötigt eine Leitung, wie eine Fußballmannschaft eine Trainerin oder Trainer. Wie schafft man es zahlreiche Interessen unter einen Hut zu bringen, damit erfolgreich zu sein und parallel dazu ein Familienleben zu organisieren?

Nachdem wir in unserem letzten Interview die Counter-Strike-Szene näher beleuchtet haben, widmen wir uns heute einer anderen Form der Teamleitung in Spielen. Denn nicht nur im E-Sport müssen Spielende viel Zeit investieren um Erfolge einzufahren. Auch in anderen Genres braucht es Menschen, die organisieren und motivieren können, um das Beste aus Spielerinnen und Spielern heraus zu holen und eine Spielgemeinschaft zu formen. In MMORPGs sind dies die Gildenleiter. Für unser zweites Interview steht mit Ben Haeseler ein erfahrener Vertreter der Gildenleiterzunft Rede und Antwort. Der 28-jährige lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Oldenburg und steht kurz vor seinem Informatik-Diplom. Angefangen mit Spielen auf dem C64 und Game Boy fand er 1997 im Spiel Diablo seine erste Gilde und war seitdem in verschiedenen MMORPGs unterwegs – meistens als Gildenleiter. Seit 2005 spielt und leitet er die Geschicke der World of Warcraft-Gilde „Frozen Flame“ auf dem Server „Zirkel des Cenarius“.

spielbar: Du bist unter anderem in einer großen Gilde im MMORPG World of Warcraft als Gildenleiter aktiv. Wie bist du Gildenleiter geworden und worauf kommt es bei der Leitung an?

Ben Haeseler: Ich bin Gildenleiter geworden, als sich meine alte Gilde aufgelöst hat und sich die bisherigen Mitglieder dann auf neue Gilden verteilten. Eine dieser neuen Gilden habe ich aufgemacht, da ich mit vielen der alten Leute gerne weiter zusammen spielen wollte. Das ist nun schon über fünf Jahre her. Seitdem kamen und gingen zahlreiche Mitglieder. Derzeit leiten wir die Gilde zu fünft.
Die meisten Gilden haben, wie wir, neben dem Gildenleiter mehrere sogenannte Offiziere oder einen Rat, welcher gemeinsam die Gilde leitet. Diese haben zwei Aufgaben: Zum einen die Organisation gemeinsamer Spielabende, bei denen für eine Raid -Instanz entschieden werden muss, wer mit darf und wer nicht. Zum anderen hat eine Gildenleitung auch die Aufgabe die Gruppe zusammen zu halten und zwischen den Gildenmitgliedern zu vermitteln. Nicht alle Mitglieder der Gilde verstehen sich untereinander gut, so dass es mal zu Reibereien kommt. Hier sind der/die Gildenleiter dann auch die Ansprechpartner um solche Dinge zu klären.
Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gilde dabei, dass man aktiv und präsent ist. Worauf es am meisten ankommt, sind aber ein dickes Fell und diplomatisches Geschick. Jeder einzelne Spieler sieht natürlich in erster Linie nur sich und seinen Spaß, den er im Spiel und in der Gilde haben möchte. Das kann mit den Interessen anderer kollidieren. Und gelegentlich kommt es vor, dass dann auch der Gildenleiter der Buhmann ist, der einen nicht zum Raid mitnimmt und einem anderen Spieler den Vorzug beim Raidplatz oder der Loot -Verteilung gibt. Mit dem auftretenden Frust der Mitspieler muss man umgehen können und das darf man nicht persönlich nehmen. Die meisten, die diesen "Job" länger machen, wissen, dass sie dort regelmäßig etwas Stress erwartet und so macht das ganze kaum jemand, der nicht auch damit umgehen kann - und Spaß dran hat.

spielbar: Es gibt viele Spielende, die allein unterwegs sind und sich nur ab und zu mit anderen zusammen tun, um Quests zu lösen. In einer Gilde läuft das anders – welche Vor- und Nachteile hat das „Gildenleben“?

Ben Haeseler: Die Anzahl der Leute, die zusammenspielen, kann sich von Gilde zu Gilde gewaltig unterscheiden. Es gibt große Gilden mit hunderten von Mitgliedern, aber auch kleine, die nur aus einer Hand voll Freunden bestehen. Bei uns spielen 30 bis 35 Leute aktiv.
Für viele Gilden stellen wohl die Raids den größten Anreiz dar. Eine Raidgilde ist meiner Ansicht nach recht vergleichbar mit einem Fußballverein: Die anderen Mitspieler verlassen sich auf einen, also muss man regelmäßig zum Training und vor allem auch zu den Spielen kommen, wenn man aufgestellt wird. Tut man das nicht, wird einem verlässlicheren Spieler der Vorzug gegeben. Aber sich mit zehn bis 25 Leuten auf mehrere Termine in der Woche zu einigen, ist natürlich auch schwierig.
Gerade das ist ein Grund, warum viele Spieler allein unterwegs sind und ohne Gilde spielen: Man hat mehr Freiheit und ist nicht an Gildentermine gebunden. Eine Gilde bietet allerdings auch genau dadurch einige Vorteile, sofern man die Raids auf einem höheren Schwierigkeitsgrad bestreiten möchte. Man ist organisierter und kann sich besser aufeinander abstimmen.
Und für meinen Geschmack der wichtigste Vorteil einer Gilde: Der soziale Aspekt. Man lernt die Leute, mit denen man zusammenspielt, kennen. Wenn ich mit jemandem zusammenspiele und denjenigen sowieso nie wieder sehe, dann kann es mir ja eigentlich egal sein, ob der Charakter von einem Computer oder einem Menschen gesteuert wird. Aber mit Leuten, die man mag, zusammenzuspielen und eine schwierige Herausforderung in einem Raid gemeinsam zu bewältigen, macht natürlich wesentlich mehr Spaß, als nur in einer Zufallsgruppe unterwegs zu sein.

spielbar: Das klingt nach einem großem organisatorischen Aufwand. Wie viel Zeit nimmt das denn in Anspruch? Und wie bringst du deine Aufgaben im Spiel mit deiner Familie unter einen Hut?

Ben Haeseler: Wenn man es gut machen will: Viel Zeit.
Wie das Verhältnis genau ist, kann ich schwer abschätzen. Unsere Raids laufen drei Mal die Woche zu jeweils etwa drei bis vier Stunden am Abend. Mit der Vorbereitung und Überlegungen zur Teamaufstellung verbringen wir an den Tagen vorher aber auch schon gerne mal ein bis zwei Stunden.
Zwischendurch habe ich Tage, an denen ich im Spiel eingeloggt bin und chatte oder im TeamSpeak [Anmerkung: Ein Programm für Sprachübertragung während des Spielens] rede, aber gar nicht zum Spielen selbst komme. Das ist auch nicht jedermanns Sache, macht mir allerdings Spaß. Und wenn es darum gehen soll, dass man wirklich als Gildengemeinschaft existiert und nicht nur zusammen raidet, aber sonst kein Wort wechselt, ist das auch wichtig.

Die Familie ist beim Spielen so eine Sache. Ich habe das Glück, dass meine Frau selbst spielt und so natürlich auch volles Verständnis dafür hat, wenn ich abends dann mal länger brauche. Sie hat die Gilde auch selbst eine lange Zeit mitgeleitet. Seit bei uns aber die beiden Kinder dazugekommen sind, ist die Zeit, die man für das Spiel hat, doch merklich zurückgegangen. Mittlerweile beschränkt sich das Spielen in der Regel auf die Abende, sobald die Kinder im Bett sind. Denn vorher will man natürlich auch kein schlechtes Beispiel abgeben und den ganzen Tag über am Computer hocken.

 

spielbar: Was ist das Besondere an deinem „Job“ in der Gilde? Warum investierst du soviel Kraft und Mühe?

Ben Haeseler: Ich mag es, zu wissen, dass das ganze zumindest zum Teil in meinen Händen liegt und ich nicht einfach nur dasitzen und abwarten muss, was mit der Gilde wohl passiert. Ich ergreife gerne selbst die Initiative und fühle mich nicht ausgelastet, wenn ich "nur" als normaler Spieler dabei bin. Sicherlich ist es zwischendurch auch ganz schön, sich mal nicht um alles kümmern zu müssen, aber ohne würde mir etwas fehlen.
Viel investieren tue ich vor allem aufgrund der Leute, die mir mit der Zeit ans Herz gewachsen sind. Noch immer spielen bei uns Leute, die schon jahrelang bei uns sind. Ein Mitglied unserer Gilde habe ich noch im vergangenen Jahrtausend über Diablo kennengelernt und heute zählt derjenige zu meinen besten Freunden. Dann sind da zahlreiche andere, mit denen ich nun schon fünf Jahre und mehr in einer Gilde spiele und manche, die erst kürzlich zu uns gestoßen sind, mit denen ich nicht nur Abends ein wenig zusammen spiele, sondern mich oft auch einfach so unterhalte und die ich nicht mehr missen möchte. Das Spiel selbst ist es auch weniger, was mich dazu bringt, so viel zu investieren - die Mitspieler sind es. Und das ist es, was für mich den Reiz an unserer Gilde ausmacht.

spielbar: Vielen Dank für das Interview!

Weiterführende Links

Ein Tag im Leben eines E-Sportlers

World of Warcaft
Christian Knop
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